Interview von Romain Schneider im Tageblatt

"Eine der besten Antworten auf die Migration"

Interview – Publié le

Interview: Tageblatt (Eric Rings)

Tageblatt: Luxemburg engagiert sich seit 1987 im Senegal. Welche Bereiche deckt die Luxemburger Entwicklungshilfe ab? 

Romain Schneider: Es ist eine recht lange Tradition. Wir arbeiten seit etwas mehr als 30 Jahren mit dem Senegal zusammen. Deshalb statten wir dem Land auch eine Visite ab. Während des offiziellen Besuchs wird das PIC IV ("Programme indicatif de coopération") unterschrieben werden.
Dort, wie auch in anderen Partnerländern der Luxemburger Kooperation, sind die großen Bereiche insbesondere jene der Gesundheit, der Berufsausbildung und der Arbeitsplätze bei jungen Menschen. Daneben decken wir auch die Bereiche Landwirtschaft und alles zum Thema Wasser ab. Dazu gehören unter anderem die Aufbereitung von Trinkwasser und die Kanalisation. Das sind Projekte, die bislang immer gelaufen sind. Das sind die Prioritäten der allgemeinen luxemburgischen Entwicklungshilfe, also Gesundheit, Ausbildung, Arbeitsplätze, Landwirtschaft und ganz wichtig auch die lokale Selbstverwaltung.

Tageblatt: Seit 2007 hat die Mission im Senegal und Mali den Status einer "Ambassade”. Was heißt das genau?

Romain Schneider: Neu ist, dass wir in Dakar eine eigene Botschaft eröffnet haben. Mit einer Botschafterin, Nicole Bintner-Bakshian, die dort wohnhaft ist. Davor wurde dies von Luxemburg aus von einer nicht-sesshaften Botschafterin gesteuert. Frau Bintner ist darüber hinaus auch zuständig für andere afrikanische Länder wie Niger, Burkina Faso und Mali. Und in diesen Ländern haben wir zudem noch Vertreter, die vor Ort anwesend sind, um die Projekte dort mitzuleiten. 

Tageblatt: Die Arbeitslosigkeit im Senegal ist insbesondere bei jungen Menschen sehr hoch. Viele sehen keine Perspektiven für die Zukunft und wandern nach Europa aus. Wie bringt sich Luxemburg im Rahmen seiner Entwicklungshilfe dagegen ein?

Romain Schneider: Da sind wir genau richtig mit den Prioritäten, die wir uns gesetzt haben.
Wir müssen den jungen Menschen Perspektiven in ihrem eigenen Land bieten, damit sie dort bleiben können, damit sie einen Sinn in ihrem Leben sehen und damit sie nicht anderen Strömungen nachlaufen. Das ist für mich eine der besten Antworten auf die Migration, aber auch gegen den Terrorismus. Deshalb investieren wir insbesondere in die Basisausbildung sowie in die Berufsausbildung, um den Zugang zu Arbeitsstellen zu erreichen. Daneben helfen wir, die Wirtschaft mit aufzubauen. Zu diesem Zweck haben wir die "Business Partnership Facilitiy" gegründet. Dort helfen wir vor allem jenen Betrieben, die Projekte in unseren Partnerländern machen wollen. Wir geben diesen Betrieben in Form von Start-ups Geld und sagen ihnen, "macht das Projekt", um dort die Wirtschaft anzukurbeln. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, den man hier sieht. Das ist eine der Lösungen. Man verbindet Ausbildung zusammen mit dem Antreiben der Wirtschaft im Inland. Das ist ein sozialer Kreis, der sich schließt. Wenn sie selbst dort einen Job haben, dann haben sie auch sozialen Schutz für ihre Familie, für das Dorf. Das Ganze kann dort sehr weit reichen. Nach dem Motto: Mit wenig Geld kann man dort unten viel tun ... 

Tageblatt: Luxemburg hat viele "privilegierte Partner" in der Kooperation. Wieso wurde ausgerechnet Senegal für die offizielle Visite des Großherzogs ausgewählt?

Romain Schneider: Senegal stand seit Langem auf der Wunschliste des Großherzogs. Darüber hinaus hat der senegalesische Präsident Macky Sall den Großherzog eingeladen. Letzterer zeigt großes Interesse an der Entwicklungshilfe und möchte die konkreten Luxemburger Projekte sehen wie zum Beispiel das Krankenhaus in Samt-Louis öder das Unesco-Projekt auf der Ile de Gorée.
Ein anderer Bereich ist die ganze Umweltthematik, insbesondere das Problem mit der Erosion in Samt-Louis. Auf der COP 23 in Bonn hatte der Grand-Duc auch einen engen Kontakt zum Senegal, ein Land, das dort wegen dieser Problematik hervorgehoben wurde. 

