|
- Seul le discours prononcé fait foi - - Nur das gesprochene Wort gilt - [transcription du SIP]
Königliche Hoheiten, Herr Bundestagspräsident, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, Exzellenzen, meine Damen und Herren, und dann vor allem lieber Jean-Claude Juncker, liebe Frau Juncker, und liebe Familie Juncker, dass Sie da sind, die Eltern, Schwiergermutter, freut mich ganz besonders an diesem Tag.
Es ist dies, ich empfinde es so, eine bewegende Stunde. Der Raum, die Erinnerung die hier mitschwingt, und natürlich auch die Erinnerung an viele die hier den Karlspreis entgegen genommen haben, doch heute nicht mehr unter uns sind.
Es ist eine besondere Stunde für Dich, den diesjährigen Karlspreisträger, Premierminister Jean-Claude Juncker.
Meine Damen und Herren, wir ehren den Premierminister Luxemburgs. Wir ehren einen der engagiertesten Europäer, und wir ehren - darüber freue ich mich besonders - einen langjährigen politischen Weggefährten und treuen Freund. Und ich freue mich vor allem, lieber Jean-Claude, daß du mit diesem hohen Preis ausgezeichnet wurdest. Ich gratuliere Dir von Herzen. Ich weiss, ich könnte es tun im Namen vieler die hier sind, aber vielleicht noch viel mehr im Namen der vielen, die dich erlebt haben, die dein Werk kennen in diesen Jahrzehnten, und die wissen was Du bedeutest. Es ist für mich eine große Ehre und vor allem Freude, hier in diesem ehrwürdigen Saal, heute auf dich diese Laudatio zu halten.
Uns verbindet eine Freundschaft von weit über einem Vierteljahrhundert. Ich habe dich in dieser Zeit als treuen und zuverlässigen Freund schätzen gelernt. Du hast im Auf und Ab der Zeiten, und da bin ich sein Zeuge, immer zu mir gestanden.
Für dich ist Treue ein wesentlicher Teil deiner Persönlichkeit. Vor allem: Was du sagst, das tust du auch. Man meint es sei selbstverständlich, aber meine Damen und Herren, wo ist das noch selbstverständlich? Das ist eine Eigenschaft, die - wenn ich das richtig sehe - immer seltener wird. Du scheust dich nicht, auch unangenehme Wahrheiten direkt und unverblümt zu sagen.
Aber du hast ein Mittel zur Verfügung, was selten ist, das sind dein Charme und dein freundliches Wesen. Man kann dich auch in schwierigen Auseinandersetzungen ertragen.
Die Gespräche mit dir waren stets ein Gewinn für mich. Dies ist eine Bemerkung, die ich nicht so häufig mache.
Du hast bei all deiner beruflichen Belastung, und das ist natürlich mit dem Amt des ersten Staatsministers verbunden, aber mit den vielfältigen Funktionen, Interessen, die du auch immer voller Überzeugung vertrittst, dir ein heiteres Wesen erhalten. Du kannst herzlich lachen.
Herr Oberbürgermeister, wenn Sie wieder eine Begründung brauchen für die Urkunde, hoffe ich, dass Sie wieder mal einen finden, wo Sie reinschreiben können: Er kann herzlich lachen. Das ist eine wichtige Feststellung.
Du kannst herzlich lachen, auch über dich selbst. Der Satz des Papstes Johannes XXIII.: "Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!" könnte auch von dir stammen.
Und zu deinem Wesen passt, dass du zuversichtlich bist. Auch eine aussergewöhnliche Erscheinung in einem Land wie unserem, in dem man auf die Frage: „Wie geht es Ihnen ?“, auch wenn der Befragte in der Lage ist, dass es sehr gut geht, die Antwort kommt: „Es geht mir relativ gut“. In einem solchen Land ist das, was ich eben zu Dir sagte, ganz besonders wichtig. Du bist ein nachdenklicher und abwägender, in die Zukunft blickender Mann. der den Tag sieht, aber durch den Tag hindurch auch die Zukunft sieht. Optimistisch im besten Sinne des Wortes.
Optimistisch warst und bist du auch in Sachen Europa. Ich glaube, nur wenn man eine optimistische Grundhaltung hat, kommt man in der Europapolitik überhaupt weiter. Wer beim Bau des Hauses Europa gleich verzagt, nur weil es nicht so schnell geht, wie man möchte, der hat schon verloren. Du hast nie am Erfolg der Einigung Europas gezweifelt.
