Interview von Claude Meisch mit dem Tageblatt

Claude Meisch: "Schule ist in meinen Augen ein Instrument, um Kinder aufs Leben vorzubereiten."

Interview – Publié le

Interview: Tageblatt (Yves Greis)

Yves Greis:  Als die Abschaffung des Religionsunterrichts diskutiert wurde, fiel das Argument, der Staat müsse neutral sein, Muss oder kann eine Schule neutral sein? 

Claude Meisch: Was die Weltanschauungen, die politischen Meinungen und die Religionen angeht, muss die Schule neutral sein. Die Mitarbeiter der Schule, ob Lehrer oder Hausmeister, müssen Neutralität ausstrahlen. Das darf natürlich nicht heißen, dass diese Leute keine Meinung haben dürfen. Es wird immer Situationen geben, in denen es legitim ist, dass ein Lehrer sich zu einem Glauben bekennt oder verrät, wie er politisch denkt. Vor allem wenn er danach gefragt wird, kann er antworten. Auf keinen Fall aber darf es sein, dass ein Mitarbeiter einer Schule versucht, dem Schüler seine Meinung aufzuzwingen. Es gilt immer das so genannte "Überwältigungsverbot".  Diese Neutralität gilt nicht für die Schüler. Auch wenn der Lehrer seine Meinung nicht sagen darf, heißt das nicht, dass die Schüler das nicht dürfen. Schule soll auf die Welt, in der wir leben, vorbereiten. Dazu gehören unterschiedliche Meinungen und Überzeugungen. Würden diese in der Schule komplett ausgeblendet, dann würde ein Teil in der Schule fehlen und sie könnte die Schüler nicht mehr auf das Leben in einer heterogenen Gesellschaft vorbereiten. 

Yves Greis: Schuluniformen wird es demnach also bei Ihnen nicht gaben? 

Claude Meisch: Ich war lange bei den Pfadfindern und habe an allen Aktivitäten begeistert teilgenommen. Allerdings habe ich oft meine Uniform "zufällig vergessen". Ich halte nicht viel von Uniformen. Der Mensch soll sich nicht durch Kleidung abgrenzen - dem Menschen soll aber auch nicht das Gefühl vermittelt werden, der eine sei wie der andere. Gerade in einer Welt, in der es viele Unterschiede gibt, ist Individualität wichtig und wir sollten die Menschen darin bestärken. Eine Schuluniform vermittelt das Gefühl, der Schüler sei bloß einer unter sieben Milliarden Menschen und er sei so wie alle anderen. 

Yves Greis: Welche Erfahrungen haben Sie schon mit dem neuen Fach "Vie et Société" gesammelt? 

Claude Meisch: Wir sind gerade dabei, eine breit angelegte Auswertung zu machen. Wir reden mit Schülern, Eltern und Lehrern. Wir wollen erfahren, wie sie das neue Fach erlebt haben. Ich bin auf das Resultat sehr gespannt. Sicherlich ist noch nicht alles perfekt. Sicherlich müssen wir das eine oder andere verbessern. Damit meine ich nicht unbedingt inhaltlich, sondern in der Herangehensweise oder der Gewichtung. Wir haben eine Reihe von Regeln festgelegt. Zum Beispiel haben wir eine Palette von Themen vorgegeben, aus denen die Lehrer schöpfen können. Wir wollen nun überprüfen, ob sich daran gehalten wurde. Im Vorfeld wurde viel darüber gesprochen, wie viel über Religion gesprochen werden soll oder muss. Wir haben dementsprechende Vorgaben gemacht, und müssen prüfen, ob die eingehalten worden sind. Die Menschen haben sich auch Sorgen darüber gemacht, ob die Lehrkräfte, die vorher Religions-  oder Moralunterricht gegeben haben, Abstand von ihrem alten Fach gewinnen können und in der Lage sind, das neue Fach zu unterrichten. Das müssen wir auch prüfen. Wenn es Handlungsbedarf gibt, werden wir die Direktionen der Schulen damit beauftragen, sich darum zu kümmern. Heute liegen uns keine Kenntnisse darüber vor, dass es größere Probleme gegeben hat. Ich möchte trotzdem einen Gesamtüberblick haben. Über das Thema wurde in Luxemburg 150 Jahre lang diskutiert und es war vorhersehbar, dass eine Abschaffung des Religionsunterrichtes Streit mit sich bringt. Mir war aber immer wichtig, dass dem neuen Schulfach inhaltlich kein Vorwurf gemacht werden kann und es bei den Menschen auf Akzeptanz stößt. Das ist nur möglich, wenn das Gros der Dinge, die schief laufen können, ausgeschaltet wird. Deshalb wollen wir das weiter genau im Auge behalten. Im nächsten Jahr wollen wir die gleiche Auswertung auch in der Grundschule durchführen, wo das neue Fach gerade erst eingeführt wurde. 

