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Luxemburger Wort: Norwegen, Singapur oder die Vereinigten Arabischen Emirate - alles Staaten, die Staatsfonds haben. Trotz der starken, aber fragilen Einnahmequelle "Finanzplatz" wurde in Luxemburg nie einer geschaffen. Ist das eine Unterlassungssünde der Vergangenheit?
Jeannot Krecké: Wir sind einen anderen Weg gegangen. Aber wir hätten es beispielsweise mit den Einnahmen aus dem e-Commerce tun können und sie in einem Staatsfonds anlegen können. Wir wissen, dass diese Einnahmen nicht ewig da sein werden. Einen Staatsfonds haben wir aber nicht gegründet, und jetzt ist es zu spät: Der Staatshaushalt hat sich bereits an die neue Situation angepasst. Erst wenn wir einen neuen Sektor haben, der zusätzliche Einnahmequellen erschließt, können wir darüber nachdenken. Aber wir haben die Überschüsse bislang ohnehin immer investiert - in Infrastruktur und Beteiligungen. Wir sind auch immer noch in Unternehmen engagiert, wo andere Länder sich längst mit ihren Beteiligungen zurückgezogen haben. Wenn man sieht, in wie vielen Unternehmen wir direkt oder über die SNCI beteiligt sind, könnte man sagen: Das hätten wir auch in einem Staatsfonds bündeln können.
Luxemburger Wort: Das könnte man doch nachträglich noch tun, oder?
Jeannot Krecké: Es gibt Leute, die meinen, dass es sogar besser wäre, weil der Staat dann einen leichten Überblick und mehr Kohärenz über seine einzelnen Investitionen hätte. Es geht aber nicht nur um finanzielle Aspekte und Renditesteigerungen, sondern auch um strategische Ausrichtung. Zum Beispiel im Energiesektor: Da müssen wir darauf achten, auf welche Art und Weise nun die Fusion mit Cegedel, Soteg und Saarferngas zustande kommt. Für uns kommt es unter anderem darauf an, die Aufsicht über die Stromnetze langfristig abzusichern. Ähnlich ist es bei der Post, wo wir 100 Prozent halten. Das ist eine strategische Beteiligung, keine rein finanzielle. Wie organisiert man in einem Staatsfonds die Kontrolle über derartige Investitionen? Da sehe ich noch Probleme - im Moment sind solche Pläne deswegen auch nicht reif.
Luxemburger Wort: Andere Pläne sind dagegen schon reifer: Ausländische Staatsfonds sollen sich in Luxemburg engagieren. Aber wie und wo?
Jeannot Krecké: Es gibt eine Reihe von Projekten, die ein Engagement von Staatsfonds gebrauchen könnten. Im Augenblick steht sehr viel Geld in Öl- und anderen Rohstoff-Staaten zur Verfügung, das investiert werden kann. Die warten wirklich drauf, dass sie es anlegen können. Nicht kurzfristig, sondern langfristig. Deshalb geht es mir auch nicht darum, ausländische Staatsfonds von den Vorteilen am Bank- und Finanzplatz zu überzeugen, sondern vielmehr darum, mit ihnen zusammen eine Reihe von Projekten zu finanzieren. Um das machen zu können, muss man aber bei uns erst mal die Angst vor Staatsfonds nehmen. Dafür muss objektiv geschaut werden, was notwendig ist. Man muss zum Beispiel klar benennen, was Staatsfonds bisher gemacht haben und was sie vorhaben - dann kann man ihnen auch einen Rahmen geben, in dem sie investieren dürfen.
Luxemburger Wort: Gibt es schon konkrete Projekte und Vorhaben, wo Sie sich ein Investment vorstellen können?
Jeannot Krecké: Wir wollen im Bereich der Gesundheitstechnologie etwas auf die Beine stellen. Es gibt Pläne, aber mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Am Anfang muss man viel Geld investieren, um eine Basis zu schaffen, mit der man international Glaubwürdigkeit erhält. Phoenix, die Stadt im US-Wüstenstaat Arizona, hat es vorgemacht. Vor fünf Jahren war die Stadt in Sachen Biotechnologie ein weißer Fleck auf der Landkarte - nach großen Anfangsinvestitionen ist das heute ganz anders. Aus eigener Kraft schaffen wir das bei uns nicht. Wir brauchen mehr Forscher und Geld. Man kann nicht alles über den Staatshaushalt finanzieren. Daher bin ich der Meinung, dass man auch mal ein Projekt über den Weg mit ausländischen Staatsfonds organisiert. Das muss in der Öffentlichkeit auch so dargestellt werden - sonst heißt es hinterher womöglich, wir verkaufen einfach unsere Projekte nach Russland oder Saudi-Arabien...
Luxemburger Wort: Wie stellen Sie sich das in der Praxis vor?
Jeannot Krecké: Wir haben bereits eine Konferenz auf Schloss Bourglinster veranstaltet, zu der wir Vertreter von Staatsfonds und Luxemburger Experten eingeladen hatten. Das hat sehr gut funktioniert. Aber leicht wird das Engagement von Staatsfonds verwechselt mit dem, was ich "Reverse Globalisation" nenne. Bisher waren wir gewöhnt, in Ländern wie China oder Indien zu investieren. Klar, die Amerikaner haben bei uns investiert, aber bei den Schwellenländern ist uns das neu. Das gab es früher nicht. Als ich 2005 das erste Mal als Minister in Indien war, konnte ich nicht beobachten, dass Investoren dort besonders an Beteiligungen in Europa interessiert waren. Das ist heute anders. Da werden wir uns dran gewöhnen müssen - mit den Aktivitäten von Staatsfonds hat das allerdings nichts zu tun. In den Köpfen der Europäer spielt auch die Angst vor der Globalisierung eine Rolle, die zudem immer wieder von einzelnen Politikern geschürt wird. Dabei haben Staatsfonds durchaus eine stabilisierende Funktion für die Finanzmärkte, wie die Subprime-Krise gerade gezeigt hat.
Luxemburger Wort: Was nimmt Luxemburgs Wirtschaftsminister vom Symposium in der Schweiz mit nach Hause?
Jeannot Krecké: Es gab eine Reihe spannender Themen - von der Finanzkrise bis zur Zukunft des Energiesektors. Die Frage der sozialen Verantwortung von Unternehmen kommt immer mehr in den Fokus - offenbar nicht nur als Lippenbekenntnis. Die CEOs haben erkannt, dass es wichtig ist, Regeln einzuhalten. Man merkt aber auch an den Teilnehmern, dass weltweit ein anderer Wind bläst. Etliche kommen aus China, Indien, Singapur oder Japan. Ich sehe viele, die sich zu Wort melden, lernen wollen - hier treffen gestandene und zukünftige Manager aufeinander. Ich hätte mir gewünscht, auch den ein oder anderen Luxemburger Studenten in St. Gallen zu sehen - doch es ist keiner da. Nur Uni-Rektor Rolf Tarrach.
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