Meine Damen und Herren, Du warst ja wie ich und viele andere auch, in vielen Nachtstunden, am Ende des Tages, der Meinung, das war ein verlorener Tag, aber Du hast dennoch gesagt wie viele andere und auch ich, wir machen weiter. Du hast mit Tatkraft und Engagement geholfen, daß dieses Haus Europa größer und stabiler geworden ist. Und deshalb freue ich mich von Herzen, ich sage es noch einmal, dass Dein Wirken für Europa heute diesen ehrenvollen Preis bekommt, der nach Karl dem Grossen benannt ist.
Karl der Große gilt als der "Pater Europae", als der "Vater Europas". Unter seiner Regentschaft wurde der Name Europa lebendig. Und ich beglückwünsche sehr auch das Karlspreisdirektorium, denn es hat eine weise Entscheidung getroffen, den Karlspreis 2006 an Dich, an Jean-Claude Juncker, zu vergeben. Es ist ganz einfach zu sagen, und war spürbar eben in dieser Stunde, er hat ihn wirklich verdient.
Jean-Claude Juncker ist ein Mann, der immer für sein Land stand, und gearbeitet hat. Der immer auch für die Einigung Europas gearbeitet hat. Und der noch arbeitet. Und wir, Jean-Claude, wünschen uns, dass Du noch viele Jahre in diesem Sinne arbeitest.
Dein Eintreten für Europa ist ja in deiner Biographie angelegt. Nicht nur dass Du in Strassburg studiert hast, und ein Strassburg mit europäischem Flair schon in jungen Jahren erlebt hast, und dann auch Deine Karriere in der luxemburgischen Politik. Du hast von Anfang an das Glück gehabt, mit Zeitgenossen, mit Persönlichkeiten zu arbeiten, für die der Glaube an die Zukunft Europas ein Stück Lebensnotwendigkeit war.
Ich nenne zum Beispiel Premierminister Pierre Werner, der Jean-Claude Juncker mit erst 28 Jahren zum Staatssekretär für Arbeit und Soziale Sicherheit berief. Du warst immerhin schon volljährig als Du dieses Amt übernommen hast. Werner war von der Idee Europa begeistert. Er hatte schon Ende der sechziger Jahre in seinem "Werner-Plan" Gedanken entwickelt, wie eine Wirtschafts- und Währungsunion in Europa durchgesetzt werden könnte.
Eine andere wichtige Persönlichkeit auf deinem Weg war Premierminister Jacques Santer, in dessen Regierung du als Arbeits- und Finanzminister tätig warst. Ich freue mich, dass er hier ist. Auch er ist ein leidenschaftlicher Europäer und wurde nach dem Abgang von Jacques Delors Präsident der Europäischen Kommission.
Schon 1991 setzte Jean-Claude Juncker als Finanzminister für Luxemburg eine erfolgreiche Steuerreform durch. Man kann das nur mit einem gewissen Neid in der Stimme, aber aus der Nachbarschaft sagen. Sie ermöglichte dem kleinsten Land in der EU, als erstes und einziges Mitglied der Europäischen Union bereits 1994 die im Maastrichter Vertrag festgelegten Beitrittskriterien zur Währungsunion zu erfüllen.
Du wurdest dann 1995 mit 41 Jahren der jüngste Premierminister Luxemburgs. Aber aufgrund seines frühen Eintritts in die Regierung gehörte er schon zu den Erfahrenen. Er war immer ein Energiebündel, denn Du hast neben deinem Amt als Premierminister auch andere Ministerämter übernommen. Das Amt des Ministers für Arbeit, Finanzen, und zusätzlich noch des Schatztresor des Großherzogtums. Das letzte Amt hat es immer erschwert mit Dir über steuerliche internationale Fragen zu diskutieren.
Diese enorme Arbeitsbelastung hinderte Dich nicht daran, dich noch mehr für die Sache Europa zu engagieren. Vor allem damals als es beim Vertrag von Maastricht darum ging, die Kriterien für die Währungsunion nicht aufzuweichen, sondern strikt einzuhalten. Es ist für mich unvergesslich, und es passt gut in diese Stunde, dass Du damals besonders beim EU-Gipfel im Dezember 1996 in Dublin viel Kraft und viel Energie aufgeräumt hast. Es war Dein, nicht auch zuletzt Theo Waigels Verdienst, zu verdanken, dass wir in Dublin nach einem langen Verhandlungsmarathon den Stabilitätspakt für den Euro durchsetzen konnten.
Trotz aller Einsprüche und Ausreden mancher Regierender, frühere und jetzige, sind die Stabilitätskriterien eine entscheidende Voraussetzung für das wirtschaftliche Wachstum der EU. Wir dürfen es deshalb nicht zulassen, daß die Stabilitätskriterien aufgeweicht werden. Bereits die Diskussion darüber ist schädlich für das Vertrauen in die Wirtschaftskraft der Europäischen Union.
