Interview von Claude Meisch mit dem Luxemburger Wort

"Regierung hat nicht alles richtig gemacht"

Interview – Publié le

Interview: Luxemburger Wort (Michèle Gantenbein)

Luxemburger Wort: Herr Meisch, Sie haben 85 bildungspolitische Maßnahmen angekündigt. Wie sieht Ihre Halbzeitbilanz aus? 

Claude Meisch: Fast die Hälfte der Projekte sind umgesetzt oder in der Umsetzungsphase. Wir sind gut vorangekommen. 

Luxemburger Wort: Welche Reformen wollen Sie bis zu den nächsten Wahlen unbedingt umgesetzt haben? 

Claude Meisch: Der mit Abstand größte Brocken ist die Secondaire-Reform, aber auch in der Berufsausbildung werden wir nachbessern. Im Fondamental setzen wir das mit dem SNE ausgehandelte Abkommen um. Kernpunkte sind die Schulentwicklung und die 150 zusätzlichen spezialisierten Lehrer. Im non-formalen Bereich steht die multilinguale Frühförderung im Mittelpunkt. 

Luxemburger Wort: Gibt es Baustellen, bei denen Sie nicht wie geplant voranschreiten? 

Claude Meisch: Wir haben sehr viel Zeit auf die Restrukturierung des Ministeriums verwendet – die Arbeitsabläufe, die Aufstellung der finanziellen und personellen Ressourcen. Da sind wir lange nicht aus den Startlöchern gekommen. Auch der Streit um das Sparpaket hat viel Zeit und Energie gekostet. 

Luxemburger Wort: Ein Projekt, das Sie nicht umsetzen konnten, ist der Grundschuldirektor. Tut Ihnen das leid? 

Claude Meisch: Aus dem demokratisch gewählten Schulpräsidenten einen Direktor zu machen, hätte eine Reihe von Problemen zur Folge gehabt. Wir hätten den Inspektor abschaffen müssen. Man kann nicht zwei Chefs haben. Mit der jetzigen Lösung behalten wir beides: den Inspektor, der zum regionalen Direktor wird und Chef bleibt, und den von den Lehrern demokratisch gewählten Schulpräsidenten.  

Luxemburger Wort: Wie bewerten Sie Ihre eigene Arbeit? Haben Sie in allen Bereichen die Sockel erreicht? 

Claude Meisch: (lacht) In vielen Einzelkompetenzen haben wird sicherlich den Sockel erreicht, in anderen sind wir sogar noch besser. Natürlich gibt es Dinge, die ich heute anders machen würde. Im Bildungsressort bläst der Wind bekanntlich etwas rauer, aber ich finde den Job nach wie vor spannend, zumal der eine oder andere Sturm einen nicht davon abgehalten hat, weiterzukommen. 

Luxemburger Wort: Stichwort "Manches würde ich heute anders machen". Etienne Schneider hat im Interview mit dieser Zeitung das "Zukunftspak" als Fehler bezeichnet, den er nicht noch einmal machen würde. Sehen Sie das auch so? 

Claude Meisch: Aus rein parteipolitischer Perspektive kann ich seine Aussage verstehen. Ich sehe die Dinge allerdings anders. Ohne Zukunftspaket wäre vieles nicht möglich gewesen. Wir haben das Land modernisiert, finanziellen Spielraum geschaffen, um mehr zu investieren, wo es notwendig ist. Das war richtig. Aber wir hätten deutlicher erklären müssen, warum diese Maßnahmen notwendig waren. 

Luxemburger Wort: Was würden Sie heute anders machen?

Claude Meisch: Ich würde nicht mehr durch die Grundschulen laufen, mit dem Ziel, einen neuen Stundenplan einzuführen, obwohl das ja nicht unbedingt unser Ziel war. Das war ungeschickt und mit Sicherheit keine Glanzleistung. Heute erreichen wir unsere Ziele, indem wir konstruktive Gespräche mit den Schulpartnern führen. 

