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> home > Salle de presse > Interviews > 2008 > Janvier 08 > "Gegen das Schulelend". La ministre de l'Éducation nationale au sujet des réformes scolaires

Interview
"Gegen das Schulelend". La ministre de l'Éducation nationale au sujet des réformes scolaires
"Revue" du 23-01-2008

Vers le niveau supérieur

Revue: Frau Ministerin, als im Dezember die Ergebnisse der PISA-Studie 2006 verkündet wurden, zeigten Sie sich in Ihrem Reformkurs bestätigt. Ist nicht auch der Reformdruck gestiegen?

Mady Delvaux-Stehres: Sämtliche Studien bestätigen, dass in unserem Schulsystem gehandelt werden muss. Allerdings scheint der Reformwille nicht allzu ausgeprägt zu sein. Nach der ersten PISA-Untersuchung vor sechs Jahren waren alle geschockt. Damals ging ein Ruck durchs Land. Diesen Eindruck habe ich zurzeit nicht.

Revue: Und warum ist der Reformwille erlahmt? Etwa weil es bisher keine Verbesserung gab?

Mady Delvaux-Stehres:Wie wir alle wissen, brauchen die Reformen Zeit, bis sie Früchte tragen. Zudem sagen einige zu Recht, dass die Schwerpunkte, die bei PISA getestet werden, nicht die sind, die wir an unseren Schulen unterrichten. Wenn genau das gemessen würde, was bei uns im Vordergrund steht, dann würden wir viel besser abschneiden. Zum Beispiel was die Vielsprachigkeit der Kinder betrifft, wären wir die Nummer eins in Europa. Zum einen müssen wir diese Vielsprachigkeit garantieren, zum anderen ihnen jene Kompetenzen mit auf den Weg geben, die bei den 15-Jährigen weltweit vorausgesetzt werden. Diese beiden Elemente zusammenzubringen, ist unser Problem.

Revue: Nur kommen leider immer wieder neue Problemfelder hinzu - beispielsweise die Naturwissenschaften, Schwerpunkt der letzten PISA-Studie. Sind diese bisher vernachlässigt worden?

Mady Delvaux-Stehres: Sogar sehr. Dass wir bei den Naturwissenschaften schlecht abschneiden, war zu erwarten. Von 7e bis zur 5e gibt es höchstens zwei Stunden Biologie und weder Physik noch Chemie. Ein großer Teil der Unterrichtsstunden wird logischerweise für Sprachenunterricht verwendet. Dabei leben wir in einer Zeit, in der besonders die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung von Bedeutung ist und wir auch in Luxemburg zunehmend Wissenschaftler brauchen.

Revue: Sie hatten für die Naturwissenschaften schnell eine Lösung parat. Im September wird in allen siebten Klassen ein neuer Kurs "sciences naturelles" mit einem interdisziplinären Ansatz eingeführt...

Mady Delvaux-Stehres: ... der verstärkt an der Praxis orientiert ist.

Revue: In Zukunft soll differenzierter unterrichtet und die Schüler individuell gefördert werden. Reicht das aus, um der Heterogenität beizukommen?

Mady Delvaux-Stehres: Gerade deshalb brauchen wir die Reformen, die die Differenzierung möglich machen. Die große Enttäuschung in der Pädagogik ist doch die Erkenntnis, dass nicht jedem alles gleich beigebracht werden kann. In den letzten Jahren ist der Anteil der ausländischen Schüler stark angestiegen. Im Vorschulbereich sind es jetzt 44 Prozent.

Revue: Darunter sind auch Kinder, die weder Luxemburgisch noch Deutsch oder Französisch sprechen.

Mady Delvaux-Stehres: Die Schule besitzt den Auftrag, den Kindern etwas beizubringen, ihnen Kompetenzen zu vermitteln und sie zu sozialisieren. Das bezieht sich nicht nur auf die luxemburgischen Kinder, sondern auf alle, die hier leben. Das beginnt schon in der Vorschule. Vor dem Hintergrund dieser gewaltigen sozialen und sprachlichen Heterogenität reichen die alten Rezepte von vor 50 Jahren nicht mehr aus. Es ist schwieriger geworden, weil sich die Gesellschaft, aber auch die Menschen geändert haben. Heute reicht zum Beispiel eine Ausbildung nicht mehr für das ganze Leben, sondern es kommt darauf an, sich immer wieder neues Wissen anzueignen und mit neuen Technologien umzugehen.

Revue: Kinder von Immigranten und aus sozial schwachen Familien werden benachteiligt. Die Leistungsunterschiede zwischen Akademiker- und Arbeiterkindern sind eklatant.

Mady Delvaux-Stehres: Diese Unterschiede gibt es überall. Aber in Luxemburg sind sie besonders groß.

Revue: Sie traten an, um für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.

Mady Delvaux-Stehres: Das ist immer noch mein Ziel.

Revue: Dieses Ziel haben sie jedoch bisher noch nicht erreicht.

