Interview von Xavier Bettel mit dem Luxemburger Wort

"Mein Ego ist nicht so groß"

Interview – Publié le

Interview : Luxemburger Wort (Pol Schock)

Pol Schock: Herr Bettel, können Sie uns bitte den Namen eines Luxemburger Künstlers nennen? 

Xavier Bettel: Ich will ungern jemanden hervorheben, aber wenn Sie mich so direkt fragen, dann fallen mir spontan die bildende Künstlerin Pascale Seil, der Maler Robert Brandy oder auch den Fotograf Edward Stelchen ein. 

Pol Schock: Als vor einem Jahr TNS-Ilres in einer Umfrage genau diese Frage stellte, wussten 44 Prozent keinen einzigen Luxemburger Künstler zu nennen. Ist das nicht ernüchternd? 

Xavier Bettel: Ich glaube, die Menschen wurden von der Frage etwas überrumpelt. Vielen ist wohl schlichtweg niemand spontan eingefallen oder sie wussten nicht, dass es sich etwa beim Schauspieler Thierry van Werveke auch um jemanden aus der Kategorie "Künstler" handelt. 

Pol Schock: Sie stellen also die Methoden der Ilres-Umfrage in Frage? 

Xavier Bettel: Nein. Aber ich würde die Umfrage auch nicht als Spiegelbild des Luxemburger Kulturverständnisses überbewerten wollen. 

Pol Schock: Kein Grund zur Sorge also? 

Xavier Bettel: Ich ziehe den Schluss daraus, dass es wichtig ist, ein besseres Kulturverständnis zu vermitteln - und zwar bereits in den Schulen. Jeder Schüler soll die Namen Brandy und Steichen kennenlernen. Also nicht nur die Schüler der spezifischen Kunstsektionen, sondern ich will, dass ein allgemeiner Kurs "Education à la culture" fester Bestandteil des Unterrichts wird. Wir stehen in diesem Punkt mit dem Bildungsministerium in Kontakt. Denn Kulturvermittlung ist auch Aufgabe des Staates. 

Pol Schock: Das Credo Ihres Kulturverständnisses lautet "Kultur für alle". Was heißt das? 

Xavier Bettel: Für mich hat Kultur einen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert. Und demnach müssen wir Kultur für alle Bürger zugänglich machen. Das bedeutet zum einen Barrierefreiheit. Kultur soll nicht elitär sein - es darf weder finanzielle, noch sonstige Barrieren geben. Das Nationalmuseum für Geschichte und Kunst ist deshalb beispielsweise gratis. Dann haben wir festgestellt, dass wir die Menschen nicht nur zur Kultur führen müssen- sondern umgekehrt die Kultur auch zu den Menschen bringen müssen. 
Stichwort: Dezentralisierungspolitik. Wir haben mittlerweile Kulturinstitute über das gesamte Land verteilt, mit einem regen kulturellen Programm. Und dann muss der Staat auch Plattformen anbieten. Sprich: Anreize schaffen, damit Künstler ihre Kunst ausstellen bzw. präsentieren können. 

Pol Schock: Wenn Kultur so einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert hat, warum stehen nur 0,8 Prozent des Budgets zur Verfügung - es waren einmal 1,4 Prozent?

Xavier Bettel: Wir haben das Budget im vergangenen Jahr um fünf Prozent erhöht. 

Pol Schock: Aber man ist immer noch unter der berüchtigten Marke von einem Prozent, die der französische Kulturmister Jack Lang einmal als „notwendiges Minimum" genannt hat und die auch im Luxemburger "Pacte culturel" von 2008 als Minimalziel steht, zu dem sich die Regierung im Koalitionsabkommen bekennt. 

