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Meine Damen und Herren,
ich glaube, der Herr Botschafter hat jeden begrüßt der begrüßenswert ist, und das sind alle. Darum würde ich mich direkt auf das konzentrieren, die paar Minuten, die ich mit Ihnen reden will.
Zuerst – damit will ich anfangen – am 14. Dezember letzten Jahres in Berlin hat der deutsche Außenminister Guido Westerwelle einem kleinen Luxemburger Außenminister das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht. Ich trage das hier, und ich trage es mit sehr viel Stolz. Es war für mich, lieber Guido, eine große Ehre diesen Orden zu erhalten.
Guido Westerwelle hat uns dann, wie das üblich ist bei Ordensverleihungen, in ein schönes Restaurant eingeladen. Wir saßen zusammen, auch der frühere deutsche Außenminister Steinmeier, und natürlich der deutsche Botschafter in Luxemburg, sowie die Luxemburger Botschafterin in Berlin. Wir haben uns sehr schnell, bei so viel Außenministerei, über die Vorfahren von uns Außenministern unterhalten, und sehr schnell kamen wir auf einen sehr großen deutschen Außenminister, Walther Rathenau.
Ein liberaler Politiker, ein Industrieller, der ja, wie wir wissen, 1922 einem Attentat zum Opfer wurde. Aber darüber werden ja Herr Sturm und auch Madame Goetzinger uns berichten, und erzählen.
Beim Gespräch, daran kann ich mich gut erinnern, habe ich dann die Verbindung sehr schnell hergestellt: Walther Rathenau, Luxemburg, und natürlich mein Heimatdorf Steinfort. Und dazu muss ich Euch erklären warum ich das gemacht habe.
Also wir hatten eine Schmelz in Steinfort. Es stehen heute noch sehr schöne Gebäude aus dieser Zeit in unserem Dorf – die Schmelz, welche wir restauriert haben. In den Jahren 1912 gehörte diese Schmelz der Familie Collard, eine sehr bekannte Industriefamilie hier aus Luxemburg. 1912 ging dann diese Schmelz über in Felten & Guillaume, und Felten & Guillaume war Bestandteil der AEG. Der Vorsitzende der AEG war der Vater von Walther Rathenau, Emil Rathenau, der dann im Ersten Weltkrieg starb. 1917, glaube ich, wenn ich richtig informiert worden bin, ist dann Walther Rathenau der Nachfolger geworden von Emil Rathenau, und wurde dann auch Präsident der Steinforter Hütte. Ob er jemals in Steinfort war, wissen wir nicht; dass er aber hier war, in Luxemburg, das wissen wir.
Nun, ich glaube, die Idee, eine Feier hier in Luxemburg zu organisieren für diesen großen Staatsmann, kam sehr schnell und spontan von Guido Westerwelle hervor. Übrigens: Sebastian Haffner hat gesagt, er sei einer der 5, 6 größten Staatsmänner Deutschlands des 20. Jahrhunderts!
In Luxemburg wurde vor einigen Tagen, Wochen, „100 Jahre Sidérurgie“, also Hüttenindustrie, Eisenindustrie, Stahlindustrie gefeiert. Wir sind hier im Siège, also im Headquarter des größten Stahlfabrikanten der Welt.
Emile Mayrisch ist eigentlich unser Gründer der luxemburgischen Stahlindustrie und einer der Pioniere, wenn nicht gar der wichtigste Pionier den wir in Luxemburg hatten. Er kannte Walther Rathenau. Er sprach natürlich, wie das in Luxemburg üblich ist, Deutsch und Französisch. Und diese Beziehung, die aufgebaut wurde nach dem Ersten Weltkrieg, ging auch in die Richtung, dass beide zur Entspannung des deutsch-französischen Verhältnisses beitragen wollten.
In Colpach, im Schloss von Emile Mayrisch, traf Walther Rathenau auch auf André Gide. Ich will jetzt nicht zu schnell sein und zu weit vorgreifen, denn ich weiß, dass das im Programm, habe ich eben gehört, noch kommen soll, aber ich will ihnen nur einen Satz lesen, den Walther Rathenau an André Gide geschrieben hat. Ein Satz, glaube ich, mit dem er vollkommen Recht hatte… allerdings bedurfte es eines Zweiten Weltkrieges, damit er auch Gehör fand.
