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> home > Salle de presse > Interviews > 2008 > Janvier 08 > "Kompetenzen richtig anwenden". La ministre de l'Éducation nationale au sujet de la réforme de la formation professionnelle et de la loi scolaire de 1912

Interview
"Kompetenzen richtig anwenden". La ministre de l'Éducation nationale au sujet de la réforme de la formation professionnelle et de la loi scolaire de 1912
"fonction publique" du 22-01-2008

Vers le niveau supérieur

fonction publique: Frau Ministerin, in rund anderthalb Jahren geht die jetzige Legislaturperiode zu Ende. Anlass genug, bei der Unterrichtsministerin nachzufragen, wie es sich mit der Umsetzung des doch recht ambitiösen Regierungsprogramms in Sachen Schule und Unterrichtswesen verhält. Inwieweit sind die im Koalitionsabkommen definierten Ziele denn schon erreicht und wo liegen die Schwerpunkte für die kommenden Monate?

Mady Delvaux-Stehres: Insgesamt bin ich mit der bisherigen Umsetzung des Regierungsprogramms recht zufrieden. Mein Ziel war es, die großen Gesetzesprojekte wie die Reform der Berufsausbildung und des Schulgesetzes von 1912 bis zum Sommer 2008 umzusetzen, was uns aller Voraussicht nach auch gelingen wird. Die Schulreform geht allerdings weit über den eigentlichen Text hinaus. Die Überarbeitung der Inhalte der Lernprogramme zählt ebenso dazu wie Anpassungen in der Lehrerausbildung und die Schaffung zusätzlicher schulischer Infrastrukturen. Das alles bildet ein Ganzes. Die eigentliche Zielsetzung liegt doch auf der Hand: Wir müssen unsere Kinder so ausbilden und qualifizieren, dass sie morgen auch auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Und das wird in einer globalisierten Welt, in der die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt immer größer wird, zusehends schwieriger. Aus diesem Grunde sollten wir auch nicht zu illusorisch sein: Im Gegensatz zu früher bildet die Schule heute nicht mehr den "honnête homme"aus. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, dem Einzelnen die erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln, um - in unserer Wissensgesellschaft - mit der Vielfalt an geistigem Kapital umgehen zu können. Hier steht unsere Schule vor einer riesigen Herausforderung. Eine hohe Qualifikation für eine größtmögliche Schülerzahl ist jedenfalls nicht mehr zu erreichen mit den Methoden aus den 50er oder 60er Jahren.

fonction publique: Richtig bleibt dennoch, dass der Staat nicht alles tun kann. Wie CGFP-Nationalpräsident Emile Haag im vergangenen Dezember vor der CGFP-Vorständekonferenz betonte, sind vor allen Dingen auch die Schüler und Schülerinnen gefordert. Werte wie Leistung, Freude am Studium, Ordnung und Ausdauer müssten wieder ganz oben angesiedelt werden. Teilen Sie diese Ansicht?

Mady Delvaux-Stehres: Absolut. Das Problem besteht ja darin, dass einerseits die Schule nicht alles tun kann, andererseits aber auch so manche Eltern nicht in der Lage sind, das erforderliche Rüstzeug an ihre Kinder weiter zu geben. Trotzdem zählt gerade in solchen Fällen eine enge Partnerschaft zwischen Schule und Elternhaus - das ja auch so manche Werte vermittelt - zu den Grundvoraussetzungen für schulische Erfolge. Und diese Zusammenarbeit gilt es auszubauen und zu fördern.

fonction publique: Im Regierungsprogramm von 2004 geht u.a. die Rede von einer größeren Autonomie für die verschiedenen Schulgemeinschaften. Was kann man sich konkret hierunter vorstellen?

