Interview von françois Bausch im Luxemburger Wort

Wir holen 2.200 Busse aus der Stadt raus

Interview – Publié le

Interview :  Luxemburger Wort (Diane Lecorsais)

Luxemburger Wort: François Bausch, in wenigen Tagen geht es - zumindest teilweise - los.  Damit dürfte die größte Hürde geschafft sein. 

François Bausch: Am Sonntag bekommen die Menschen einen Vorgeschmack auf das, was sich in den kommenden zwei bis vier Jahren graduell verbessern wird. Der Bahnhof Howald wird teilweise geöffnet, der Bahnhof Pfaffenthal wird in Betrieb genommen, genau wie der "Funiculaire" und ein Teilabschnitt der Tram. Damit wird deutlich, wie das Zusammenspiel zwischen Zug, Tram, Bus, Auto durch die "Pôles d'échange", die entstehen, funktioniert. 

Luxemburger Wort: In einer ersten Phase fährt die Tram nur von der Luxexpo bis zur Roten Brücke. Wann geht es weiter? 

François Bausch: Wir schreiten in Limpertsberg gut voran. Der "Pôle d‘échange Stäreplaz" wird bis Sommer 2018 eröffnet. Das ist wichtig, weil wir damit den Glacis anfahren und so eine Verbindung in den Stadtkern haben. Wir schließen damit aber auch das Viertel Limpertsberg an, wovon sowohl Schüler als auch Arbeitnehmer profitieren. Die "Stäreplaz" ist wichtig, weil dort künftig die Busse aus dem Westen des Landes, etwa aus Steinfort und dem Kanton Redingen, anhalten. Ende 2019 fährt die Tram weiter bis zur Place de Paris, im Frühjahr 2020 bis zum Hauptbahnhof. Schließlich folgen bis Ende 2021 die beiden letzten Etappen nach Findel respektive Cloche d'Or. 

Luxemburger Wort: Buspassagiere aus Richtung Westen müssen also künftig bei der Stäreplaz aussteigen, jene aus dem Osten bei der Luxexpo. Das heißt, die vielen Busse verschwinden allmählich aus dem Stadtbild? 

François Bausch: Das Problem heute ist, dass im Stadtkern so viele Busse fahren, dass sie sich gegenseitig behindern. Trotzdem reichen die Kapazitäten nicht, die Busse sind in den Spitzenstunden komplett voll. Wenn die ganze Tramstrecke von Findel bis Cloche d'Or bedient wird, holen wir täglich sage und schreibe 2 200 Busse aus der Stadt raus. Es wird kein RGTR-Bus mehr die Stadt durchqueren. Sie werden alle den ersten "Pôle d'échange" anfahren, wo die Leute auf die Tram umsteigen können. Im Stadtzentrum werden nur noch städtische Busse fahren. Das, was wir bisher versucht haben, nämlich, dass sämtliche Busse kreuz und quer durch die Stadt fahren, ist ja nicht zu bewältigen. 

Luxemburger Wort: Demnach müssen sich die Passagiere aber ans Umsteigen gewöhnen. 

François Bausch: Wichtig ist, dass das Umsteigen bequem ist, dass ich eine gute Verbindung habe und dass diese besser ist als das, was ich vorher hatte. In einer ersten Phase, wenn die Tram noch nicht ganz fertig ist, ist das denn auch der Nachteil: Einige Passagiere werden bei der Luxexpo von einem Bus auf einen anderen Bus umsteigen müssen. Damit haben sie keinen Vorteil. Dies betrifft aber nur die Übergangsphase, bis die komplette Strecke bedient wird. Die RGTR-Busse benötigen derzeit manchmal bis zu 50 Minuten, um durch die Stadt zu fahren. So ist der Bus nicht mehr attraktiv. Die Tram hingegen fährt auf einem "Site propre", sie kommt bequem durch den Verkehr und fährt in den Spitzenstunden alle drei Minuten. 