Walther Rathenau schrieb an André Gide: “Es ist mir überaus schwer geworden aus der zurückgezogenen Lage meiner wirtschaftlichen und literarischen Arbeit herauszutreten, und mich auf das Gebiet der Politik und Staatsverhandlungen zu begeben. Niemals hätte ich den Entschluss gefasst, wenn ich nicht den Glauben teilte, dass heute mehr denn je die Welt des guten Willens und des objektiven Verständnisses bedarf um zu gesunden. In diesem Sinne waren unsere Unterhaltungen vom letzten Jahr ein guter Anfang. Mögen sie ihre Fortsetzung finden als Symbol und Vorbedeutung der Annäherung der Geistlichkeiten zweier Länder, deren Berührung gestört, aber niemals auf die Dauer behindert werden kann.�? Wie gesagt, das war 1921.
Nun, ich will auch einen Satz vorlesen aus einem Buch, das ein Steinforter Freund mir geschenkt hat, von Walther Rathenau. Titel ist: "Von kommenden Dingen"
Der erste Satz dieses Buches lautet: "Dieses Buch handelt von materiellen Dingen, jedoch um des Geistes Willen. Es handelt von Arbeit, Not und Erwerb, von Gütern, Rechten und Macht, von technischem, wirtschaftlichem und politischem Bau. Doch es setzt und schätzt diese Begriffe nicht als Endwerte."
Lieber Guido, das Zitat dieses hochgeschätzten Liberalen scheint mir geeignet zu sein um sozialdemokratische und liberale Werte zu verbinden. Und vielleicht gelingt es uns sogar heute Abend ein wenig Politik und Kultur auch ein Stückchen zu verbinden.
Guido Westerwelle und meine Wenigkeit wissen, dass die Europäische Union heute in der Eurozone, aber auch außerhalb der Eurozone, überzeugte Verfechter der Gemeinschaftsidee braucht. Ich will hier jetzt nicht – und kann hier auch nicht – in die Tiefe der Europäischen Union hineingehen. Aber wenn man hier spricht, und nach diesen Worten, von Walther Rathenau 1921 geschrieben, muss man sich doch die Frage stellen können, ganz kurz, was zeichnet heute die Europäische Union aus? Und ich sehe drei Dinge.
Das erste ist der Euro. Wir brauchen den Euro auch in Zukunft aus wirtschaftlichen Gründen, aber vor allem auch aus sozialen Gründen. Ich habe vor einer Stunde den Außenminister aus England kurz in einem bilateralen Gespräch gesehen. Man kann sogar spüren, dass auch die Engländer eigentlich nicht wollen, dass die Stabilität des Euros in Frage gestellt wird. Auch sie brauchen einen stabilen, starken Euro um ihrer Wirtschaft wirklich die Elemente zu geben, die sie brauchen um auch aus ihrem Loch, in dem sie stecken, herauszukommen.
Ich hoffe, und ich glaube auch Guido Westerwelle ist meiner Meinung, dass wir – vor allem in den nächsten Wochen – die richtigen Beschlüsse fassen müssen, und dass wir es auch fertigbringen müssen, diese umzusetzen, damit wir keine Zeitspannen dazwischen lassen, in denen Spekulanten und ähnliche wieder ganz viel Durcheinander anrichten können. Hier sind wir als Europäische Union gefordert das Richtige zu tun, das Richtige zu entscheiden, und das Richtige dann auch zu tun.
Das zweite, was heute, glaube ich, die Europäische Union auszeichnet, ist Schengen. Ich möchte meinem Kollegen da speziell danken, lieber Guido, dass Du Dich eingesetzt hast, dass diese Behinderungen – auch wenn die dänische Botschafterin hier unter uns ist, sage ich es, Behinderungen – die in einem gewissen Moment entstanden sind, dass die ausgeräumt sind. Da sieht man, dass für Sozialdemokraten wählen auch manchmal ein Vorteil sein kann.
Ich will drittens sagen, dass die Europäische Union sich auszeichnet durch die Verteidigung der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, kurz, der Menschlichkeit, überall auf allen nahen und fernen Kontinenten. Rathenau musste ja sterben, weil er die Logik der frühen Nazis als Schande für die Menschlichkeit empfand, und ihr die Stirn geboten hat. Ich glaube, wir gedenken heute eines sehr großen Deutschen.
Danke vielmals!
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