Meine Damen und Herren, Jean-Claude Juncker und ich sind uns bei vielen Treffen der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union begegnet. Er beeindruckte mich und viele andere damit, wie sachkundig und gut vorbereitet er auf Sitzungen auftrat. Er versteht halt etwas von den Staatsgeschäften, und zwar in allen Bereichen, sei es in der Finanz-, Wirtschafts- oder Europapolitik. Ihm gelingt es immer wieder, den Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen zu schaffen. Gleichzeitig ist er klug genug, und das ist auch Wahrheit, als Premierminister Luxemburgs die Interessen seines Landes zu wahren.
Bei aller Leidenschaft für das, wovon er persönlich überzeugt ist, bleibt er gesprächsfähig. Er ist ganz und gar unfähig zu irgendeiner Form von Fanatismus. Das hat ihn zu einem gefragten Gesprächspartner, einem geschätzten Verhandlungsführer und zu einer allseits geachteten Führungspersönlichkeit in Europa gemacht. Es gibt wenige in Europa, und ich weiss wovon ich rede, die seinen Rang als Verhandlungsführer erreichen.
Und da ist das andere, das will ich auch in dieser Stunde ansprechen. Jean-Claude Juncker ist ein überzeugter, gläubiger Christ. Er gehört nicht zu denen, die viel über ihren Glauben reden, die womöglich Propaganda damit machen. Das christliche Menschenbild ist ihm eine klare persönliche Orientierung, auch im Alltag. Und so ist es ganz selbstverständlich, daß die Gemeinschaft der Christlichen Demokraten seine politische Heimat war und ist. Vor dem Hintergrund seiner Überzeugung hat es ihn - wie auch mich - betroffen gemacht, mit welcher Ignoranz und Intoleranz die Vertreter mancher Länder die Erwähnung Gottes in der Präambel des Verfassungsvertrages verhinderten. Unser Kontinent, unser Europa, ist in seiner Geschichte von der Antike, der Aufklärung und vor allem vom Christentum geprägt. Deshalb steht es dem Text dieser Verfassung gut an, deutlich zu sagen, was unsere Kultur und unser Denken über Jahrhunderte bis heute prägt.
Da ist das andere, was ich besonders gerne sage. Jean-Claude Juncker kommt aus dem zweitkleinsten Land der Europäischen Union. Er hat - wie Jacques Santer und Pierre Werner - Großes für die Einigung Europas getan. Das zeigt einmal mehr: Die kleinen Länder in der Europäischen Union verdienen genauso viel Achtung wie die Großen, zu Recht. Die Bedeutung eines Mitgliedstaates läßt sich nicht an seiner Einwohnerzahl oder an Quadratkilometern messen.
Winston Churchill hat uns zu dieser Frage in seiner berühmten Rede an die Jugend Europas vom 19. September 1946 in Zürich Wegweisendes ins Stammbuch geschrieben. Er erkannte schon vor 60 Jahren - auch aus den bitteren Erfahrungen der europäischen Geschichte -, daß die Mitgliedstaaten in ihrer Bedeutung nicht allein nach materiellen Faktoren beurteilt werden können. Er formulierte wörtlich in seiner grossen Sprache: "Kleine Nationen werden soviel wie große gelten und sich durch ihren Beitrag für die gemeinsame Sache Ruhm erringen können."
Francois Mitterrand und ich waren immer der Meinung, mehr als das Kriterium der Quantität müsse das der Qualität gelten. Vor diesem Hintergrund finde ich Überlegungen abwegig, eine Art Direktorium von drei oder vier größeren Ländern zu bilden, die in der EU vorangehen sollten. Die Frage stellt sich doch sofort, wer denn Mitglied eines solchen Direktoriums werden soll und wer nicht. Ich kann auch nicht erkennen, was ein solches Bündnis innerhalb der Europäischen Union bewirken kann. Hüten wir uns vor Alleingängen in der EU! Es muß ein gleichberechtigtes Nebeneinander und Miteinander aller geben. Der Respekt vor dem anderen, dem Nachbarn, ist auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung.
Denn, meine Damen und Herren, wir geben in der EU unsere nationale Identität nicht auf. Wir bleiben Luxemburger, Franzosen, Finnen oder Deutsche. Wir sind, wie es Thomas Mann schon nach dem Ersten Weltkrieg sagte, europäische Deutsche und deutsche Europäer.