Tageblatt: Welche Projekte sollen auf der offiziellen Visite im Senegal besichtigt werden? 

Romain Schneider: Wir werden das Krankenhaus von Saint-Louis besichtigen und uns ansehen, wie dort alles in Zwischenzeit funktioniert. Und wir werden vor allem sehen, wie die ganze Ausbildung, die dahinter steckt, läuft. Das sind einerseits die Ärzte, andererseits das Personal. Dann werden wir den Marché Kermel mitten in Dakar besichtigen, ein Projekt, das mit Luxemburger Fonds restauriert wurde. In M'Bour besuchen wir das Berufsausbildungszentrum, das als Beispiel fungiert, wie man dies auch in anderen Regionen aufbauen könnte. Und dann natürlich die Ile de Gorée, wo damals Sklavenhandel betrieben wurde. Das sind alles wichtige Stationen, um ein Gefühl für die ganze Entwicklung des Landes zu bekommen. Daneben ist es uns wichtig, dass es sich bei der Entwicklungshilfe aus Luxemburg stets um eine "aide liée" und niemals um eine "aide non-liée" handelt. Wir helfen, verlangen aber nichts im Gegenzug. Allerdings haben wir auch angefangen, verschiedene Wirtschaftsbereiche zu unterstützen, indem wir unser Know-how einbringen. Deshalb ist die Visite zum Teil auch eine Wirtschaftsmission. Die "Chambre de commerce" ist dabei, um zu zeigen, was Luxemburger Firmen zu bieten haben. Letztes Jahr im Frühjahr war bereits eine erste Wirtschaftsmission im Senegal. Dies wäre dann die zweite. Es gibt ja bereits einige Luxemburger Firmen, die im Senegal operieren. Auch diese werden auf dem Forum, das von Staatssekretärin Francine Closener organisiert wird, teilnehmen. Parallel dazu ist ja auch Umweltministerin Carole Dieschbourg dabei, die mit ihrem senegalesischen Amtskollegen Ideen ausloten wird, welche Projekte man mit den senegalesischen Partnern dort auf die Beine stellen kann. Dabei geht es auch darum, die Agenda 2030 und die Beschlüsse der COP 21 in Paris eng zusammenzubringen. 

Tageblatt: Welche Fortschritte können Sie durch das Einbringen Luxemburgs im Senegal erkennen? Was konnte bislang erreicht werden? Wo hakt es? 

Romain Schneider: Wenn man sich die Zahlen anschaut, wo Senegal heute steht, beispielsweise im Bereich der Gesundheit, dann fällt vor allem auf, wie der Prozentsatz gesunken ist, was die Kindersterblichkeit betrifft. Oder auch die Position Senegals im internationalen Index der menschlichen Entwicklung (HDI), wo Senegal heute auf Platz 162 von 188 liegt. Davor lag das Land viel weiter hinten. Daneben gab es Verbesserungen bei der Demografie und die ökonomischen Standards sind gestiegen. Dies alles sind Folgen einer besseren Gesundheitsversorgung und -beratung durch insgesamt Verbesserungen in dem Bereich. Auf der anderen Seite spiegelt sich hier auch die verbesserte Ausbildung wider und die Wirtschaft, die mehr und mehr auf Touren kommt. Das alles zeigt, dass man vorankommt. Die Zahlen können dies belegen. Natürlich sind wir nicht überall im Land präsent. Mit dem neuen PIC wollen wir allerdings unsere Aktivitäten etwas weiter ausbreiten, mehr in den Norden und auch mehr ins Zentrum des Landes rücken, statt wie bislang vor allem um Dakar herum. Natürlich sind wir uns bewusst, dass weiter weg von Dakar die Situation komplizierter ist. Dort sind wir näher an den Nachbarländern wie Mali, Mauretanien, Guinea-Bissau, alles Regionen, die mal stabil, aber auch schnell instabil werden können. 

Tageblatt: Wie kommt die Hilfe aus Luxemburg bei der Bevölkerung an? Wird sie überhaupt wahrgenommen? Wird sie geschätzt? Oder auch kritisch beäugt? 