Luxemburger Wort: Die Busse stehen in der Tat genauso im Stau wie die Autos - und sind demnach nicht mehr zuverlässig ... 

François Bausch: Nein, die Busfahrpläne funktionieren nicht mehr. Aus diesem Grund überlegen wir denn auch, auf der Escher Autobahn einen Korridor zu schaffen. Wenn wir jetzt nicht vorbeugend agieren, riskieren wir nämlich, im Süden dasselbe Problem wie in der Hauptstadt zu bekommen. Schon heute gibt es zwischen Esch und der Hauptstadt Busverbindungen im Drei-Minuten-Takt. Doch diese Busse sind überfüllt und stehen auf der Autobahn im Stau. Mit den Bussen sind wir hier schon heute quasi am Ende. 

Luxemburger Wort: Für diese schnelle Verbindung zwischen Esch und der Hauptstadt haben Sie einen sogenannten Superbus ins Gespräch gebracht. Warum nicht gleich die Tram bis nach Esch fahren lassen? 

François Bausch: Hierzu stellen wir derzeit Strukturdaten zusammen, dies dank der Mobilitätsstudie Luxmobil, die wir durchgeführt haben. Damit sehen wir, dass ein Bus auf dieser Strecke mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ausreichen wird. Deswegen gehen wir ganz offen in diese Debatte. Wir prüfen, vom Superbus bis zum Zug, was uns die verschiedenen Verkehrsmittel bringen und was am besten geeignet wäre. Bei der Vorstellung der neuen Mobilitätsstrategie Modu 2.0 im Mai werden wir dazu schon nähere Angaben machen können. 

Luxemburger Wort: Vom Superbus bis zum Zug - das will heißen? 

François Bausch: Superbus, Tram, Zug, Monorail alles, was es gibt. Man muss zuerst analysieren, welche Kapazitäten benötigt werden, und welche Verkehrsmittel dafür infrage kommen. Etwas, das überdimensioniert ist, macht keinen Sinn. Es darf aber auch nicht unterdimensioniert sein. 

Luxemburger Wort: Nächste Woche werden Sie dem Parlament erst einmal die Gesetzestexte für die Tramerweiterungen nach Findel und zur Cloche d'Or vorlegen. 

François Bausch: Der Ausbau der Strecke zwischen dem Hauptbahnhof und der Cloche d'Or ist für mich am wichtigsten. Wir haben dort in den vergangenen 15 Jahren eine große Sünde begangen: Wir haben ein Gebiet entwickelt, das am Ende mindestens so groß sein wird wie Kirchberg, aber wir haben die Infrastrukturen vergessen. Wir müssen aufhören, urbanistisch zu planen, bevor wir wissen, wie wir das Ganze mit einer ordentlichen Verkehrsinfrastruktur verbinden können. 

Luxemburger Wort: Wenn die komplette Strecke zwischen Findel und Cloche d'Or bedient wird, erstreckt sich das Tramnetz über 16,4 Kilometer. Als hierzulande vor 60 Jahren noch die elektrische Tram verkehrte, bediente diese 37,5 Kilometer. Werden es irgendwann wieder so viele? 

François Bausch: Ich bin der Meinung, das Netz wird noch größer. Das muss es auch werden. Es gibt schon mal sofort drei Verlängerungen, die unbedingt kommen müssen. Erstens in Kirchberg über den Boulevard Konrad Adenauer. Zweitens von der "Stäreplaz" aus bis nach Mamer. Im Westen der Stadt, also auch in Bartringen und Strassen, muss etwas passieren. Drittens durch das neue Viertel, das in Hollerich entsteht. 

Luxemburger Wort: Was ist mit Leudelingen? 

