Interview von Dan Kersch mit dem Tageblatt

"Wir hatten eine Situation, die nicht einfach war"

Interview – Publié le

Interview: Tageblatt (Jennifer Muller, Robert Schneider, Finn Overdick, Luc Laboulle)

Tageblatt: Herr Kersch, können Sie uns die Geschehnisse, die morgens bei ArcelorMittal stattfanden, kurz schildern, damit Klarheit geschaffen werden kann?

Dan Kersch: Ich war gegen halb elf vor Ort, dort bekam ich die Information, dass es eventuell mehr Verletzte gebe. Als ich vor Ort ankam, habe ich das getan, was sich aufgedrängt hat, weil wir wussten, dass drei Menschen in der Tat gesundheitliche Probleme hatten und auch weitere Personen mit ihnen in Kontakt waren. Und auch aufgrund der Informationen, die wir von ArcelorMittal-Leuten bekamen, dass wir es eventuell mit Überresten von Kriegsschrott zu tun haben.

Das ist eine ernste Geschichte. Als ich dort ankam, waren die Einsatzkräfte bereits dabei, sich langsam an den Waggon (mit Waffenschrott aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, d.Red.) heranzutasten und Messungen zu machen, die sich stets als negativ erwiesen. Die Geräte haben zu keinem Zeitpunkt etwas angezeigt.

Zu Beginn waren gleich zwei Polizisten vor Ort, sie wurden praktisch parallel mit der Feuerwehr gerufen und mit den Krankenwagen, weil eben auch gesagt wurde, dass wir es mit Granaten zu tun hätten. Dann haben sie festgestellt: Da sind in der Tat Reste von Granaten und dann wurde natürlich der ganze Apparat in Bewegung gesetzt. Dann sind unsere chemischen Abteilungen der Berufsfeuerwehr, die chemischen Abteilungen von Lintgen, zur Stelle gewesen, ebenso wie die Armee mit ihrem "Service deminage".

Tageblatt: Können Sie uns das Vorgehen Ihrerseits ebenso wie das der Einsatzkräfte erläutern?

Dan Kersch: Wir hatten eine Situation, die nicht einfach war. Ich denke, dass wir von unserer Seite die Sache vom ersten Moment an im Griff hatten und alles richtig gemacht haben. Wir haben uns als Erstes um die Entscheidungen gekümmert, die vor Ort gemacht werden mussten. Die wir auch gegenüber der Presse mitgeteilt haben. Ich habe gestern in einem Interview gesagt, dass man bei jedem Einsatz dieser Art Dinge sieht, die gut gelaufen sind, und Dinge, die weniger gut gelaufen sind. Die Kommunikation war ganz sicher eines dieser Dinge, die nicht sehr gut funktioniert haben.

Tageblatt: War es ArcelorMittal, das als Erster die Polizei alarmierte?

Dan Kersch: ArcelorMittal hat die erste Meldung gemacht. Ich glaube, es war 8.13 Uhr, als die die Nummer 112 gewählt haben. Und auch gesagt haben: Wir haben hier Verletzte und wir gehen davon aus, dass es im Rahmen von Kriegsresten ist, die sich in der Nähe befinden.

Tageblatt: Haben die Personen, wegen denen angerufen wurde, denn dort etwas angefasst?

Dan Kersch: Das wissen wir nicht. Das, was wir wissen, ist, dass die Personen, wie der Direktor von ArcelorMittal sagte, gar nicht in direktem Kontakt mit den Waggons gewesen sind, sie befanden sich nur in der Nähe des Waggons.

Tageblatt: Was hat es nun mit der Dekontamination auf sich?

Dan Kersch: Wir wussten, dass eben zusammen mit den drei Personen auch andere Personen mit ihnen in Verbindung waren und die Experten, die vor Ort waren, haben uns gesagt, dass es - wenn es sich wirklich um Kampfstoffe handele - nicht reiche, nur die drei Personen zu behandeln, sondern dann müssten alle Personen, die mit ihnen in Kontakt waren, sei es über Haut- oder über Kleiderkontakt, dekontaminiert werden. Wir haben dann vor Ort die Maßnahmen ergriffen, die sich aufgedrängt haben. Ich habe dann die "cellule de crise" einberufen, die Phase eins - also nicht die nationale "cellule de crise", die über den HCPN läuft und für die der Staatsminister zuständig ist -, sondern die, die im Rahmen des "Plan nombreuses victimes" vorgesehen ist und vom Innenminister aktiviert wird. Das hatte den großen Vorteil, dass wir auf diese Art und Weise zwei Dinge wussten: erstens, dass wir mit vielen Personen zu tun haben werden, die dekontaminiert werden müssen, und zweitens, dass wir eine große Anzahl an Personen in die Krankenhäuser bringen müssten. Der "Plan nombreuses victimes" ist dafür da, die Krankenhäuser zu benachrichtigen, diese Menschen aufzunehmen. Insgesamt 18 Personen, nachdem sie vom Notarzt untersucht worden waren, haben den ausdrücklichen Wunsch geäußert, zusätzlich im Krankenhaus untersucht zu werden. Das wurde dann auch so umgesetzt.

Die zwei Polizisten plus alle Leute von den Rettungsdiensten, die mit den drei Personen in Kontakt waren - das waren glaube ich insgesamt 20 mit denen drei - wurden daraufhin sofort dekontaminiert. Als dann der theoretische Perimeter von 100 m gezogen wurde, ist festgestellt worden, dass in einem Gebäude auch noch 25 weitere Personen gearbeitet haben. Sie sind ebenfalls präventiv dekontaminiert worden. Die waren von ArcelorMittal, im Gegensatz zu den anderen. Sie waren von ArcelorMittal oder von einer französischen "sous-traitance".