Xavier Bettel: Wir werden das Kulturbudget in diesem Jahr weiter anheben. Das steht fest, dafür werden Guy Arendt und ich sorgen, auch wenn ich noch keine näheren Angaben dazu geben kann. Allerdings gibt es auch Ausgaben, die nicht direkt im Kulturbudget. zu verorten sind, die aber explizit für Kultur gedacht sind. Ich denke da vor allem an Infrastrukturprojekte wie den Bau des neuen Archivgebäudes, die neue Nationalgalerie im Gebäude der Nationalbibliothek oder auch der neue Pavillon der Kunstbiennale in Venedig. Es geht aber nicht nur um Geld. 

Pol Schock: Sondern? 

Xavier Bettel: Um eine gute Kulturpolitik. Bereits unter Maggy Nagel haben wir einen Reformprozess angestoßen mit der Kündigung und überarbeitung der Konventionen. 

Pol Schock: War das rückblickend nicht eher ein Fehler? Immerhin mussten Sie viel Kritik einstecken. 

Xavier Bettel: Nein, war es nicht. Staatliche Förderungen dürfen kein Automatismus werden, sondern müssen an Projekte und Ziele gebunden sein. Wichtig ist, was der Output der Förderung ist. Deshalb war es richtig, alles unter die Lupe zu nehmen. 

Pol Schock: Das passt zu Ihrer Aussage, dass Sie keine "artistes fonctionnaires" haben wollen. 

Xavier Bettel: Dazu stehe ich. Die Perspektive eines jungen Künstlers darf nicht sein, langfristig auf Staatskosten leben zu wollen. Klar muss es staatliche Starthilfen und sonstige Förderungen geben, aber Künstler müssen eigenständig auf ihren Beinen stehen können. 

Pol Schock: Man darf es Künstlern also nicht zu einfach machen? 

Xavier Bettel: So weit würde ich nicht gehen. Aber nicht jeder ist als Künstler geboren. Sondern man muss sich dem Markt stellen, sich beweisen und eigene Wege finden. Es wäre furchtbar, wenn der Staat entscheiden würde, wer Künstler sein soll und wer nicht. 

Pol Schock: Das ist eine äußerst liberale Sichtweise - ist es das, was nach fünf Jahren DP-Kulturpolitik übrig bleiben wird: die Liberalisierung der Kultur? 

Xavier Bettel: Ich glaube, es geht der Kulturszene doch nicht schlecht. Der Staat zieht sich ja nicht komplett zurück, sondern fördert gezielt und bietet viele Plattformen zur Entfaltung der Künstler an. Genau das verstehe ich unter einer liberalen Kulturpolitik und eben nicht die Unterzeichnung eines Schecks. 

Pol Schock: Auch der Personalpolitik drückt die DP ihren Stempel auf: Mit Laurent Loschetter im Mudam und bei Radio 100,7, Delphine Munroe im Casino und Luc Henzig in der Rockhal sind bereits mehrere DP-nahe Personen des Privatsektors an der Spitze von Verwaltungsräten öffentlicher Kulturinstitutionen platziert. Wollen Sie Kultur weiter privatisieren? 

Xavier Bettel: Ab wann gilt man Ihrer Meinung nach als "DP-nahe Person"? Ich finde es befremdlich, wenn unabhängigen Personen politisches Kalkül oder ideologische Ansätze nachgesagt werden - vor allem, wenn sie keiner Partei angehören. 

Pol Schock: Wir unterstellen den genannten Personen kein "politisches Kalkül", sondern stellen fest, dass Sie enge Vertraute an wichtigen Posten platzieren. 