Luxemburger Wort: Würden Sie heute auch die Sache mit dem Sparpaket im Secondaire anders angehen? 

Claude Meisch: Das ist schwer zu sagen. Auch aus heutiger Sicht war die Sparmaßnahme nicht falsch. Aber ich habe einiges unterschätzt, zum einen die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Lehrerschaft, zum anderen den wegen der Reformen im öffentlichen Dienst und der Secondaire-Reform angestauten Frust, der in die Verhandlungen über das Sparpaket hineingeschwappt ist. Davon einmal abgesehen hätte ich gleich zu Beginn meiner Amtszeit den Schulen einen Besuch abstatten sollen ... 

Luxemburger Wort: Was war bislang die kniffligste und schwierigste Sache, bei der Sie am meisten Fingerspitzengefühl brauchten? 

Claude Meisch: Fingerspitzengefühl braucht man jeden Tag und in allen Bereichen. Manchmal kann eine Nebensächlichkeit einen Tornado auslösen. Die Annäherung von außerschulischer und schulischer Betreuung ist eine große Herausforderung, die sicherlich viel Fingerspitzengefühl erfordert.  

Luxemburger Wort: Haben Sie heute, zweieinhalb Jahre nach Amtsantritt, mehr Fingerspitzengefühl als am Anfang? 

Claude Meisch: Man lernt jeden Tag dazu. Man darf nicht stur an seiner Haltung festhalten. Ich habe heute eine andere Sensibilität für den Bildungsbereich, den ich ja vorher nicht sonderlich gut kannte. Ich möchte mir den Blick von außen aber nicht ganz abgewöhnen. Man muss Verständnis und eine gewisse Sensibilität entwickeln, manches aber auch hin und wieder in Frage stellen. 

Luxemburger Wort: Der Konflikt im Secondaire war ein einschneidendes Ereignis. Steht die jährliche Ersparnis von 3,5 Millionen Euro bis 2019 bzw. das Abkommen im Verhältnis zu dem Porzellan, das zerschlagen und noch nicht wieder zusammengeklebt wurde? 

Claude Meisch: Auf keinen Fall steht das im Verhältnis. Es wäre aber auch falsch, sich als Bildungsminister zu verstecken mit dem Argument: Für 3,5 Millionen Euro lohnt sich das Ganze nicht. Wir investieren in den kommenden Jahren massiv Ressourcen und finanzielle Mittel in die formale und non-formale Bildung. Diese Mehrausgaben wären ohne einen Beitrag des Bildungsressorts zum Zukunftspak nicht zu schultern. 

Luxemburger Wort: Sie haben ausschließlich im Secondaire gespart, im Fondamental hingegen haben Sie darauf verzichtet... 

Claude Meisch: Im Fondamental war in dem Sinne keine reine Sparmaßnahme vorgesehen. Im Fondamental stand die Überlegung im Vordergrund, bestehende Ressourcen effizienter zu nutzen. Dort sind wir uns einig geworden, die im Rahmen des Lehrerkontingents geplanten Ressourceneinsparungen bis 2019 zu reinvestieren. Das entspricht den 150 spezialisierten Lehrern. 

Luxemburger Wort: Die Urteile der Gerichtsverfahren gegen das Sparpaket sind noch nicht gesprochen. Haben Sie keine Angst, dass das Abkommen gekippt werden könnte? 

Claude Meisch: Das liegt jetzt in den Händen der Gerichte. Sollte es gekippt werden, stellt sich die Frage, was das gesetzliche Instrument der Schlichtung dann überhaupt noch wert ist. Ich gehe nicht davon aus, dass es gekippt wird. Wir sind dabei, das Abkommen schrittweise umzusetzen. 

Luxemburger Wort: In der Unterstufe des Technique möchten Sie zwei Leistungsniveaus einführen, in den Sprachen und in Mathematik. Warum nicht auch im Classique? 