Yves Greis:  Ist Schule ein Instrument, um Kinder auf die Wirtschaft vorzubereiten? 

Claude Meisch: Schule ist in meinen Augen ein Instrument, um Kinder aufs Leben vorzubereiten. Wirtschaft ist ein Teil ihres Lebens. Wenn sie die Schule beenden, keine Anstellung finden und sich nicht nützlich in die Wirtschaftsprozesse einbringen können, bleiben viele andere Dinge auch auf der Strecke. Schule muss aber auch den Ehrgeiz haben, die Schüler auf ihre Funktion als mündige Bürger und soziale Menschen vorzubereiten. Ein Mensch zeichnet sich sicher nicht nur dadurch aus, welchen Mehrwert er für ein Unternehmen erwirtschaften kann. Allerdings kann vieles von dem anderen Teil nicht ausgelebt werden, wenn man nicht für sein eigenes Einkommen sorgen kann. 

Yves Greis:  Welchen Einfluss darf die Wirtschaft auf die Schule nehmen? Dürfen etwa Lobbyverbände in der Schule auftreten oder Material bereitstellen, so wie sie es heute teilweise macht? 

Claude Meisch: Material, das in der Schule benutzt wird, kann immer nur Material sein, dass von der Schule selbst gutgeheißen wurde. Dazu gibt es Instanzen und Gremien, die Schulmaterial ausarbeiten und prüfen. Punktuell arbeiten wir mit "Wirtschaftslobbien" zusammen. Wir haben zusammen mit dem Bankenverband ABBL ein Programm über den Umgang mit Geld ausgearbeitet. Wir sind dabei allerdings immer federführend. Überspitzt formuliert: Wenn dort etwa erklärt wird, wie ein Darlehen funktioniert, ist das in Ordnung. Wenn dort aus Schülern willige Opfer für Banken gemacht würden, wäre das nicht in Ordnung. Schule darf sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Schule soll auf die Gesellschaft vorbereiten. Wirtschaft ist ein Teil der Gesellschaft, wenn auch nicht der einzige. Schule muss sich auch hin und wieder öffnen und Akteure aus der Wirtschaft, aus dem sozialen Bereich, aus dem kulturellen Bereich, aus den Medien und so weiter zu sich holen. Wenn wir diese Themen nur in der Theorie behandeln und der Bezug und der Kontakt mit der Praxis nicht stattfindet, dann fehlt den jungen Menschen etwas. Wir müssen die Inhalte, die wir in der Schule vermitteln, stärker an die Bedürfnisse der Gesellschaft anpassen — nicht nur was die Wirtschaft angeht. Ich würde auch den sozialen und den kulturellen Bereich sowie andere gesellschaftliche Kräfte mit einbeziehen. Sie sollen uns sagen, was Schule heute leisten muss. Wenn heute ein Programm für den Sekundarunterricht erstellt wird, dann sind die Lehrer aus den einzelnen Fächer unter sich. Sie machen das mit einer sehr großen Kompetenz, mit viel Erfahrung und von einem akademischen Standpunkt aus. Es wird aber kaum darauf geachtet, welche Kompetenzen ein junger Mensch braucht, um in der Gesellschaft klarzukommen, wenn der die Schule verlässt. Wir müssen von außen erfahren, was ein junger Mensch heute können muss - und das nicht nur wirtschaftlich. Dann müssen wir entscheiden, was wir in der Schule daraus machen, welche Inhalte in welchen Klassen angeboten werden müssen, um dem Rechnung zu tragen. 

