Maggy Nagel au sujet du domaine de la culture au Luxembourg

"Ich will eine funktionelle, lebendige Kultur"

Interview – Publié le

"Ich möchte weg von der Bezeichnung "Künstlerstatut". Ich will den Künstler nicht in ein Statut zwängen. Ich will ihm eine soziale Absicherung garantieren, mit der er seine Kreativität entfalten kann. Wir brauchen soziale Garantien für die Künstler, ganz besonders die jungen, aber kein Statut. Der Begriff ist zu rigide."

Tageblatt: War die Kultur Ihre Wunschdomäne?

Maggy Nagel: Ich habe bei den Regierungsverhandlungen damit geliebäugelt und bin froh, sie bekommen zu haben.

Tageblatt: Hätten Ihre politische Erfahrung und Vergangenheit Sie nicht viel eher für das Innenministerium prädestiniert?

Maggy Nagel: Ich habe bei den Regierungsverhandlungen die Arbeitsgruppe „Intérieur“ geleitet und war in der Tat auf dieses Tätigkeitsgebiet vorbereitet. Mit dem Bereich Wohnungsbau bleibe ich auch der Innenpolitik verbunden. Außerdem entdecke ich täglich, wie nahe die Kultur der Innenpolitik steht. Der Kontakt mit den Gemeinden, der mir am Herzen liegt, geht nicht verloren. Darüber hinaus entdecke ich ein Ministerium, in dem 390 Beamten in den unterschiedlichsten Instituten, Konservatorien, Kulturzentren, Museen und Schlössern beschäftigt sind. Genau wie in einer Gemeinde sind die „Human Ressources“  sehr weit gefächert, so dass ich auch da meine Erfahrungen einbringen kann.

Tageblatt: Wo wollen Sie die ersten Akzente setzen?

Maggy Nagel: Aus meiner Erfahrung als Bürgermeisterin heraus will ich die Arbeit des Denkmalschutzes neu orientieren. Der Kontakt mit den Gemeinden soll enger und regelmäßiger werden. Es darf nicht länger möglich sein, dass eine Gemeinde einen kompletten Bebauungsplan ausarbeitet, ewig lange auf eine Antwort wartet und dann gestoppt wird, weil ein Gebäudeteil unter Denkmalschutz steht. Das muss im Vorfeld schon bekannt sein und diskutiert werden...

Tageblatt:... auf die Gefahr hin, dass der Denkmalschutz den Kürzeren zieht?

Maggy Nagel: Wir müssen erhalten, was schützenswert ist. Aber wir müssen nicht alles ins nationale Inventar einschreiben. Bis Mitte des Jahres soll ein nationales Inventar entstehen. Die Gemeinden sollen dem Denkmalschutz dann unterbreiten, was bei ihnen schützenswert ist. Ich möchte von der Basis aus nach oben arbeiten und gemeinsam entscheiden, anstatt dass sich, wie bislang, das Ministerium über die Gemeinden hinwegsetzt.

Tageblatt: Wie soll das konkret vor sich gehen?

Maggy Nagel: Ein erstes Exempel habe ich schon statuiert. In Diekirch gab es ein Bauprojekt, bei dem fünf Häuser unter Denkmalschutz standen. Nach eingehenden Diskussionen haben wir beschlossen, nur ein Haus als 'Zeuge der Vergangenheit' zu erhalten und, die anderen abzureißen. Ich habe zeitlebens Politik mit gesundem Menschenverstand und im Dialog gemacht. Das soll sich nicht ändern.

Tageblatt: Wie steht es mit der Nachbesserung des Künstlerstatutes?

Maggy Nagel: Ich möchte weg von der Bezeichnung 'Künstlerstatut'. Ich will den Künstler nicht in ein Statut zwängen. Ich will ihm eine soziale Absicherung garantieren, mit der er seine Kreativität entfalten kann. Wir brauchen soziale Garantien für die Künstler, ganz besonders die jungen, aber kein Statut. Der Begriff ist zu rigide.

Tageblatt: Wie sieht diese Trennung in der Praxis aus? Wo ist künftig die Grenze zwischen der künstlerischen Unabhängigkeit und der staatlichen Förderung der Kreativität?

Maggy Nagel: Das kulturelle Schaffen gehört zum Marketing des Landes. Mit ihren Werken helfen die Künstler, unser Land zu verkaufen. Deshalb müssen wir die guten Projekte unterstützen. Sie werden künftig von Fachleuten analysiert und dann gegebenenfalls gefördert. Prioritär ist dabei, dass die Künstler in Luxemburg leben und arbeiten. Ich möchte uns nicht den Ruf geben, dass das Geld hierzulande leichter fließt als anderswo.

Tageblatt: Bei der Eröffnung des neuen Kulturzentrums in Differdingen wurde vereinzelt der Vorwurf laut, es gebe mittlerweile eine Übersättigung an derartigen Einrichtungen. Stimmt das?