Mady Delvaux-Stehres: Ein entsprechendes Gesetzesprojekt für die Sekundärschule wurde bereits in der vorigen Legislaturperiode von meiner Vorgängerin, Unterrichtsministerin Anne Brasseur, hinterlegt. Jetzt geht es darum, die Autonomie auch in den Gesetzestext zur Reform der Grundschulen einzubinden. Auf diese Weise soll den Schulen die Möglichkeit gegeben werden, besser und vor allen Dingen auch schneller auf die Bedürfnisse der jeweiligen Schulbevölkerung reagieren zu können. Heute haben die Schulen, allen voran unsere Primärschulen, in der Tat nur sehr wenig Spielraum, was die Sache bei einer deutlich vielschichtiger werdenden Schulgemeinschaft zusehends schwieriger macht. Für mich gilt die Zuteilung einer größeren Autonomie aber auch als eine der Voraussetzungen für die weitere Entwicklung unserer Schulen. Eines scheint mir allerdings genau so sicher: Sollten wir diesen Weg beschreiten, müssen wir uns auch die notwendigen Bewertungsmechanismen geben. Periodisch muss die Schule die Konten vorlegen. Das scheint mir unabdingbar. "II faut que l'école rende des comptes!"

fonction publique: Stichwort Bewertungsmechanismen: Für viel Diskussionsstoff haben in jüngster Vergangenheit erneut die Ergebnisse aus der Pisa- und der Pirls-Studie gesorgt. Wie aussagekräftig sind solche Studien Ihres Erachtens eigentlich?

Mady Delvaux-Stehres: Die Platzierung bei solchen Analysen ist für mich nicht vorrangig. Das muss ich ganz offen gestehen. Viel wichtiger ist für mich die Erkenntnis, dass unsere Kinder im Wettbewerb mit anderen stehen. Luxemburg ist nun mal keine Insel. Und darauf müssen wir unsere Kinder vorbereiten. Ohne die bei diesen Studien erkennbar gewordenen Schwierigkeiten leugnen zu wollen, möchte ich an dieser Stelle aber die überaus positiven Resultate aus der in den Primärschulen des Landes durchgeführten Pirls-Studie erwähnen. Unter den europäischen Mitbewerbern belegte Luxemburg immerhin Rang 1. Leider wurde dieser Erfolg nur bedingt nach außen getragen. Dabei wurden den Schülern und Schülerinnen des fünften Schuljahres - und zwar aller Klassen des fünften Schuljahres - auf diese Weise echte Lesefähigkeiten bescheinigt. Die Pisa-Studie hingegen richtete sich an alle Schüler im Alter von 15 Jahren, ganz gleich, welche Klasse sie belegten. Die Aufgaben waren weniger programmorientiert, sondern es wurden Kompetenzen, d.h. die Anwendung der Fähigkeiten auf andere Bereiche und Situationen, abgefragt. Und in dem Punkt sind unsere Schüler und Schülerinnen weniger stark. Dessen müssen wir uns auch bewusstsein. Ich betone allerdings, dass eine Studie nurAufschluss über diejenigen Bereiche gibt, die auch geprüft worden sind. Wären beispielsweise die Fremdsprachenkompetenzen unserer Schüler getestet worden, hätten wir sicherlich weitaus besser abgeschnitten als die Mehrheit der Mitbewerber.

fonction publique: Die Inhalte der Schulprogramme sind ein anderes Schwerpunktthema im Regierungsprogramm. Welche Änderungen beabsichtigen Sie konkret vorzunehmen und zu welchen Verbesserungen sollen diese Anpassungen letztlich führen?