Yves Greis:  Wie kann man sich das konkret vorstellen - zum Beispiel was den von ihnen angesprochenen kulturellen Bereich angeht? 

Claude Meisch: Wir wollen die Fachkommissionen auf den Fundamental Unterricht ausdehnen, um mehr Kohärenz zu schaffen. Darüber wollen wir einen Nationalen Programmrat stellen, in den wir Menschen von außen einbeziehen wollen. Konkret denke ich auch an Menschen aus dem kulturellen Leben, die ihre Stimme sollen. Dann muss geschaut werden, ob es dort einen Konsens gibt, oder gar verschiedene Meinungen. Das Ergebnis geht dann als Auftrag an die Programmkommissionen. Später wird kritisch geprüft, ob die Programmkommissionen die Empfehlungen umgesetzt haben. Ein Gesetzesprojekt, das dieses Gremium schaffen soll, befindet sich auf dem Instanzenweg. Das Gremium soll besetzt werden mit Menschen aus der Wirtschaft, aus dem sozialen und dem kulturellen Bereich, um ein möglichst breites Bild zu erhalten. 

Yves Greis:  ... aus dem religiösen Bereich? 

Claude Meisch: Das ist nicht angedacht, nein. 

Yves Greis:  Früher waren das Bildungsministerium und das Ministerium für Hochschule und Forschung getrennt. Sind das für Sie zwei völlig unterschiedliche Dinge? 

Claude Meisch: Ich bin auch Minister für Hochschule und Forschung. Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass Marc Hansen als Delegierter Minister den Großteil dieser Aufgabe erledigt. Interessante Schnittstellen finden sich beim Übergang von der Schule zur Universität. Interessant ist auch die Kenntnis darüber, welche Bedürfnisse unser Forschungsstandort hat und für welche Fächer wir junge Menschen ganz früh motivieren müssen. Forschung geht nicht ohne Naturwissenschaftler und Ingenieure. Wir brauchen diese Fächer. Sie sind allerdings nicht der Renner bei den jungen Menschen, die die Schule verlassen und studieren gehen. Da hilft es, dass wir beide Bereiche unter einem Dach vereinen. Dass ich auch Hochschulminister bin, hilft auch, wenn es darum geht, mit der Universität darüber zu diskutieren, wie unsere Lehrkräfte ausgebildet sein sollen. Wir haben jetzt an der Uni einen Masterstudiengang in Sekundarschulpädagogik gestartet, um Lehrer stärker in der Fachdidaktik auszubilden und nicht nur in ihrem Fach selbst. Im Fundamentalunterricht haben wir die Karrieren jetzt auch geöffnet für Lehrkräfte, die einen Master, zum Beispiel in Sonderpädagogik, besitzen. Ich bin nicht der Meinung, dass beide Ressorts immer vereint sein müssen. Es wäre auch möglich, das Gleiche zu erreichen, wenn die Ressorts getrennt sind und es gelingt, sich gut abzustimmen. 

Yves Greis:  Eine andere Trennung, die es hierzulande gibt, ist die zwischen "Classique" und "Technique". Insbesondere die Handwerkerkammer beklagte in der Vergangenheit, das "Technique" werde als "zweitklassige" Schule wahrgenommen, die Schüler besuchen, wenn sie es nicht schaffen, im klassischen Gymnasium aufgenommen zu werden. Wie sehen Sie das? 