Maggy Nagel: Der Bau dieser Kultureinrichtungen ist Sache der Gemeinden und diese müssen ihre Entscheidungsautonomie behalten. Allerdings werden die Folgekosten nicht immer bedacht. Wir können - bei aller Autonomie nicht noch mehr Kulturhäuser bauen. Wir sollten jetzt mal einen Plan aufstellen und genau prüfen, was es gibt und wo noch Mängel bestehen. Wir brauchen ja noch anderes als schöne, große Theaterhäuser. Probesäle für lokale Vereine und Räumlichkeiten für Vereinigungen sind genauso wichtig.

Tageblatt: Wie großzügig ist Ihr Budget und wo wollen Sie ansetzen?

Maggy Nagel: Ich habe mich mit diesen Zahlen im Hinblick auf die Budgetsitzung in Senningen genau beschäftigt. Das Ministerium hat nicht weniger als 89 Konventionen mit Organisationen wie CAL, Wiltzer Festival, CEPA oder UGDA und es vergibt Gelder an 27 Häuser wie die Philharmonie, das Mudam oder das CNA. Das sind 55 Millionen Euro.

Tageblatt: Bei seinem Abschied war der Direktor der Abtei Neumünster, Claude Frisoni, sehr streng mit der Politik und ihrer Vorgehensweise bei den Nominierungen. Sie haben abgewinkt und auf Zeit gesetzt, aber die Vorwürfe nicht von der Hand gewiesen?

Maggy Nagel: Ich hatte den schmerzlichen Unterton herausgehört und daraufhin das Gespräch mit Frisoni gesucht. Ich habe einen interessanten Menschen kennengelernt und gleichzeitig erfahren, welche Schäden entstehen, wenn starke Charaktere auf einandertreffen und der Dialog dadurch blockiert wird. Ich habe daraufhin beschlossen, auf eine klare Trennung der Aufgaben zu achten. Der Direktor ist der Kreative, der dem Haus seinen Charakter gibt. Der Verwaltungsrat soll über die Verwaltung wachen und dafür sorgen, dass sich das Programm durchziehen lässt.

Tageblatt: Bei der Nachfolge Frisonis ging es ja um Personen.

Maggy Nagel: Ich habe mit Ainhoa Achitegui gesprochen. Der Funke ist sofort übergesprungen, ich habe die Wahl nicht in Frage gestellt. Mehr Kopfzerbrechen bereiteten mir die. Aufgaben, die meine Vorgängerin dem pensionierten Regierungsrat Guy Dockendorf angetragen hat. Ich gehe davon aus, dass es hier im Haus genügend Leute gibt, die diese Missionen übernehmen können. Seine Arbeit im Verwaltungsrat der Abtei mache ich ihm nicht streitig.

Tageblatt: Eine ähnliche Malaise gab es auch im Mudam.

Maggy Nagel: Ich habe den Eindruck, dass die Politik überall viel zu sehr ihre Finger im Spiel hat. Vieles wurde groß geplant, aber nicht bis zum Schluss durchdacht und auch nicht mit Leben gefüllt.

Tageblatt: Die Politik muss aber doch die Impulse geben?

Maggy Nagel: Und dann muss die Verwaltung sie umsetzen. Das kann sie besser, wenn die Stimmung im Haus stimmt, wenn alle hinter den Ideen stehen. Ich treffe die Leitung des Mudam in den nächsten Tagen, weil ich mir wünsche, dass diese neue Wege geht, die dazu führen, dass das Museum mit mehr Leben gefüllt wird.

Tageblatt: Anders als Ihre Vorgänger werden Sie sich in den aktuellen mageren Zeiten kein Denkmal setzen können. Wo werden Ihre Akzente liegen?

Maggy Nagel: Ich brauche kein Denkmal. Ich will eine funktionelle, lebendige Kultur, ich will die Leute in die Kulturhäuser bringen. Dafür will ich mit Bildern, Musik und Theater an ihre Gefühle appellieren. Ich glaube in diesem Fall nicht an Facebook oder Twitter. Ich muss den Leuten in die Augen sehen können.

Tageblatt: Mit welchen konkreten Projekten?

Maggy Nagel: Mit der Fertigstellung der Nationalbibliothek und zusätzlichen Räumlichkeiten für das Nationalarchiv. Aber auch mit Umsetzung des Institutes für Zeitgeschichte, das die letzten hundert Jahre umfassen soll. Das wird mit der Uni Luxemburg und mit dem Escher Resistenzmuseum in Angriff genommen. Ich bin gespannt auf diese Arbeit, mit der wir eine historische Lücke auffüllen werden. Alle unsere Nachbarländer haben diese Materie schon längst aufgearbeitet, wir sind hier im Hintertreffen.