Interview von Fernand Etgen im Luxemburger Wort

Die ungeliebte Chemie

Interview – Publié le

Interview: Luxemburger Wort (Jacques Ganser)

Luxemburger Wort: Fernand Etgen, in Frankreich und Belgien laufen Bestrebungen, trotz der Zulassungsverlängerung von Glyphosat in der EU nationale Verbote zu beschließen. Könnten Sie sich ein solches Verbot, vielleicht zusammen mit diesen Staaten, auch in Luxemburg vorstellen?

Fernand Etgen: Ich kann mir das sehr wohl vorstellen. Es ist doch so, dass wir zusammen mit den Nachbarstaaten eine einheitliche Strategie entwickeln müssen, damit der gemeinsame Markt so wenig wie möglich aufgesplittert wird. Diese Argumente scheinen mir sehr wichtig, denn andernfalls würden wir riskieren, zwei Kategorien von Staaten zu erhalten. Was dann wiederum zu Wettbewerbsverzerrungen führen würde. Wir haben immer gesagt, dass nicht nur die luxemburgische Landwirtschaft, sondern die gesamte EU-Landwirtschaft aus dem Glyphosat aussteigen sollte. Dies wird nicht von heute auf morgen passieren, wir werden einige Jahre an Forschung benötigen und dann zusammen mit den Landwirten Alternativen finden. 

Luxemburger Wort: Vor welchen Herausforderungen stehen denn die Landwirte, wenn sie auf Glyphosat verzichten?

Fernand Etgen: Glyphosat ist ein extrem effizientes Mittel, es hilft dem Landwirt, die Felder rationaler zu bestellen. Aber wir müssen uns den Herausforderungen stellen und die negativen Impakte auf Mensch und Umwelt, die sehr wohl bestehen, ernst nehmen. Wir dürfen uns alternativen Methoden nicht verschließen und müssen neue Wege gehen, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln einzuschränken. Die Welt bewegt sich und der chemische Pflanzenschutz wird heute wegen der Risiken für Mensch und Umwelt zu Recht von einem großen Teil der Bevölkerung sehr kritisch gesehen. Deshalb dürfen wir uns dieser Erkenntnis auch in der Landwirtschaft nicht verschließen. Wir müssen umdenken, aber wir können nicht von heute auf morgen für alles Alternativen finden.

Luxemburger Wort: Sie sagen, ein solches sogenanntes Phasing-Out könnte dauern. Es kann aber doch nicht länger als fünf Jahre dauern, sonst sind wir am gleichen Punkt wie die EU-Zulassung. Welcher präzise Zeitraum scheint Ihnen denn realistisch zu sein?

Fernand Etgen: Wir müssen erst eine Strategie ausarbeiten und dann einzelne Maßnahmen ergreifen. Einige davon kann man kurzfristig umsetzen, andere wiederum brauchen vielleicht ein oder zwei Jahre länger und sind erst mittelfristig umsetzbar.

Luxemburger Wort: Sie arbeiten gerade am nationalen Aktionsplan zur Reduzierung des Pestizideinsatzes. Wird Glyphosat dort auch ein Thema sein?

Fernand Etgen: Selbstverständlich ist Glyphosat dort ein Thema, wie auch eine ganze Reihe anderer Spritzmittel, das macht den Unterschied. Ich glaube, wir haben uns sehr viel Zeit gelassen, um diesen Plan in allen Details auszuarbeiten. Am 13. Dezember, also in einer Woche, werden wir ihn der Öffentlichkeit vorstellen. Wir wollten so viele Empfehlungen wie möglich in den Text einfließen lassen. Die öffentliche Anhörung hatte ja ein großes Echo. 
Ich bin der Meinung, dass wir einen anspruchsvollen und modernen Aktionsplan erarbeitet haben. Er wird die Entwicklung, die ich vorhin beschrieben habe, weitertreiben und sich präzise Ziele geben. Es wird ein Plan sein, der diesen Namen auch verdient und die Einwände der Kritiker berücksichtigt.

Luxemburger Wort: Die Kritiker, allen voran Umweltverbände, hatten im ersten Entwurf vor allem konkrete Ziele, präzises Zahlenmaterial und zeitliche Vorgaben vermisst. Sie haben jetzt zumindest mal ein Register veröffentlicht, dem man die verwendeten Gesamtmengen an Pestiziden entnehmen kann. Wird der neue Plan denn konkreter als der alte?

Fernand Etgen: Wir haben in der Tat zum ersten Mal ein Inventar der in Luxemburg zwischen 2012 und 2015 eingesetzten Spritzmittel zusammengestellt und veröffentlicht. Dies erlaubt uns einen Gesamtüberblick. Zusätzlich hat die Agrarverwaltung einen sogenannten "Indice de fréquence" erarbeitet. Dieser gibt uns eine Vergleichsbasis, mit der wir künftig die Entwicklung des Einsatzes von Spritzmitteln auf den verschiedenen Kulturen aufzeichnen können. Dieser Index wird zum ersten Mal zu Beginn des nächsten Jahres veröffentlicht werden. Ich kann Ihnen sagen, wir werden dann eines der wenigen Länder, wenn nicht sogar das einzige sein, das über einen solchen Index verfügt. Wir werden in diesem Bereich jedenfalls exemplarisch gehandelt haben.

Luxemburger Wort: Wie kam es überhaupt zu diesem Meinungsumschwung? Sie standen einem Glyphosatverbot in der Vergangenheit eher skeptisch gegenüber, heute scheinen Sie geläutert? 

Fernand Etgen: Wir haben uns bei der ersten Abstimmung enthalten, und nicht für eine Verlängerung gestimmt. Dies einzig und allein aus formalen und nicht aus inhaltlichen Gründen. Uns fehlte das Gutachten der europäischen Chemikalienagentur ECHA. Es wäre unverantwortlich gewesen, diese Erkenntnisse nicht abzuwarten. Deshalb fordern wir auch künftig weitere Studien. Wir haben zudem dafür plädiert, mehr Geldmittel für diese Agenturen bereitzustellen und die Zulassungsprozeduren sämtlicher Spritzmittel transparenter zu gestalten.

Luxemburger Wort: Sie werden also auch in Luxemburg weiterhin solche Forschungsprojekte wie jenes zum Metazachlor-Ersatz unterstützen?

Fernand Etgen: Selbstverständlich, landwirtschaftliche Praxis und Forschung müssen sich weiter annähern, so wie es beim Metazachlor-Projekt gerade geschieht. Dies haben wir auch im Agrargesetz so festgelegt: Die Wissenschaft soll Hilfestellung bei Problemen leisten, dies auch ganz konkret im Alltag.

Luxemburger Wort: Und diese Erkenntnisse sollen dann auch in der Ackerbauschule weitervermittelt werden?

Fernand Etgen: Auf jeden Fall. Dort lernen ja die Bauern von morgen ihr Handwerk. Sie sollen in das neue System hineinwachsen und die veränderte Mentalität sozusagen eingeimpft bekommen.