Xavier Bettel: In den Ministerien, in denen ich die Verantwortung trage, habe ich ebenso Personen auf Schlüsselpositionen genannt, die beispielsweise in Ihrer Freizeit auf kommunaler Ebene für die CSV Verantwortung tragen. Für mich zählt zunächst Kompetenz, Sachverstand und Motivation. Es spielt überhaupt keine Rolle, welcher Partei irgendjemand "nahe" steht und auch nicht wie "nahe" mir jemand steht. Ich bin der Meinung, dass Herr Loschetter die geeignete Person ist, um den Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Radios 100,7 zu führen. Er hat seine Kompetenzen als Führungspersönlichkeit und seine Hingabe für das soziokulturelle Leben in Luxemburg wiederholt unter Beweis gestellt. Bei Radio 100,7 handelt es sich um ein Juwel in der Medienlandschaft, und ich werde als Minister das Budget graduell erhöhen, also mehr öffentliche Mittel zur Verfügung stellen. Wie das mit dem Vorwurf einer Privatisierung einher geht, bleibt mir ein Rätsel. 

Pol Schock: Kritiker, wie etwa die frühere Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges, werfen Ihnen vor, dass Luxemburger Kulturpolitik nur als Mittel zum Zweck diene. Am Ende gehe es nicht um Kultur an sich, sondern um Marketing. Ist Kultur nur Nation Branding? 

Xavier Bettel: Nein, das ist falsch. Kultur ist die DNA einer Nation. Und diese gilt es zu pflegen und zu fördern. 

Pol Schock: Laut Ilres kennen 44 Prozent die eigene DNA aber nicht! 

Xavier Bettel: Wie gesagt, ich will diese Umfrage nicht überbewerten, denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Ob im Mudam, in der Philharmonie, in der Rockhal oder auch bei der "Nuit des musées" - das kulturelle Angebot trifft auf eine hohe Nachfrage. 

Pol Schock: Eines der Anliegen der Regierung war es auch, über den Weg von "Assises culturelles" gemeinsam mit der Szene einen Kulturentwicklungsplan zu erstellen. Nach langem Hin und Her haben Sie jetzt einen solchen Plan für 2018 in Aussicht gestellt. 

Xavier Bettel: Wir haben Jo Kox damit beauftragt, und er wird nächstes Jahr liefern. Ich bin zufrieden mit dem Prozess, und es war klar, dass wir das Thema nicht ewig nach hinten schieben können. 

Pol Schock: Sie halten sich dabei also eher zurück? 

Xavier Bettel: Ich war bei den ersten "Assises" anwesend, aber es ist das Projekt von Guy Arendt. Und es wird auch das Privileg von Herrn Arendt sein, über die Ergebnisse zu kommunizieren. 

Pol Schock: Das klingt so, als würden Sie sich nicht gerne die Finger daran verbrennen wollen ... 

Xavier Bettel: Auf keinen Fall. Guy Arendt und ich bilden ein starkes Duo, und im Kulturministerium sind wir ein Team. Aber mir ist es wichtig, dass die Verantwortung der jeweiligen Dossiers in den Händen von unterschiedlichen Personen liegt. Es war nicht geplant, dass ich Kulturminister werde, und als ich hier eintraf, habe ich gemerkt, dass sich jeder irgendwie um alles kümmert. Das entspricht nicht meiner Arbeitsweise. 
Es sollen klare Zuständigkeitsbereiche geben - deshalb habe ich auch ein "Cabinet" aufgestellt, das einmal die Woche mit mir tagt. 

Pol Schock: Sie haben es gerade erwähnt - es war nicht geplant, dass Sie Kulturminister werden. Bleibt denn eigentlich noch Zeit für Kultur neben dem "Fulltimejob" als Premierminister sowie dem Posten des Kultus- und Medienministers? 

Xavier Bettel: Ja, aber ich würde es ohne Staatssekretär Guy Arendt niemals schaffen. 

Pol Schock: Warum ist der Staatssekretär denn nicht gleich auch Kulturminister? 

Xavier Bettel: Ich wollte als Premierminister zeigen, welchen Stellenwert ich der Kultur einräume. 

Pol Schock: Für uns entsteht so aber eher der Eindruck, als sei der Posten des Kulturministers ein Luxusjob, den man nebenbei noch nach Feierabend machen kann. 