Tageblatt: Wie geht es den drei Personen jetzt?

Dan Kersch: Von den drei Personen - das wissen wir in der Zwischenzeit, das ist nun eine neue Information, die uns gestern auch noch einmal der Direktor der ITM bestätigte - hatte eine Ätzungen auf der Haut, genauer auf der Hand, die andere im Gesicht und die dritte hatte Probleme mit den Atemwegen. Die beiden Erstgenannten haben gestern wieder gearbeitet. Und der Dritte ist eine Woche krankgeschrieben. Alle anderen Personen, die untersucht und dekontaminiert wurden, d.h. die Kleidung ablegen mussten, wurden geduscht. Alle anderen waren nicht unbedingt Personen, die in direktem Kontakt oder in der Nähe der Waggons waren.

Tageblatt: Was ist mit den Verätzungen, die die drei hatten? Medizinisch gesehen, was ist das genau gewesen? Welche Verätzungen waren das und auf was sind sie zurückzuführen?

Dan Kersch: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich später mit dem Notarzt darüber gesprochen habe, der ja alle drei untersucht hat. Und dann habe ich gefragt: Wie ist der Zustand von den Personen? Wie geht es ihnen? Er sagte: Das sind leicht Verletzte, um nicht zu sagen "très leger", das ist der Ausdruck, den er benutzte.

Die Personen sind ja auch bereits am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen. Bei demjenigen, der über Atemnot geklagt hat und der ja erst später ins Spiel gekommen ist, ist unklar, ob er einer der beiden war, die in der Nähe der Waggons waren, oder ob es sich um den handelt, der nachträglich hinzukam.

Tageblatt: Wer wurde durch das Auslösen der "cellule de crise" kontaktiert?

Dan Kersch: Der Vorteil dieser "cellule" ist, dass nicht nur Krankenhäuser sofort alarmiert werden, sondern auch eine ganze Reihe andere Leute, wie es der "Plan nombreuses victimes" vorsieht. Einerseits ist das die "Sante", die ITM ("Inspection du travail et des mines"), von unserer Seite die "Administration des services de secours", HCPN, der Bürgermeister und selbstverständlich auch die beiden Firmen, in diesem Fall waren das ArcelorMittal und die CFL.

Tageblatt: Was sind die wichtigsten Punkte, die Sie schnellstmöglich auf der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz mitteilen wollten?

Dan Kersch: Von 11.45 bis 12.30 Uhr wollte ich eine Pressekonferenz abhalten. Hier war es vor allem wichtig, die Presse zu informieren, und auch mit konkreten Informationen. Während wir die Pressekonferenz dann vorbereitet haben, ist die Meldung von der Armee eingetroffen, die Messungen vorgenommen hatte, dass von dem Waggon keine Gefahr ausgehe und es keinen Austritt von Gasen gegeben habe. Das waren ganz professionelle Apparate, mit denen die Messungen durchgeführt wurden.

Das war auch der Moment, in dem ich gesagt habe: Ich gebe Entwarnung. Nicht früher, sondern erst als wir sicher wussten, von den Messungen aus, dass nichts da sei. Deshalb hat die Pressekonferenz auch etwas verzögert begonnen.

Bei der Pressekonferenz habe ich dann zwei Dinge relativ klar gesagt, zum einen, dass die Personen dekontaminiert wurden. Zweitens habe ich gesagt, entgegen dem, was von einigen Seiten gemeldet wurde, dass keine Personen ohnmächtig wurden, zu keinem Moment.

Das waren eigentlich die wichtigsten Punkte, neben dem, was des Weiteren beschlossen wurde: dass der Waggon jetzt Stück für Stück auseinandergenommen werde.

Tageblatt: Was ist nun letztendlich mit dem Waggon passiert?

Dan Kersch: Um solch einen Waggon auseinanderzunehmen, braucht ArcelorMittal normalerweise 20 Minuten. Mit einem Kran. Die ITM habe ich mittags in der Krisensitzung zusammen mit ArcelorMittal und der Armee beauftragt, ein Konzept auszuarbeiten, dass wir diesen Waggon auseinandernehmen können. Das haben sie auch gemacht und abends waren die Arbeiten abgeschlossen. Schicht für Schicht wurde das Material heruntergenommen.

Dann ist wieder jemand in den Container gestiegen, um nachzusehen, ob noch irgendetwas da ist, und anschließend ist wieder ein Stück herausgeholt worden. So haben sie kontinuierlich weitergemacht.

Tageblatt: Was ist mit dem Gerücht und der Hypothese einer Evakuierung von Differdingen?

Dan Kersch: Ich sage Ihnen, was dahintersteckt; in der Sitzung der "cellule" ist zu keinem Zeitpunkt über eine Evakuierung gesprochen worden. Das war kein Thema. Der Vertreter der Armee hat gesagt, dass sie im Fall, wenn wirklich einmal eine Vergiftung stattfindet, Kontakt zu französischen und belgischen Krankenhäusern und Personen, die in der Behandlung von Giftgas spezialisiert sind, hätte. Aber zu keinem Zeitpunkt war angedacht, Einwohner nach Frankreich zu evakuieren.

Wenn evakuiert worden wäre - was ja in der Tat nicht auszuschließen gewesen wäre, je nachdem, was unsere Messungen ergäben hätten - dann hätte man das Szenario einer Evakuierung diskutieren müssen. Das war aber zu keinem Zeitpunkt der Fall.