Claude Meisch: Heute werden Schüler mit einer Teilschwäche im EST in allen Fächern generell nach unten orientiert. Das ist ungerecht. Künftig sollen die Stärken im Vordergrund stehen mit der Möglichkeit, Teilschwächen aufzuarbeiten. Es muss aber auch noch einen Unterschied zum EST geben. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass wir auch Bildungsangebote für starke Schüler brauchen, die in der Lage sind, hohe Sprachanforderungen zu schultern. 

Luxemburger Wort: Welche Angebote erhalten talentierte Schüler mit einer sprachlichen Teilschwäche, damit auch sie in einem Classique bestehen können? 

Claude Meisch: Immer mehr Schulen bieten internationale Lehrgänge an. Im Herbst öffnet die internationale Schule in Differdingen ihre Türen. Manche Schulen im Classique bieten auf 7e rein frankofone Klassen an mit Deutsch als Fremdsprache. Ähnliche Angebote gibt es für Schüler, die sich mit der französischen Sprache schwertun. Das Classique muss seine Zielsetzungen behalten. Wir dürfen es nicht wegreformieren oder zu einem Teil des EST werden lassen. 

Luxemburger Wort: Blicken wir nach vorne. Glauben Sie daran, dass es eine zweite Amtszeit für Blau-Rot-Grün geben wird? 

Claude Meisch: Das liegt in den Händen der Wähler. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Umfragewerte momentan nicht in diese Richtung deuten. Die Regierung hat nicht alles richtig gemacht. Sie hat die Menschen mit ihrem Reformeifer teilweise überstrapaziert, es ist ihr nicht gelungen, die Notwendigkeit einer Reihe von Maßnahmen zu vermitteln. Es wäre schön, wenn wir den Menschen vermitteln könnten, dass wir, bei aller Notwendigkeit, das Land zu modernisieren, es nicht auf den Kopf stellen, die DNA des Landes nicht verändern wollen. 

Luxemburger Wort: Sie glauben also nicht wirklich an eine zweite Amtszeit... 

Claude Meisch: Ich stehe nicht jeden Morgen auf, um auf eine zweite Amtszeit hinzuarbeiten. Ich möchte das Bildungssystem modernisieren und neu aufstellen und ich möchte, dass die Politik der Regierung richtig verstanden wird. Wir wollen das Land nicht umkrempeln, aber es wurde so verstanden. Was die Wahlen angeht, muss man abwarten. In meiner Partei gibt es keinen Beschluss, der besagt, dass nur eine Gambia-Koalition möglich ist und sonst nichts. 

Luxemburger Wort: Angenommen die DP ist auch nach 2018 wieder in der Regierung. Streben Sie persönlich eine Fortsetzung Ihres Mandats an? 

Claude Meisch: Es kommt nicht auf meine persönlichen Ambitionen an. Sollte ich allerdings von meiner Partei noch einmal gefragt werden, wäre ich mit ebenso großer Begeisterung dabei wie in meiner ersten Amtszeit, wobei das Amt des Bildungsministers nicht an mich herangetragen wurde, sondern ich den Wunsch angemeldet hatte...

Luxemburger Wort: In Umfragen landen Bildungsminister selten ganz vorne. Das gilt auch für Sie. Beunruhigen Sie die Ergebnisse Ihrer Partei und Ihre eigenen?

Claude Meisch: Natürlich lässt einen das nicht kalt. Man sucht nach Ursachen, nach Fehlern. Wäre ich gerne der König der Umfragen, was ich übrigens auch vorher nicht war, dann hätte ich mir sicher nicht das Bildungsressort ausgesucht. Ich sehe meine Aufgabe auch nicht darin, der König der Umfragen zu werden. Meine Mission ist erfüllt, wenn ich nach fünf Jahren sagen kann, dass ich zu einer Reihe von Verbesserungen beigetragen habe. 

Luxemburger Wort: Sie stammen nicht aus dem Bildungsbereich. Ist das von Vorteil oder eher von Nachteil? 

