Interview de Jean Asselborn avec la Saarbrücker Zeitung

"(...)Wir verlieren strategisch gesehen ein Land, das 17 Prozent vom Bruttosozialprodukt der EU darstellt"

Interview – Publié le

Interview: Saarbrücker Zeitung (Norbert Klein (SR) und Peter Stefan Herbst (SZ))

Saarbrücker Zeitung: Die luxemburgische Nationalmannschaft ist in der Qualifikation zur Fußball-EM gescheitert. Wem drücken Sie die Daumen?

Jean Asselborn: (...) Ich bin aufgewachsen mit großen französischen Fußballspielern wie Piantoni, Kopa. Die Franzosen liegen mir sehr am Herzen. Die Deutschen haben ja schon Einiges gewonnen, manchmal zu Recht, manchmal mit Glück. Ich glaube aber, dass auch die Belgier ein sehr gutes Turnier spielen werden und irgendwie die Außenseiter sind.

Saarbrücker Zeitung: Haben Sie schon mal eine solche Krise wie die aktuelle in der EU erlebt?

Jean Asselborn: (.. ) Man sagt immer, Europa wird stärker, wenn es Krisen bewältigt. Reden wir vom Brexit: Meines Erachtens verkraftet es die EU, sogar wenn ein starkes Mitglied die EU verlässt. Dann sind wir verletzt, wir sind amputiert, aber es geht weiter. Wenn wir aber den Reflex nicht mehr haben, die Essenz zu verstehen, das Gemeinschaftliche zu verstehen, die Werte, auf die die EU aufgebaut ist, dann, glaube ich, geht es nicht mehr weiter. Das ist der Punkt, wo wir heute vielleicht sind.

Saarbrücker Zeitung: Könnte der Brexit ein Weckruf sein, dass man sagt, so kann es nicht weiter gehen, lasst uns einen Neustart probieren?

Jean Asselborn: (. ..) Großbritannien, das ist ja eigentlich ein innerparteiliches Problem, das auf die europäische Ebene gestellt wird. Wenn das schief geht, haben die, die das zu verantworten haben, einen großen Fehler gemacht, für ihr Land und natürlich auch für die EU. (. ..) Das große Problem ist ja auch, wir verlieren strategisch gesehen ein Land, das 17 Prozent vom Bruttosozialprodukt der EU darstellt. Aber wir haben auch noch die Gefahr, dass andere nachziehen könnten, dass das die EU dann sehr schlimm destabilisiert.

Saarbrücker Zeitung: Haben die europäischen Eliten Fehler gemacht, zu sehr auf allgemeine Themen zu setzen, viele Menschen aber das Gefühl haben, dass es in ihrer Lebenswirklichkeit andere Probleme gibt, und Rechtspopulisten das ausnutzen?

Jean Asselborn: (...) Ich fürchte nicht diese zehn, 15, vielleicht manchmal 20 Prozent in den Ländern, die Europa zerstören wollen. In Frankreich hat der alte Le Pen schon in den 50er, 60er Jahren gewütet (. . .). Dieses Phänomen war immer da. Das macht mir keine allzu große Angst (. . .). Das schaffen wir. Das Problem ist, wenn sogenannte traditionelle, politische Familien in die Regierung kommen und (. . .) die Werte der EU biegen, zum Beispiel die Unabhängigkeit der Justiz oder der Medien.

Saarbrücker Zeitung: Sie meinen Polen und Ungarn?

Jean Asselborn: Ja, zum Beispiel. Da darf man nicht sagen, lasst uns mal schauen, wie es geht. Nein, das geht nicht, dass wir hier Gleichgültigkeit zeigen. (. ..) Wenn es um die Werte geht, die nicht respektiert werden in einem Land, ist das auch eine europäische Angelegenheit (. . .).

Saarbrücker Zeitung: Wie schätzen Sie die Partei "Alternative für Deutschland" ein?

Jean Asselborn: (. ..) Die AfD ist nicht das Produkt der Haltung der deutschen Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage. Es kann eine Konsequenz sein, aber stellen Sie sich vor, Deutschland hätte reagiert, wie Ungarn reagiert hat im Sommer letzten Jahres. Dann wäre Europa explodiert, (. . .) es würde nicht mehr bestehen. Ich glaube, dass auch diese AfD eine ganz ephemere Erscheinung sein wird (. . .). Das sind die Menschen, die Populisten, die Opportunisten, die nicht wollen, dass in Europa eine Lösung gefunden wird in der Flüchtlingsfrage, weil ihnen das nicht ins Konzept passt. Aber wenn wir das fertigbringen - und ich bin davon überzeugt, trotz aller Schwierigkeiten - dann werden solche Strömungen wie die AfD sehr schnell wie die Würmer im Boden verschwinden. "Frauke Petry und die AfD in Deutschland sind uninteressant' Zum Abschluss des Saartalks gilt es traditionell für die Gäste der Sendung, vorgegebene Sätze schnell und möglichst spontan zu ergänzen.

Saarbrücker Zeitung: Die Sicherheitsprobleme rund um die Fußball-EM sind. . .?

Jean Asselborn: . . .gewaltig.

Saarbrücker Zeitung: Die europäischen Werte werden bedroht durch. . .?

Jean Asselborn: . . .Populismus und Unkenntnis der Werte der Europäischen Union.

Saarbrücker Zeitung: Ein Brexit, ein Austritt Großbritanniens aus der EU, wäre. . .?

Jean Asselborn: ...nicht im Interesse Großbritanniens und auch sicherlich nicht im Interesse der Europäischen Union.

Saarbrücker Zeitung: Frauke Petry und die AfD in Deutschland sind. . .?

Jean Asselborn: . . .uninteressant.

Saarbrücker Zeitung: Die Hoffnung auf eine Abschaltung des französischen Akws Cattenom habe ich. . .?

Jean Asselborn: . . .die haben wir alle (. . .). Wir unternehmen ja zusammen Anstrengungen, aber ob das für morgen ist, da zweifle ich dran.

Saarbrücker Zeitung: Luxemburg und das Saarland sollten enger zusammenarbeiten, bei. . .?

Jean Asselborn:... bei allem, was die Menschen angeht. Wir haben 8000 Saarländer, die jeden Tag nach Luxemburg kommen. Bessere Verbindungen, zum Beispiel.

Saarbrücker Zeitung: An meinem deutschen Kollegen Frank -Walter Steinmeier schätze ich besonders.. .

Jean Asselborn: ...seine Freundschaft.

Saarbrücker Zeitung: An Angela Merkel schätze ich besonders. . .?

Jean Asselborn: (...) Sie ist eine politische Arbeiterin, die aber mit einer gewissen Zielstrebigkeit bis jetzt ihre Ziele erreicht hat.