François Bausch: Das hängt davon ab, was wir für die neue Verbindung zwischen Esch und der Hauptstadt entscheiden. Wenn wir von Esch aus auf direktem Weg nach Hollerich fahren, dann muss meiner Ansicht nach die Tram nach Leudelingen kommen. Wenn aber jetzt entschieden wird, dass das neue Verkehrsmittel - was auch immer es sein wird -via Leudelingen nach Cloche d'Or fährt, wäre das eine mögliche Lösung. 

Luxemburger Wort: Wieso der Ausbau auf den Boulevard Konrad Adenauer? 

François Bausch: Dort werden zwei größere Wohngebiete entstehen, dies auf einem Areal neben RTL, das dem Staat gehört, sowie auf weiteren Geländen, die noch in Privathand sind. Insgesamt könnten dort bis zu 16 000 Menschen leben. Ein französischer Urbanist arbeitet derzeit an diesem Projekt, das Modellcharakter haben soll - in puncto Bauweise und Wohnformen. In diesen Bereich kommt aber auch das neue "Lycée Michel Lucius". Zudem gibt es dort bereits heute viele Arbeitsplätze und Wohnungen. 

Luxemburger Wort: Mit der elektrischen Tram gab es auch eine Linie bis nach Walferdingen...

 

François Bausch: Walferdingen ist im Moment keine Priorität. Wir haben mit dem Bahnhof Pfaffenthal ja jetzt einen guten Zugang zur Stadt und zum Tramnetz. Wir denken daher eher darüber nach, das Busnetz so zu überarbeiten, dass die Busse verstärkt als Zubringer zu den Bahnhöfen und somit zum Eisenbahnnetz fungieren. In Mersch wird ein "Pôle d'échange" mit einem Park-and-Ride mit fast 500 Parkplätzen geschaffen. Dieser Bahnhof wird einen Teil des Verkehrs absorbieren. Jetzt, mit dem Fahrplanwechsel, gibt es hervorragende Verbindungen zwischen Mersch und der Hauptstadt. Und dann entsteht ja noch der "Pôle d‘échange" Ettelbrück. Wir versuchen also, die Menschen früher aufzufangen, damit sie nicht alle durch das "Uelzechtdall" fahren. 

Luxemburger Wort: Was ist mit Junglinster? Dort plädierte beispielsweise die DP in ihrem Wahlprogramm für eine Anbindung. 

François Bausch: Ich glaube, dass es in Junglinster sinnvoll ist, den Busverkehr massiv zu verbessern. Wir arbeiten mit der Straßenbauverwaltung an einer eigenen Busspur zwischen Junglinster und Kirchberg. Einen Schwachpunkt gibt es dabei aber, und zwar auf dem Teilstück im "Gréngewald". Dieser hat bereits genug gelitten. Deshalb überlegen wir, auf diesem Abschnitt eine Busspur anzulegen, über die man morgens in die Stadt hineinfährt und abends wieder raus. Ziel ist demnach eine ausgezeichnete Busverbindung nach Kirchberg - wobei man am Stau vorbeifahren kann. 

Luxemburger Wort: In Vorwahlzeiten, so hatte man das Gefühl, kam das Thema Tram in immer mehr Kommunen zur Sprache. Was antworten Sie, wenn plötzlich alle anklopfen? Wo ist Schluss? 

François Bausch: Das ist ja schon interessant. Noch im Jahr 2014 musste ich mich mit Petitionen gegen das Projekt befassen und die Menschen überzeugen, überhaupt etwas zu machen. Jetzt haben wir das Gegenteil. Das ist aber typisch für ein solches Projekt. Die Menschen sehen, wie die Zusammenhänge späterhin funktionieren, finden es toll und wollen die Tram auch bei sich. Ich bleibe aber dabei: Es hängt vom Potenzial an Leuten ab, die man bewegen möchte. Bei etwa 30 000 Menschen pro Tag reicht ein Bussystem aus. 
Das muss man immer prüfen. Auch wenn ich es verstehen kann, wenn jetzt jeder gerne eine Tram hätte - es macht nicht überall Sinn.