Mady Delvaux-Stehres: Die Programme sollen einfach kohärenter, d.h. zusammenhängender werden. Und diese Arbeit muss bereits in unseren Vorschulen beginnen. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern ist der Besuch der Vorschule in Luxemburg obligatorisch. Demzufolge müssen auch die Erwartungen an diese Schulen festgelegt werden, so zum Beispiel, welche Grundvoraussetzungen sie vermitteln müssen, damit die Kinder später das Lesen leichter erlernen können. Ähnlich verhält sich die Angelegenheit dann für den Übergang von der Primärschule in die Sekundärschulen. In enger Zusammenarbeit mit der "Uni Lëtzebuerg" sind wir dabei, die Kompetenzen festzulegen, die jeder Schüler beherrschen muss, um die nächste Etappe seiner Schullaufbahn erfolgreich anzugehen. Eine entsprechende in unseren Primärschulen durchgeführte Umfrage stieß übrigens auf große Resonanz. 173 Primärschulen haben ein diesbezügliches Gutachten abgegeben. Das ist enorm. In einer ersten Phase konzentrieren wir uns auf Fächer wie Sprachen oder Mathematik. In diesen Bereichen haben wir bereits gute Fortschritte gemacht. In einer nächsten Phase folgen dann die Wissenschaften und, schließlich, die kreativen Fächer und der Schulsport.

fonction publique: Ein ganz besonderes Augenmerk soll dabei dem Sprachenunterricht zukommen. Sowohl für unser Land als auch für die öffentliche Verwaltung ist und bleibt die Mehrsprachigkeit ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil, der gehegt und gepflegt werden möchte. Müssen wir nicht auch in Zukunft am Sprachenvorteil festhalten?

Mady Delvaux-Stehres: In der Definition der Lernprogramme nehmen die Sprachen den weitaus größten Raum ein. In der Frage besteht im Übrigen auch ein politischer Konsens, quer durch alle Parteien. Im Gegensatz zu unseren Mitbewerbern haben wir einen Sprachenvorteil, und den gilt es auch zu erhalten. Auf der anderen Seite besteht aber auch Einigkeit darüber, dass der Sprachenunterricht keine Barriere für diejenigen Schüler darstellen darf, die eine Berufsausbildung anstreben. Immerhin verlassen heute noch immer um die 22 Prozent unserer Jugendlichen die Schule ohne jegliche Qualifikation. Und die in unseren Schulen unterrichtete Mehrsprachigkeit ist sicherlich nicht die, aber bestimmt eine der Ursachen dafür. Unser Schulsystem ist nun mal vordergründig auf Luxemburger Kinder ausgerichtet, die Deutsch einfach und Französisch mit etwas Mühe lernen. Rund 40 Prozent der Schulbevölkerung entsprechen heute aber nicht mehr diesem Profil. Im Gegensatz zu den Luxemburger Kinder müssen Ausländer-Kinder nicht eine, sondern drei Fremdsprachen erlernen: Deutsch, Französisch und Luxemburgisch. Und das schaffen viele bedauerlicherweise nicht. Und genau da müssen wir den Hebel ansetzen. Sehen Sie: Eine Sprache setzt sich aus mehreren Kompetenzen zusammen: hören, lesen, schreiben und sprechen. Und das Ziel muss es sein, dass die Schüler und Schülerinnen jede dieser Fähigkeiten erlernen, nicht all diese vier Kompetenzen aber in gleichem Maße beherrschen müssen, je nachdem, welche Berufs- oder Fachrichtung sie später einschlagen wollen. Was allerdings nicht heißen will, dass falsche Schreibweisen auf einmal toleriert würden. Ganz im Gegenteil. Fehlerfreies Schreiben muss ein Ziel des Sprachenunterrichts bleiben. Nur soll der Sprachenunterricht dies schrittweise vermitteln und nicht von vornherein voraussetzen.

fonction publique: Die Europaschule gilt häufig als Vorbild, insbesondere auch in Bezug auf die Optionsmöglichkeiten, die den Schülern und Schülerinnen geboten werden. Jemand, der sich den Wirtschaftswissenschaften widmen möchte, muss nicht unbedingt Philosophiekurse belegen, um nur ein Beispiel zu nennen. Inwieweit könnten diese allgemein als positiv gewerteten Erfahrungen auch auf unser Schulsystem übertragen werden?