Romain Schneider: Ich habe die Projekte im Senegal leider selbst noch nie besuchen können. Ich kann Ihnen aber sagen, wie es in anderen Ländern in der Region ist. Ich war viel in Burkina Faso, Mali und auf Kap Verde unterwegs. Wenn wir dort ankommen, werden wir Luxemburger gewiss von den Leuten dort als welche angesehen, die helfen und neue Perspektiven aufbauen. Bei der Visite auf Kap Verde beispielsweise wurde der Großherzog so empfangen wie hier in den 1960er Jahren. Die ganzen Leute waren auf der Straße. Da war wirklich Freude bei den Menschen. Ich selber spüre, wenn ich auf einer Mission bin, diese Freude und Motivation bei den Jugendlichen. Die sehen, da passiert etwas. Da hast du Perspektiven, um voranzukommen in nächster Zeit. Da wird sich konkret um einen gekümmert. Nach dem Motto: Das ist nicht einfach Geld, das wir bekommen, und dann müssen wir klarkommen. Da stecken konkrete Projekte dahinter. Ich glaube, dass das Renommee Luxemburgs durch die Kooperation im Senegal sehr groß ist. Der Präsident Senegals hat ja nicht einfach so den Großherzog und drei Minister nach Senegal eingeladen. Es besteht eine gewisse Anerkennung gegenüber unserer Regierung und dem Land Luxemburg. 

Tageblatt: Präsident Macky Sall will den Status Senegals bis 2035 von einem Entwicklungsland in einen Schwellenstaat erreichen. Ist das realistisch?

Romain Schneider: Man muss sich immer ein Ziel setzten, das sehr hoch ist. Ich war auf der Vorstellung dieses Programms in Paris dabei. Präsident Macky Sall und beinahe seine ganze Regierung haben auf einem Forum diesen Plan vorgestellt. Das war schon sehr gut aufgebaut. Aber da gehören viele kleine Schritte dazu, um dies zu realisieren. Aber ich finde es gut, wenn ein Land offensiv dahingeht und sagt: "Wir wollen unserer Bevölkerung diesen und jenen Weg vorgeben. Das sind unsere Perspektiven, das unsere Ziele." Das ist allerdings sehr ambitiös. Ich glaube eher nicht daran, dass sie diese so erreichen können, wie sie es vorgegeben haben. Aber ich finde, dass sie auf dem richtigen Weg sind, um dahin zu gelangen. Und wenn sie die Idee so hoch ansetzen, dann glaubt die Bevölkerung auch nicht daran. Dann kommt man auch nicht ins Träumen, dass das realisierbar wäre. Es ist ein Traum. Aber wenn er realisiert werden soll, dann sind wir ein Akteur davon und müssen die Senegalesen dabei begleiten. 


Tageblatt: Die sufistische Auslegung des Islams - wie sie im Senegal zum größten Teil praktiziert wird - gilt als sehr tolerant. Das streng gläubige sunnitische Saudi-Arabien oder auch die Schiiten aus dem Iran profilieren sich immer häufiger als Geldgeber für Projekte. Manche befürchten einen negativen Einfluss. Ist diese Annahme richtig? Was sind die Gefahren? 

Romain Schneider: In der Tat sollte man dies aufmerksam verfolgen. Man muss am Anfang schauen, was man dagegen machen kann. Auch unter diesem Gesichtspunkt finde ich es wichtig, dass der Präsident mit seiner Vision für 2035 gesagt hat, wir nehmen das selber in die Hand. Allerdings gibt es nicht nur diese beiden Strömungen dort. Auch andere Nationen bringen sich mit bestimmten Interessen dort ein und finanzieren in diesem Sinne. Das wäre dann eine "aide liée" und keine "aide non-liée". Beispielsweise die Chinesen, die sind in etlichen afrikanischen Ländern aktiv. Wie sie konkret im Senegal operieren, das kann ich allerdings nicht genau sagen. Senegal sollte demnach unterscheiden können zwischen Ländern, die helfen wollen, und jenen, die sich wegen eigenen Interessen dort einbringen. In einer Region, die nicht so stabil ist, ist es besonders wichtig, diese Machenschaften genau im Auge zu behalten. 

Tageblatt: Auch wurden aus Angst vor der Terrormiliz IS in letzter Zeit vermehrt Polizisten im Senegal eingesetzt. Ist diese Angst berechtigt? 

Romain Schneider: Ja. klar ist diese Angst berechtigt. In Mali, Burkina Faso und Niger, alles Länder der Luxemburger Kooperation, ist es zurzeit hoch gefährlich. Etwa einmal im Monat kommt es zu irgendeiner Attacke. Bislang war noch kein Luxemburger oder jemand, der für uns dort arbeitet, bei einem solchen Anschlag impliziert. Wir haben aber vor Ort verstärkte Sicherheitsmaßnahmen eingeführt. Bei den Botschaften und bei den Menschen, die dort arbeiten. Es wurden klare Richtlinien herausgegeben, wie man sich verhalten sollte. Das gilt auch für den Senegal. Nach einer bestimmten Uhrzeit geht man nicht mehr vor die Tür. Man meidet Menschenansammlungen. Es ist ein gefährliches Gebiet — Senegal ist am wenigsten betroffen —, aber es wird wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit sein, bis es auch dort gefährlicher wird. Senegal ist nicht frei von Bedrohungen und Gefahren.