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Tageblatt: Was bezwecken Sie mit der Reform der Stundenpläne in der Unterstufe des Sekundarunterrichts?
Mady Delvaux-Stehres: Mit dieser Reform ziehen wir eine Konsequenz aus der PISA-Studie. Naturwissenschaftliche Bildung kommt auf der Unterstufe des Sekundarunterrichts zu kurz. Die entsprechenden Unterrichtsstunden müssen von irgendwo herkommen.
Tageblatt: Das Vorhaben gehe zu Lasten des Französischen, beklagt die Vereinigung der Luxemburger Französisch-Lehrer und wirft dem Bildungsministerium Inkohärenz im Hinblick auf die Neuausrichtung des Sprachunterrichts vor. Ist dieser Vorwurf begründet?
Mady Delvaux-Stehres: Richtig ist, dass eine Französisch-Stunde in der 6. Klasse wegfällt. Daneben entfällt eine halbe Stunde auf der "5e classique". Aufgrund zahlreicher Lateinstunden, bei denen Französisch als Unterrichtssprache gilt, kommt Französisch meiner Meinung nach nicht zu kurz. Der Aktionsplan für den Sprachunterricht baut auf Synergien auf. Französisch wird ja nicht nur im dafür vorgesehenen Fach behandelt, sondern erfüllt seinen Zweck auch als Unterrichtssprache. Das trifft auch auf die Naturwissenschaften zu. Das Unterrichten in der französischen Sprache nimmt also nicht ab. Inkohärent ist das keineswegs, da der Aktionsplan von Kompetenzen und der Wichtigkeit eines vernetzten Unterrichts ausgeht. Sprachen lernt der Schüler auch in anderen Fächern. Deshalb soll in jedem Fach ein Kommunikationsbereich aufgebaut werden; und Kommunikation beruht bekanntlich auf einer Unterrichtssprache.
Tagbelatt: Dass Naturwissenschaften stärker im Schulunterricht berücksichtigt werden sollten, steht außer Frage. Warum muss die Aufwertung auf Kosten des Sprachunterrichts gehen? Wäre es nicht sinnvoller, die Anzahl der Schulstunden zu erhöhen?
Mady Delvaux-Stehres: Ich hätte ja lieber 40 Unterrichtsstunden. Übrigens wurde den Lehrern die Frage gestellt, ob sie bereit wären, eine zusätzliche Stunde zu leisten. Da ich einerseits an einen Stundenplan von 30 Wochenstunden gebunden bin und der Auftrag der Lehrer andererseits so definiert ist, wie er definiert ist, bleibt der Handlungsspielraum begrenzt. Wir können die Unterrichtsstunden nur ausbauen, wenn auch Lehrer bereit sind, ihren Beitrag dazu zu leisten. Das ist aber nicht der Fall, weil sie sagen, sie hätten bereits gegeben. Ich weiß auch nicht, wo ich die Lehrer hernehmen soll. Und die müssen ja auch bezahlt werden. Derzeit sind wir mit den Forderungen der Grundschullehrer konfrontiert. Unser Bildungssystem ist ohnehin schon sehr teuer, ich weiß nicht, wo wir das Geld und das notwendige Personal hernehmen sollen.
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