Mady Delvaux-Stehres: Bei einem weit über dem Durchschnitt liegenden Pensum an Sprachen bleibt in der Tat nicht allzu viel Zeit für viele Optionen. Was die Europaschule allerdings an Optionsmöglichkeiten anbietet, bilden in unserem Schulsystem die verschiedenen Sektionen, zwischen denen der Schüler ab einem bestimmten Zeitpunkt wählen kann. Aber auch hier gibt es Probleme. Bestimmte Schweizer Universitäten etwa nehmen keine Luxemburger Studenten einer A-Sektion (A = Sprachensektion. Die Red.) mehr an, mit dem Argument, sie verfügten über unzureichende Kenntnisse in den Wissenschaften. Sie sehen, hier wäre in der Tat noch viel zu tun. Bis zu einer 5e-Klasse könnte ich mir eine allgemeine Wissensvermittlung vorstellen, doch dann sollten Optionen zur Auswahl stehen. Das wäre die Sekundärschule der Zukunft. Doch die kriegen wir in der jetzigen Legislaturperiode sicherlich nicht mehr hin. Diese Aufgabe - die Reform der Oberstufe - hebe ich mir dann für die nächste Legislaturpenode auf...

fonction publique: Lebenslanges Lernen gilt als eine der Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Welche Voraussetzungen könnte man schaffen, um Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen neben ihrer beruflichen Tätigkeit ausreichend Freizeit für Fort- und Weiterbildungskurse zu bieten?

Mady Delvaux-Stehres: Lebenslanges Lernen ist keine Modeerscheinung unserer Zeit, sondern schlicht eine Notwendigkeit, um mit der rasanten Entwicklung innerhalb unserer Wissensgesellschaft Schritt zu halten. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle die in diesem Bereich unternommenen Anstrengungen unserer Betriebe und Unternehmen, die in einer diesbezüglichen Erhebung des Statec im europäischen Vergleich ganz oben rangieren. Ungeachtet hiervon haben wir im Privatsektor einen Bildungsurlaub von 80 Tagen eingeführt, um Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen den Zugang zu gesonderten Weiterbildungskursen zu vereinfachen. Das ständig wachsende Interesse an Fortbildungsmaßnahmen hat aber auch eine andere direkte Konsequenz zur Folge: Parallel zur Einführung von Weiterbildungskursen muss die Grundausbildung entsprechend angepasst werden, damit die für die Fortbildung erforderlichen Voraussetzungen erst einmal geschaffen bzw. vermittelt werden können. Und dann stehen wir aber auch noch vor einer anderen großen Herausforderung, und zwar Arbeitnehmer mit einem zunächst niedrigeren Bildungsniveau für die Notwendigkeit von Weiterbildungskursen zu sensibilisieren. In diesem Zusammenhang möchte ich die Einführung des "e-bac" erwähnen, der es ermöglicht, als Alternative zu den traditionellen Abendkursen, das Abitur im Fernstudium nachzuholen. Und das mit recht großem Erfolg, wie die jüngsten Zahlen belegen. Eins scheint mir aber genauso wichtig: Die zunehmende Tendenz hin zu lebenslangen Bildungsprogrammen setzt auch einen Mentalitätswechsel voraus. Und das nicht nur bei den Arbeitnehmern, sondern vor allen Dingen auch bei den Institutionen und so manchen Arbeitgebern.

fonction publique: Wie eingangs erwähnt, sollen auch die schulischen Infrastrukturen weiter ausgebaut werden. Wohin soll diese Entwicklung letztlich führen? Muss später wirklich jede Ortschaft ihr eigenes Lyzeum haben?