Claude Meisch: Weder noch. So wenig, wie man Banker oder Arzt sein muss, um Finanz- oder Gesundheitsminister zu werden, so wenig muss man aus dem Lehrermilieu stammen, um als Bildungsminister zu taugen. 

Luxemburger Wort: Inwiefern hilft Ihnen Ihre Ausbildung als Wirtschaftsmathematiker bei der Ausarbeitung von bildungspolitischen Reformen? 

Claude Meisch: (lächelt) Ich hoffe nicht, dass ich als das wahrgenommen werde, was viele Menschen sich gemeinhin unter einem Wirtschaftsmathematiker vorstellen. Ich hoffe als Mensch auch noch andere Aspekte bieten zu können. Vom Wesen her bin ich vielfältig interessiert. Ich habe mich nie auf etwas Präzises festlegen wollen. Meine schulische und berufliche Biografie belegen das. Ich wollte nie stehen bleiben. Daher auch meine Motivation für das Thema Bildung, mit dem ich vor 2013 ja nie sonderlich aufgefallen bin. Aber es hat mich immer fasziniert. Das gesagt, konnte ich natürlich auf Erfahrungen aus meiner Amtszeit als Bürgermeister zurückgreifen. 

Luxemburger Wort: Hatten Sie bei Amtsantritt bereits eine klare Vorstellung, wohin Sie das Bildungssystem bringen wollten? 

Claude Meisch: Grundsätzlich ja. Für mich war klar: Wir brauchen unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Schüler. Klar war auch, dass ich nicht vorschreiben würde, welches System das geeignetste ist. Wir müssen aufhören, diese Diskussion zu führen. Das ist reine Zeit- und Energieverschwendung. Auf allen Ebenen. Jedes Kind entwickelt sich anders. Ich freue mich, dass wir diesen Aspekt in der Secondaire-Reform verankern konnten. Das war im Gesetzentwurf von 2013 nicht so vorgesehen. Auch im Fondamental werden wir den Aspekt der Schulentwicklung gemäß den Bedürfnissen der Schüler noch stärker gesetzlich verankern. 

Luxemburger Wort: Was sollen die Menschen am Ende dieser Legislaturperiode über Ihre 
Politik sagen? 

Claude Meisch: Ich gehöre nicht zu der Sorte Politiker, die von jedem gelobt werden wollen. Kritisch-konstruktive Auseinandersetzungen über Bildungsfragen sind wichtig. Dennoch wäre es schön, wenn anerkannt würde, dass wir viel bewegt und die Schule an die heutige Zeit angepasst haben. 

Luxemburger Wort: Angenommen, die DP ist nach den Wahlen 2018 nicht mehr in der Regierung und Sie nicht mehr Bildungsminister. Würde es Ihnen leid tun, wenn Projekte, die von Ihnen in die Wege geleitet wurden, nicht zu einem Abschluss kämen? Ich denke da z.B. an die Institute...

Claude Meisch: Wir haben schon den Anspruch, das meiste bis zu den nächsten Wahlen umzusetzen. Andererseits ist es völlig normal in einer Demokratie, dass es zu anderen politischen Konstellationen und Prioritäten kommt. Ich würde mir aber wünschen, dass wir zu einem übergreifenden Konsens über die große Entwicklungsrichtung der Luxemburger Bildungspolitik gelangen könnten. Es ist für die Schulpartner – Schüler, Eltern, Lehrer – nicht ertragbar, wenn alle paar Jahre die Richtung ändert. Man braucht eine gewisse Konstanz in der Bildungspolitik. Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, die Bildungspolitik und das Bildungssystem enger mit der Gesellschaft zu verknüpfen. Das machen wir, indem wir einen nationalen Programmrat schaffen, eine Austauschplattform mit Vertretern aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Wenn wir uns über die Grundprinzipien einig wären, dann hätten wir schon viel erreicht.