Claude Meisch: Das "Technique" gibt es nicht mehr. Mit der Reform des Sekundarunterrichts heißt diese Schulform "Enseignement secondaire général". Das ist einerseits symbolisch. Es ist aber mehr, denn es sagt aus, dass dies der normale Weg ist, den ein Schüler gehen kann und dass es sich um eine Schulform handelt, die alles anbietet. Früher, aber schon lange nicht mehr, konnte man im "Technique" vor allem handwerkliche Ausbildungen absolvieren. Heute passiert das verstärkt in der Berufsausbildung. Das, was wir heute "Enseignement secondaire général" nennen, ist extrem breit aufgestellt. Natürlich können die Schüler dort noch immer einen Abschluss machen — der jetzt auch "Première" heißt — der sie etwa auf ein Ingenieursstudium vorbereitet. Sie können allerdings auch einen Abschluss machen, der sie zu einem Psychologiestudium oder einem Studium in den Naturwissenschaften oder in den Gesundheitsberufen berechtigt. Nun ist es jedoch so, dass wir immer noch diese beiden Schulformen haben. Ich glaube allerdings nicht, dass eine von beiden in naher Zukunft abgeschafft wird oder sie fusioniert werden - auch nicht von einer nächsten Regierung. 
Es ist wichtig, dass die Orientierung nicht bloß aufgrund der Noten der Schüler erfolgt. Oft ist das aber so. Die Fächer Französisch, Deutsch und Mathematik sind ausschlaggebend. Wenn es in diesen drei Fächern keine Probleme gab, wird der Schüler ins "Classique" orientiert. Wenn es in einem oder zwei Fächern ein Problem gab, ist das schwieriger. Wir haben die Orientierung neu gestaltet und wollen den Eltern mehr Mitspracherecht geben. Wir wollen auch die Übergänge zwischen "Enseignement secondaire général" und "Classique" durchlässiger machen - vor allem in den ersten Jahren. Viele Gymnasien sehen sich die Schüler nach einem Jahr noch einmal an. Wenn der Schüler auf eine "7e technique" orientiert wurde und seine Schwächen ausgebessert wurden, kriegt er, wenn er das will, die Chance, im nächsten Jahr auf eine "6e classique" zu kommen. Viele Schüler schaffen diesen Sprung. Daraus schließe ich, dass die Orientierung, so wie sie war und so wie sie sein wird, keine exakte Wissenschaft ist, und dass wir immer dafür Sorge tragen müssen, dass ein Wechsel möglich ist. Allerdings muss man sich die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, einen solchen Wechsel anzustreben, da im "Enseignement secondaire général" ja auch alles erreicht werden kann. Dort kann ein Schüler seine "Première" machen und erreicht die allgemeine Studierfähigkeit, mit der er an jeder Uni studieren kann. Die Universitäten entscheiden zwar immer noch, wen sie annehmen. Allerdings ist ein Abiturient mit einer "Première B" nicht unbedingt besser gestellt. 

Yves Greis:  Ist es denkbar, dass beide Schulformen in der gleichen Schule angeboten werden? 

Claude Meisch: Sie werden heute in vielen Schulen schon angeboten. Mit der Flexibilität, die wir den Schulen heute geben, ihre Sektionen selber zu gestalten, können die Lyzeen Fächer austauschen. Es wäre interessant, zu sehen, wie eine Schule ein Fach aus der Sektion B im "Classique" durch ein Fach aus den Ingenieurswesen ersetzt. Das kann aber nicht jede Schule, weil nicht alle Schulen das nötige Lehrpersonal dafür haben. Aber die gemischten Lyzeen haben dazu die Möglichkeit. Mittlerweile - und das wird in einem Jahr noch mal anders aussehen - haben wir Schulen, die europäische Programme anbieten. Diese Schulen sind das, was man gemeinhin als Gesamtschule bezeichnet, weil sie Schüler aufnehmen, egal wie sie orientiert worden sind. Das gibt es in der Ecole Internationale Differdange-Esch. In Junglinster und in Clerf wollen wir dieses Angebot ab dem nächsten Jahr bereitstellen. In diesen Schulen gibt es dann keinen Unterschied mehr zwischen "Classique" und "Technique". 

Yves Greis:  Bildung ist ein Bereich, in dem traditionell viel reformiert wird. Wie findet man eine Balance zwischen der nötigen Ruhe, die Bildung braucht, und den nötigen Reformen? 