Mady Delvaux-Stehres: Eins ist auf jeden Fall richtig: Die Schülerzahlen wachsen noch immer, und unsere Schulen platzen aus allen Nähten. Schauen Sie nur, wieviele Schüler heute noch in Container unterrichtet werden müssen. Allein schon aus diesem Grunde sieht der im Rahmen des IVL erarbeitete "Plan sectoriel Lycée" die Schaffung von mehreren Sekundärschulen im Lande vor. In Belval werden die Bagger voraussichtlich noch in diesem Januar anrollen, Junglinster wird jetzt als zusätzlicher Standort gestimmt werden, und ein weiteres Lyzeum in Redingen soll seine Türen bereits im kommenden Herbst öffnen. Ferner sieht der "Plan sectoriel Lycée" eine Sekundärschule in Differdingen vor, wo zwar noch kein Gesetz gestimmt, die prinzipielle Entscheidung aber bereits im Ministerrat getroffen wurde. Ein Lyzeum im Norden des Landes, und zwar in Clerf, und ein weiteres im Süd-Osten des Landes, wo die Entscheidung hinsichtlich des genauen Standortes allerdings noch aussteht, werden das schulische Angebot schließlich abrunden.

Neben der ständig wachsenden Schülerzahl stehen wir aber noch vor einer anderen großen Herausforderung: Rund 300 der vorhin erwähnten unqualifizierten Schulabgänger treten weder ins Berufsleben ein noch machen sie eine weitere Ausbildung. Und diese Jugendlichen möchten wir zurückgewinnen, und zwar im Rahmen der "Centres nationaux de formation professionnelle continue", kurz CNFPC genannt, deren es zurzeit eines in Esch und ein weiteres in Ettelbrück gibt. Gerade im Zentrum des Landes besteht hier aber eine echte Notwendigkeit, um diesen Jugendlichen wieder eine Ausbildung zu ermöglichen. Rasches Handeln ist hier gefragt.

Schließlich besteht ein Nachholbedarf hinsichtlich unserer Sportinfrastrukturen, insbesondere im Norden des Landes. Wenn sowieso nur zwei Sportstunden pro Woche vorgesehen sind, kann es nicht angehen, dass die Schüler auch noch die Hälfte dieser Zeit im Schulbus verbringen müssen.

fonction publique: Eine Besonderheit Luxemburgs besteht sicherlich auch in einer weit über dem Durchschnitt liegenden Zahl an Einwanderer-Kindern, auf deren besonderen Bedürfnisse eingegangen werden muss. Aber auch hier kann die Schule bestimmt nicht alles allein machen. Wo fängt die Rolle der Schule an, wo hört sie auf? Oder, anders gefragt, welche Stellen sind in dieser Frage noch gefordert?

Mady Delvaux-Stehres: Die Schule kann sicherlich nicht alles tun, sie muss allerdings ein Maximum leisten und darf ihre Verantwortung auf keinen Fall auf andere abwälzen. Wir unterscheiden ja zwischen zwei unterschiedlichen Einwanderungen: Einerseits haben wir die Arbeiter-Immigration, andererseits die Einwanderung von Familien aus höheren sozialen Schichten. Es ist also weniger die Immigration an sich, die Probleme bereitet, als vielmehr der sozio-kulturelle Status der Familien, aus denen die Kinder stammen. Und das trifft gleichwohl auch auf Kinder aus rein luxemburgischen Familien zu. Eine Antwort auf die sich hieraus ergebenden Probleme kann beispielsweise die Schaffung von zusätzlichen Auffangstrukturen sein, in denen die Kinder genau jene Betreuung erhalten, die ihnen zuhause nicht geboten werden kann. Im Zuge dieser Anstrengungen sollte auch die Zusammenarbeit zwischen der Schule und den unter der Verantwortung des Familienministeriums arbeitenden "Maison relais" weiter verbessert werden. All das setzt natürlich ein riesiges Engagement aller Beteiligten voraus.

fonction publique: Stichwort Ganztagsschule: Gerade im Sinne einer ganztäglichen Betreuung wurde ein Pilotprojekt im Sekundarunterricht durchgeführt. Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf dieses Modell und welche generellen Betrachtungen könnten möglicherweise aus dieser Erfahrung gezogen werden?