Xavier Bettel: Diese Auffassung kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin jede Woche mindestens einmal im Haus. Aber vor allem: Die Tatsache, dass ich auch Premier bin, öffnet dem Kulturministerium viele Türen. Das ergänzt sich somit hervorragend. 

Pol Schock: D. h., sofern es eine Fortsetzung der Dreierkoalition geben sollte, wird es auch wieder einen Kulturminister Bettel geben. 

Xavier Bettel: Ein Kulturmister Bettel hat jedenfalls sehr viel Freude an seinem Beruf. 

Pol Schock: Auch wenn Sie viel Kritik einstecken müssen? In der Affäre Lunghi haben Sie damals sehr schnell reagiert. Im Nachhinein nicht zu schnell? 

Xavier Bettel: Nein. Denn die Bilder zeigten, dass das Verhalten von Herrn Lunghi gegenüber Frau Schram nicht in Ordnung war. Er hat Frau Schram nicht zu bedrohen und das Mikrofon derart wegzudrücken. Und deshalb habe ich auch sofort ein Disziplinarverfahren eingeleitet. 

Pol Schock: Wäre es nicht weiser gewesen, das Urteil der beauftragten Disziplinarkommission abzuwarten, ohne vorher öffentlich Partei zu ergreifen? 

Xavier Bettel: Ich war doch absolut neutral in der Angelegenheit. Ich war weder Pro-Lunghi noch Anti-Lunghi - und ich konnte diese öffentliche Debatte auch nicht nachvollziehen. Fest steht: Das Verhalten von Herrn Lunghi war nicht korrekt. Und wie sich im Nachhinein - aufgrund einer weiteren Kommission, die ich einberufen habe - herausgestellt hat, war auch das Verhalten von RTL und Frau Schram nicht in Ordnung. 
Das habe ich auch genauso kommuniziert. . 

Pol Schock: Experten im Hintergrund behaupten, Sie hätten von der Gelegenheit profitieren wollen, um sich von Enrico Lunghi als Präsident des Mudam zu trennen ... 

Xavier Bettel: Schwachsinn. Ich habe diese Vorwürfe einer Kampagne gegen Herrn Lunghi auch gelesen - aber ich will daran erinnern, dass niemand Enrico Lunghi aufgefordert hat zu gehen. Es war seine freie Entscheidung zurückzutreten, die ich zu respektieren habe. Und ich bin froh, dass die Situation sich beruhigt hat und das Mudam einen Nachfolger... (lacht)

Pol Schock:  Ja? 

Xavier Bettel:... im Blick hat. Das Mudam wird bald mehr darüber bekannt geben. Mehr sage ich dazu nicht. 

Pol Schock: Und wie sieht es eigentlich mit dem leicht surreal klingenden Projekt einer 175 Meter großen laizistischen gotischen Kathedrale von Wim Delvoye aus, die Sie bauen lassen wollen? 

Xavier Bettel: Wir stehen in Diskussionen. Wim Delvoye hat uns erste Modelle und Fotos ähnlicher Projekte geschickt, die vielversprechend wirken. Aber ich würde eher noch von einer Idee als von einem Projekt reden. Letztlich wird die Kostenfrage der Knackpunkt sein. 

Pol Schock: Letzte Frage: Falls irgendwann einmal eine Kulturinstitution nach Ihnen benannt werden sollte, was würden Sie sich wünschen? 

Xavier Bettel: Mein Ego ist nicht so groß, dass ich mir darüber Gedanken gemacht hätte. Aber da ich wirklich alles an Kunst mag - von Konzerten über Theater und Museen - könnte ich mir eigentlich alles vorstellen. 

Das Interview wurde am 30. August aufgezeichnet vor der Nominierung Laurent Loschetters als Präsident des Verwaltungsrates von Radio 100,7. 
Auf Nachfrage war Premierminister Xavier Bettel dazu bereit, eine weitere Frage zur Nominierung schriftlich zu beantworten.