Claude Meisch: Sicherlich braucht es ein Gleichgewicht. Es kann nicht darum gehen, jedes Jahr alles anders zu machen. Ich habe mir vorgenommen, nicht mutwillig Dinge abzuschaffen, die vorher eingeführt wurden. Einige Sachen mussten einfach geändert werden. In der Berufsausbildung gab es 2008 eine Reform. Das System wurde vor die Wand gefahren. Aber insgesamt finde ich es besser, wenn die Schulen wissen, wo sie stehen, und mit dem System arbeiten können, auf das sie sich eingespielt haben, auch wenn ich einige Dinge anders gemacht hätte. Es kann nicht Ziel der Bildungspolitik sein, fünf Jahre in eine Richtung zu gehen und dann fünf Jahre in eine komplett andere Richtung, um wieder dort anzukommen, wo man losgegangen ist. Trotzdem gibt es eine Reihe von Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Reform funktioniert. Es kann nicht zu viel gleichzeitig reformiert werden. Damit verunsichert man die Menschen. Es braucht zwar keine Einstimmigkeit, aber es muss eine breite Akzeptanz bei Eltern und Lehrkräften geben. Gegen ihren Willen eine Reform durchzuboxen, kann nur schief gehen. Der Minister kann zwar Gesetze machen und Regelungen treffen oder ab und zu Disziplinarmaßnahmen ergreifen. Er kann aber nicht in jedem Klassenraum Kontrollen durchführen. Die Politik braucht das Vertrauen der Menschen im Klassenraum sonst kann sie nur scheitern. Wenn die Hauptakteure eine Reform mittragen, dann kann sie gelingen. 

Yves Greis:  Spielt der Rifkin-Prozess eine Rolle? 

Claude Meisch: Der Rifkin-Prozess spielt auf zwei Arten eine Rolle. Er skizziert, wo Luxemburg in Zukunf hinsteuern könnte. Das ist relevant für die Schulen. Wenn wir von Digitalisierung sprechen, dann müssen die jungen Leute, die von der Schule kommen, nicht nur die Basiskompetenzen haben, sondern auch darin spezialisiert sein. Sonst wird das nicht funktionieren. Gleiches gilt für die Kreislaufwirtschaft. Vielleicht kann der Rifkin-Prozess auch auf eine zweite Art Input geben. Wenn es eben darum geht, Entscheidungen von unten her zu treffen und nicht alles zentralistisch zu sehen. Rifkin spricht von der Aufhebung der Trennung von Produzent und Konsument. Er spricht vom "Prosumer". Die klassische Rollenverteilung ist nicht mehr unbedingt gegeben und im Wirtschaftsgefüge kann jeder Einzelne entscheiden, welche Rolle er übernehmen will. Wir wissen heute nicht, ob und wie stark diese Entwicklung eintritt. Das sind aber Überlegungen, die, wenn sie sich in der Gesellschaft durchsetzen, auch einen Einfluss auf die Funktionsweise der Schule haben. Wir testen auch gerade, wie Schule anders funktionieren kann. Das Lycée Technique Esch, das Lycée des Arts et Métiers und das Lycée Edward Steichen bezeichnen wir als "Future Hub". Wir haben ein Label geschaffen. Das Label zeichnet Schulen aus, die sich auf Digitalisierung konzentrieren, aber sich auch in der Methode, wie Unterricht gehalten wird, neu erfinden. Ich würde es begrüßen, wenn wir vom klassischen Frontalunterricht wegkommen und vielmehr in Projekten denken und eine Start-up-Mentalität entwickeln. Es sollte rund um Projekte gearbeitet werden, bei denen fiktive oder auch reale Unternehmen gegründet werden. Ich glaube, dass der ganze Rifkin-Prozess und die damit einhergehenden wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen auch verändern wird, wie Schule sich selbst definiert. 

Yves Greis:  Also eine viel liberalere Schule? 

Claude Meisch: Liberal ist ein vorbelasteter Begriff. Jeder versteht etwas ganz anderes darunter. Wenn liberal im positiven Sinne Entscheidungsfreiheit und Mitbestimmung in der Schule meint - und dies im einzelnen Schüler zu stärken -, dann ja. Wenn wir von Entrepreneurship sprechen, dann wollen wir nicht bloß, dass jeder später seine eigene Start-up gründet. Aber die Eigenschaften, die einen Entrepreneur ausmachen, sind Eigenschaften, die man auch etwa als Gewerkschaftler braucht oder wenn man eine NGO gründet und Dritte-Welt-Projekte auf die Beine stellt. Es bedeutet, ein Problem zu sehen, herauszufinden, wie es gelöst werden kann, und mit anderen zusammen eine Lösung zu implementieren. Das sind die Kompetenzen, die junge Menschen in Zukunft haben müssen. Kompetenzen, die ganz stark in einem liberalen Menschenbild verankert sind.