Mady Delvaux-Stehres: Die Einführung der Ganztagsschule hat vor allen Dingen eine soziale Ursache. Im Gegensatz zu früher sind heute meist beide Elternteile berufstätig, so dass das schulische Angebot - als Alternative zu den erwähnten "Maisons relais" - entsprechend ausgedehnt werden muss. Mit der Einführung der Ganztagsschule entstehen größere Freiräume für Pausen, die Lernprogramme können großzügiger über den ganzen Tag hinweg verteilt werden, und es entstehen längere Lehreinheiten, die wiederum längere Pausen zwischen den einzelnen Lehreinheiten erforderlich machen. Ich jedenfalls bin und bleibe ein ferventer Anhänger der Ganztagsschule, weil dadurch auch mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen entsteht. Hinzu kommt, dass die Schule neben ihrer eigentlichen Rolle, nämlich der Wissensvermittlung, zusehends andere Aufgaben wahrnehmen muss. Auch dürfen die Schulabgänger künftig nicht weniger qualifiziert sein, sondern müssen im Gegenteil über zusätzliche Fähigkeiten verfügen. Dies wiederum setzt mehr Zeit für eine individuelle Betreuung voraus. Und all das spricht letztlich für das Modell der Ganztagsschule. Es geht darum, schwächere Schüler eingehender betreuen und deren stärkeren Kollegen gleichsam fördern zu können. Den geeigneten Rahmen hierfür gilt es zu schaffen. Das kann beispielsweise auch durch die Bündelung aller Kompetenzen innerhalb einer Schule gelingen. Gemeinsam, im Team, muss versucht werden, jedem Einzelnen die beste Ausbildung und Qualifikation zu vermitteln.

fonction publique: Ein Schlusswort?

Mady Delvaux-Stehres: Gestatten Sie mir am Ende zwei Anmerkungen, die mir besonders am Herzen liegen. Die erste bezieht sich auf die in der breiten Öffentlichkeit viel diskutierte und nicht weniger kritisierte Aussage, die Schule müsse Spass machen. Zum einen bin ich niemals mit diesem Slogan angetreten, sondern habe diese Aussage lediglich bei einer bestimmten Gelegenheit gemacht. Und zum anderen ist auch niemals die Rede von "Spass machen", sondern vielmehr von "Freude machen" gewesen. Ein feiner Unterschied, auf den ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte. Was ich aber mit meiner Aussage zum Ausdruck bringen wollte, ist Folgendes: Nur wer motiviert ist, etwas zu tun, wird dies auch gut tun. Ganz nach diesem Grundsatzprinzip, das Sie übrigens in der gesamten Fachliteratur wieder finden, sollten auch Kinder Freude an der Schule haben und gerne dorthin gehen, was letztlich auch zu besseren Resultaten führt. Das müsste doch einleuchten.

Die zweite Anmerkung betrifft das nicht weniger heftig diskutierte Thema der Hausaufgaben. Ich bin grundsätzlich dagegen, dass Lehrer ihre Verantwortung auf die Eltern abwälzen oder umgekehrt. Ich bin aber auch genauso davon überzeugt, dass selbständiges Arbeiten einfach zum Leben dazu gehört. Und aus diesem Grunde habe ich mich auch entschieden gegen Hausaufgaben ausgesprochen, die nicht ohne die Hilfe der Eltern oder der Großeltern gemacht werden können, und von schriftlichen Hausaufgaben für Schüler und Schülerinnen der Unterstufe (1. und 2. Schuljahr) abgeraten. Es geht mir schließlich darum, den Kindern somit zu einer autonomen Arbeitsweise zu verhelfen. Eine Eigenschaft, auf die sie auch im späteren Leben nicht verzichten können.

fonction publique: Frau Ministerin, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.



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