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d'Wort: Die amerikanische Notenbank hat die Zinsen um 0,75 Prozentpunkte gesenkt. Warum ist das ein gutes Zeichen?
Jean-Claude Juncker: Es zeigt, dass es in den USA einen wachsenden Konsens darüber gibt, dass die US-Wirtschaft auf Talfahrt ist. Schon das Maßnahmenpaket der Bush-Regierung war ein Zeichen dafür. Das wurde an den Finanzmärkten allerdings nicht als schlüssig empfunden, deswegen zieht die Federal Reserve Bank jetzt nach. In den nächsten Wochen muss sich zeigen, ob diese geballte Portion an Währungs-, Finanz- und Fiskalpolitik von den Märkten als eine angemessene Antwort auf die sich anbahnenden Rezessionsrisiken in den USA empfunden wird.
d'Wort: Was kann die europäische Politik tun? Auch die Leitzinsen senken?
Jean-Claude Juncker: Die europäische Wirtschaft ist derzeit wesentlich besser aufgestellt als die amerikanische. Wir haben einen Zahlungsbilanzüberschuss, wir haben unser Haushaltsdefizit unter die Ein-Prozent-Marke reduziert, die Beschäftigungsquote steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Wachstumsaussichten sind höher als in den USA. Daher ist es nicht angebracht, ähnliche Maßnahmen in Richtung Konjunkturprogramme zu ergreifen, wie das in den USA passiert. Der EU-Stabilitätspakt macht eine auf klaren Regeln beruhende Strategie möglich. Dank Strukturreformen und Haushaltskonsolidierungen haben wir größere Reaktionsmargen als die Amerikaner. Daher gibt es keinen Grund für massive Eingriffe - auch wenn die EU dieses Jahr leicht unter ihren Erwartungen von zwei Prozent Wirtschaftswachstum bleiben dürfte und sich bei 1,8 bis 1,9 Prozent bewegen wird. Aber Vorsicht ist angesagt. Wir brauchen ruhig Blut und eine ruhige Hand.
d'Wort: Welche Wachstumsvorhersage geben Sie aktuell für Luxemburg?
Jean-Claude Juncker: Aus heutiger Sicht kann man das nicht genau sagen. Noch gehen wir von den angekündigten 4,5 Prozent aus. Bei einer konjunkturellen Eintrübung ist ein Wert darunter allerdings nicht auszuschließen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es zu einem totalen Wachstumseinbruch in Luxemburg kommen könnte. Steuerlich werden wir durch die Krise aber voraussichtlich weniger Einnahmen aus der "Taxe d'abonnement" haben als gedacht. Darauf habe ich schon im vergangenen Jahr immer aufmerksam gemacht, in der Regel aber nur Hohn und Gelächter eingefahren. Wie viel weniger es wird, hängt aber noch von der Börsenentwicklung im Verlauf dieses Jahres ab.
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