Mady Delvaux-Stehres: Das Frustrierende in der Erziehungspolitik ist eben, dass die Resultate erst spät zu sehen sind. Es gibt kein unmittelbares Erfolgserlebnis. Das erschwert auch die politische Diskussion. Trotzdem analysieren wir immer wieder von neuem den jeweiligen Zustand und ziehen daraus Konsequenzen.

Revue: Welche ziehen Sie daraus, dass das Schulsystem stark selektiert und dass viele Schüler sitzen bleiben?

Mady Delvaux-Stehres: Wir wissen inzwischen, dass ein Jahr zu wiederholen keine gute Lösung ist. Deshalb haben wir in dem neuen Primärschulgesetz Zyklen vorgesehen, um sowohl den Schülern, die schneller, als auch denen, die langsamer lernen, Rechnung zu tragen. Im primären wie auch im postprimären Bereich sind wir dabei, nach Kompetenzen zu evaluieren. Zuerst muss herausgefunden werden, wo der Schüler am Anfang steht, um dann die Ziele, die er erreichen kann und soll, zu definieren.

Revue: Warum wird das Punktesystem nicht angetastet?

Mady Delvaux-Stehres: Die einzige Schule, an der auf Noten verzichtet wird, ist momentan das Neie Lycée. Ähnliche Projekte in anderen Lyzeen wurden von den Eltern weniger begrüßt - mit dem Resultat, dass wir Schwierigkeiten hatten, Schüler zu rekrutieren. Ein großer Teil der Eltern wollen gerne Noten. Darauf kommt es jedoch gar nicht so sehr an. Wichtig ist, ein System zu finden, mit dem man den Fortschritt eines Schülers dokumentieren kann. Ich behaupte, dass wir das mit unserem Punktesystem nicht können.

Revue: Ist die Beibehaltung des Systems ein Zugeständnis an die Eltern?

Mady Delvaux-Stehres: Wenn es nur Textzensuren gäbe, müsste man darauf achten, dass die Lehrer nicht zu sehr in eine Routine verfallen. Was die Benotung angeht, brauchen wir also einen gemeinsamen Nenner. Wir können uns nicht erlauben, dass jede Schule anders benotet. Allerdings sollte in der Schule die Kompetenz des Schülers präzis beschrieben werden.

Revue: Die Schüler des Proci-Projekts an sechs Schulen haben bei PISA besser abgeschnitten als die anderen. Wird aus dem Pilotprojekt ein Standard?

Mady Delvaux-Stehres: Was jetzt geschieht, ist die Identifizierung der einzelnen Proci-Elemente, um sie auf andere Schulen übertragen zu können. Zurzeit läuft Proci nur an den technischen Lyzeen, mit den klassischen diskutieren wir. Zu den Elementen von Proci gehören kleine Gruppen und kompetenzorientiertes Lernen. Von der 7e bis zur 9e gibt es keine Klassenwiederholungen, allenfalls Reorientierung. Wir wollen dies zielstrebig umsetzen.

Revue: Sie treffen immer wieder auf Widerstände. Zuerst die schwierige Diskussion um die Neudefinition der Aufgaben der Sekundarschullehrer.

Mady Delvaux-Stehres: Das größte Problem war, die Lehrer von der Notwendigkeit der Kompetenzen zu überzeugen, was nichts anderes bedeutet, als das angeeignete Wissen anzuwenden. Bisher hatten wir einen programmorientierten Unterricht, wie alle anderen Länder übrigens auch. Als erstes Land stellte Finnland seinen Unterricht um. Verheerend ist es, wenn beim Schüler die Meinung entsteht, es reiche, einen bestimmten Stoff für die Prüfung zu lernen und wenn die vorüber ist, kann er den Stoff wieder vergessen. Das zu ändern, erweist sich als besonders schwierig. Prüfungen sind nicht nur dazu da, Wissen abzufragen, sondern den Schülern beizubringen, wie man Probleme löst.

Revue: Das Luxemburger Schulsystem gleicht einem Versuchslabor. Oder ist es ein Flickenteppich?

Mady Delvaux-Stehres: In Zukunft werden die Schulen mehr Autonomie haben. Alle haben den Auftrag, die Schüler zu ihrem Ziel zu führen. Die jeweiligen Wege bleiben ihnen künftig viel mehr selbst überlassen. Im Unterschied zu früher, als alles vom Ministerium aus entschieden wurde.

Revue: Im Zuge der Pirls-Lesestudie stellte sich heraus, dass viele Schüler ungern zur Schule gehen.

Mady Delvaux-Stehres: Das finde ich beängstigend und bereitet mir große Sorgen. In manchen Ländern fühlen sich die Kinder in der Schule gut aufgehoben, weil um sie herum Elend herrscht. In Luxemburg sind sie eher außerhalb der Schule geborgen. Die Freude am Lernen und die Motivation, etwas zu entdecken, sind Voraussetzungen für das lebenslange Lernen. Wenn die Schülef diese nicht haben, sind sie schlecht für die Zukunft ausgerüstet.



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