Lydia Mutsch au sujet de la Journée internationale de la femme

"Brauchen einen Mentalitätswechsel"

Interview – Publié le

"Vom Gesetz her sind Frauen in Luxemburg völlig gleichberechtigt. Doch verglichen zu anderen europäischen Ländern liegen wir im unteren Mittelfeld, was die tatsächliche Gleichberechtigung angeht. Der Anteil an Frauen in der Politik ist zu niedrig. Die Beschäftigungsrate von Frauen liegt weiterhin unter der der Männer. Nur ein Viertel aller Elternurlaube wird von Männern beantragt. Und vor allem in wichtigen Entscheidungsgremien und Verwaltungsräten sind Frauen völlig unterrepräsentiert. Frauen verdienen auch weniger als Männer."

Revue: Brauchen wir noch einen internationalen Frauentag?

Lydia Mutsch: Ich werde das oft von Männern gefragt. Und ob es dann nicht auch einen Männertag geben müsste?

Revue: Was antworten Sie denen?

Lydia Mutsch: Dass Männertag die restlichen 364 Tage im Jahr ist. Aber Scherz beiseite. Mein Ministerium hat in den letzten Jahren auch immer eine Veranstaltung rund um den internationalen Männertag organisiert. Wenn es noch Länder gibt, in denen der internationale Frauentag einen Sinn ergibt, dann gehört Luxemburg eindeutig dazu!

Revue: Steht es so schlecht um die Frauen?

Lydia Mutsch: Vom Gesetz her sind Frauen in Luxemburg völlig gleichberechtigt. Doch verglichen zu anderen europäischen Ländern liegen wir im unteren Mittelfeld, was die tatsächliche Gleichberechtigung angeht. Der Anteil an Frauen in der Politik ist zu niedrig. Die Beschäftigungsrate von Frauen liegt weiterhin unter der der Männer. Nur ein Viertel aller Elternurlaube wird von Männern beantragt. Und vor allem in wichtigen Entscheidungsgremien und Verwaltungsräten sind Frauen völlig unterrepräsentiert. Frauen verdienen auch weniger als Männer.

Revue: Wie ist das zu erklären?

Lydia Mutsch: Vom Gesetz her gibt es dafür keinen Grund. In vergleichbaren Karrieren verdienen Männer und Frauen als Berufsanfänger gleich viel. Aber schon fünf bis sechs Jahre später werden die ersten Unterschiede sichtbar. Frauen unterbrechen ihre Karriere öfter und verpassen so vielleicht den Aufstieg in die nächste Gehaltsstufe oder kommen dann nicht für eine Beförderung in Frage. Mit 30, spätestens 35 Jahren verdienen sie so weniger als ein Mann mit ähnlichem Berufsstart.

Revue: Hat das Auswirkungen auf die spätere Rente?

Lydia Mutsch: Sicherlich hat das Auswirkungen. Wer die Berufstätigkeit unterbricht und für diese Zeit keine Rentenversicherung bezahlt, bekommt am Ende natürlich weniger. Im Falle einer Scheidung ist das besonders schlecht für Frauen. Deshalb müssen wir alle Frauen auffordern, auch bei einer Unterbrechung der Karriere weiter in die Rentenversicherung einzuzahlen, um nicht Gefahr zu laufen, im Alter armutsgefährdet zu sein.

Revue: Sie sagten, die Beschäftigungsrate von Frauen sei geringer als die von Männern? Ist es schwieriger, Frauen zur Arbeit zu motivieren?

Lydia Mutsch: Luxemburg ist ein wohlhabendes und offenes Land, aber in vielem sehr wertkonservativ. Es gibt noch immer viele Familien, in denen die Frauen zuhause bleiben, wenn Kinder da sind. Wir haben auch zahlreiche sehr gut ausgebildete Akademikerinnen, die nie in ihrem Beruf gearbeitet haben. Aber dieser Tatbestand ist im Wandel. Vor 25 Jahren haben nur 40 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren gearbeitet, mittlerweile sind es fast 60 Prozent.

Revue: Was haben Sie sich als neue Ministerin für Chancengleichheit vorgenommen?

Lydia Mutsch: Wir sind kein Frauenministerium, wir vertreten das unterrepräsentierte Geschlecht, was natürlich in vielen Fällen Frauen sind. Unser Ziel, wie wir es auch im Regierungsprogramm festgesetzt haben, ist es, den Frauenanteil in staatlichen Gremien und auf allen Wahllisten bis zum Jahr 2019 auf 40 Prozent zu erhöhen. Wird dieser Prozentsatz nicht eingehalten, sind Sanktionen zu erwarten.

Revue: Das klingt nach Zwang und Bestrafung...

Lydia Mutsch: Ich wäre glücklich, wenn es weder sogenannte Quoten noch Sanktionen gäbe, aber es geht nicht anders. Wir brauchen einen Mentalitätswechsel und diesen erreichen wir leider nicht allein durch Sensibilisierung und Aufklärung allein. Das zeigen auch die Erfahrungen in anderen Ländern. Das Argument vieler Männer ist ja, dass ein so hoher Prozentsatz an kompetenten Frauen gar nicht zu Verfügung stehe.

Revue: Was sagen Sie dazu?

Lydia Mutsch: Das ist Unsinn. Doch, es stimmt natürlich, dass sich viele Frauen eine Führungsposition oder ein politisches Amt für sich selbst nicht vorstellen können, auch wenn sie die Kompetenz dafür haben. Deshalb müssen wir auch versuchen, die Frauen mehr zu motivieren.

Revue: Wie sollte das aussehen?

Lydia Mutsch: Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Durch einen festen Prozentsatz müssen zwangsläufig mehr Frauen auf diese Posten kommen. Aber auch die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden. In skandinavischen Ländern ist es beispielsweise verpönt, abends um acht Uhr noch im Büro zu sitzen. Wenn einer das macht, wird bei ihm gleich vermutet, dass er in Scheidung lebt. Wenn Frauen entlastet werden, weil sich auch Männer mehr um Haushalt und Familie kümmern, entwickeln sie auch mehr Interesse an gesellschaftlichen Fragen, engagieren sich oder steigen sogar in die Politik ein. Und genau das möchten wir schließlich erreichen.