Meine Damen und Herren, sein erstes Ministeramt übernahm Juncker Anfang der achtziger Jahre. Die Stimmung war schlecht. Pessimismus und europäische Untergangsstimmung waren weit verbreitet. Als ich 1982 als Bundeskanzler bei meiner ersten Konferenz als Regierungschef den EG-Gipfel in Kopenhagen besuchte, sprachen viele, die sich über die Europapolitik äußerten, von Eurosklerose - der Begriff einer schlimmen Krankheit, gepaart mit der Idee Europas. Ich habe vorhin daran gedacht, aber Herr Oberbürgermeister, diese Rede hätten sie von heute in ihrem ersten Teil auch damals sagen können. Und die Perspektive wäre bei vielen gewesen : die Sache hat gar keine Zukunft. Einer der dahin kam und bei der gewaltigen Zahl von kenntnisreichen Journalisten sagte, dass er noch daran glaubte, galt als ein Narr.
Ich will noch einmal sagen, dass wir das alles erreicht haben ist ein tolle Sache. Und es ehrt auch eine ganze Generation die diesen Weg gegangen sind. Die Idee der Vereinigung Europas, der Bau des Hauses Europa, ist und bleibt die größte Erfolgsgeschichte des modernen Europa. Anfang der achtziger Jahre hatte die Europäische Gemeinschaft zehn Mitglieder - heute sind es 25! Damals gab es zwar schon den ECU, aber noch nicht die gemeinsame Währung, den Euro wie heute. Damals teilte ein Eiserner Vorhang ganz Europa. Heute gehören acht Länder aus dem untergegangenen Warschauer Pakt zur Europäischen Union.
Meine Damen und Herren, man kann es gar nicht oft genug sagen und spüren, die Mauer ist gefallen. Deutschland und Europa sind vereint. Wir alle kennen die Schwierigkeiten und Probleme, die ich ganz gewiß nicht leugnen will. Aber Bau und Ausbau Europas gehen weiter. Ich kann nicht erkennen wer das stoppen soll.
Die Kräfte, die es da gibt, auch geschichtlich zum Teil ja verständlichen Gründen, gab es ja auch schon immer. Und wahr ist, wenn man ehrlich sein will – ich will auch hier ganz selbstkritisch sein – wer die dramatischen Jahre zwischen 1985 und 1995 erlebt hat, weiss auch, dass wir in diesen Jahren aus guten Gründen die ich auch weiterhin vertrete, ein Tempo vorlegten dem vielen nicht folgen konnten. Wer nicht dabei war, konnte nicht immer erkennen, dass der Weg jetzt richtig ist. Und trotzdem haben wir den Weg eingeschlagen.
Wenn ich heute vor Studenten in europäischen Ländern spreche, meine Damen und Herren, sehe ich eine junge Generation, für die unser europäisches Haus längst selbstverständlich ist. Diese jungen Frauen und Männer haben sich ganz und gar auf das 21. Jahrhundert in Europa eingerichtet. Wer heute 21 und 22 ist und hier in Aachen auf der Universität studiert, oder in der Nachbarstadt Maastricht, der hat noch viele Jahre vor sich, als Mann eine Lebenserwartung von 75, als Frau von 83 Jahren. Das Jahr 2050 ist für ihn eine selbstverständlich zu erreichende Zeit, mit seinen Lebenserwartungen, seinen Hoffnungen, seinen Sehnsüchte, natürlich auch gewissen Überzeugungen. Sie wissen vor allem eins, was ich manchmal bei der älteren Generation vermisse : sie wissen, daß unser europäisches Haus uns vor allem Frieden und Freiheit garantiert. Und sie wissen, dass der Bau der Vereinigten Staation von Europa einmal geplant war. Das Bild war falsch, weil es den Vergleich assoziierte mit den Vereinigten Staaten von Amerika, wo der Bürger von Philadelphia und New York Bürger des gleichen Staates ist. Nicht wie bei uns, wo man in Aachen als Deutscher lebt, oder nebenan in Maastricht als Holländer oder in Paris - aber eben ein deutscher Europäer und ein europäischer Deutscher ist. Wir wissen, dass wir auf diesem Weg nie mehr in die Lage kommen werden, dass wir Kriege gegeneinander führen.
Wenn man die Aachener Stadtgeschichte kennt, und wenn man weiss, wieviele Soldatenfriedhöfe auf dem Weg von hier nach Paris die Strassen säumen, der weiss, dass die grosse Parole der Gründergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa : « Nie wieder Krieg », eine entscheidende Parole war.
Lieber Jean-Claude, Du hast mit deinem unermüdlichen Engagement großen Anteil daran, daß die Einigung Europas eine Erfolgsgeschichte wurde. Du hast mit Leidenschaft am Bau des Hauses Europa mitgewirkt. Dies alles war und ist Europa Herzenssache!
Und ich sage dazu, lieber Jean-Claude, es ist ein Glück für Europa, daß es dich gibt!
 |
Pour en savoir plus ... |
 |
|