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Tageblatt: Frau Ministerin, rückblickend auf das Schuljahr 2007/2008, was waren für Sie persönlich, die bildungspolitischen Höhepunkte?
Mady Delvaux-Stehres: Während ein Teil der von der Regierung in die Wege geleiteten Reformen generell auf die strukturelle und inhaltliche Neuerung der öffentlichen Schule ausgerichtet ist, betrifft ein anderer Teil speziell die Diversifizierung des Angebots. Sowohl kulturell als auch sprachlich und sozial. Und mit diesem Teilbereich bin ich besonders zufrieden: das Schengen-Lyzeum verzeichnet einen großen Erfolg, der französischsprachige Studiengang, der "Bac international" im "Lycée technique du Centre" funktioniert gut, wir haben einen englischsprachigen Studiengang (auch ein "Bac International") eingeführt der ebenfalls gut läuft. Zufrieden stimmt mich auch die Tatsache, dass das Gesetz zu "Eis Schoul" verabschiedet wurde, ein Projekt, das bekanntlich zur diesjährigen Rentree an den Start geht, und bereits im Vorfeld einen großen Erfolg verzeichnet.
"Eis Schoul" liegt mir insofern besonders am Herzen, als dass es sich hierbei um ein gemeinsam mit der Uni Luxemburg durchgeführtes Forschungsprojekt handelt, von dem ich mir wichtige Erkenntnisse erhoffe. Diese sollen ggf. auch in den anderen Schulen zur Anwendung kommen können. Außerdem hoffe ich, dass dieses Projekt nicht nur auf die eine Schule beschränkt bleibt, sondern, dass sich daraus möglicherweise ein nationales Netzwerk entwickelt.
Gut funktioniert auch der "Neie Lycée", die Konvention mit der Escher Gemeinde bezüglich der Jean-Jaurès-Schule, der ersten Ganztagsschule des Landes, haben wir erneuert. In diesem Zusammenhang haben wir auch analysiert, was wir an der Funktionsweise der Schule ändern müssen.
Positiv entwickelt sich auch der "e-Bac", eine Initiative, die es ermöglicht, die Ausbildung, die man nicht mit der Grundausbildung erhalten hat, per Fernstudium nachzuholen. In diesem Jahr konnten wir den ersten "e-Bac"-Abiturienten auszeichnen. All dies sind Entwicklungen und Projekte, die mich sehr zufrieden stimmen.
Tageblatt: Es gab aber sicherlich auch Punkte, die nicht so liefen, wie Sie sich das vorgestellt hatten ...?
Mady Delvaux-Stehres: Persönlich gehen mir allgemein die Arbeiten an den einzelnen Gesetzesentwürfen nicht schnell genug. Aber an diesem Umstand kann ich nichts ändern. Schließlich haben wir Prozeduren, an die wir uns halten müssen. Die parlamentarischen Arbeiten an den verschiedenen Gesetzestexten sind meinen Informationen zufolge aber gut vorangekommen, die Abänderungsanträge sowohl was die Reform der Berufsausbildung als auch die Reform des Grundschulgesetzes von 1912 anbelangt liegen zur zweiten Lesung dem Staatsrat vor. So dass ich zuversichtlich bin, dass diese Gesetze in den kommenden Monaten verabschiedet werden.
Tageblatt: In anderen Worten: Sie werden die gesteckten Ziele bis zu den kommenden Wahlen erreichen?
Mady Delvaux-Stehres: Ja, ich bin zuversichtlich. Allerdings reicht es ja bekanntlich nicht aus, nur Gesetze zu verabschieden. Die schulischen Inhalte sind mindestens so wichtig wie die bildungspolitischen Strukturen.
Aber auch in diesem Zusammenhang bin ich eigentlich zufrieden. Wir haben im vergangenen Jahr die Ausarbeitung der Kompetenzen für den Primärschulbereich abschließen können. Wir haben also definiert, was ein Schüler nach Abschluss eines bestimmten Schulzyklus wissen muss. Die Festlegung dieser Bildungsstandards war nicht einfach. Denn Kompetenzen bedeutet: Wissen, können, wollen. Das heißt in der Schule müssen wir Wissen vermitteln, dieses Wissen muss man aber auch anwenden können. Es geht in anderen Worten um einen Transfer des Wissens in verschiedenen Situationen.
Ein weiterer wichtiger Teilaspekt ist die Motivation. Denn aus verschiedenen Studien geht hervor, dass unsere Schüler eigentlich ziemlich gut sind - die Pirls-Studie z.B. zeigt, dass unsere Fünftklässler gute Lesekompetenzen haben, allerdings nicht gerne lesen. In anderen Worten müssen wir uns etwas einfallen lassen, um die Motivation der Schüler zu stärken, zu steigern. Viel hängt in diesem Zusammenhang vom Schulklima ab. Diesbezüglich führen wir nun in Zusammenarbeit mit der Uni Luxemburg eine Studie durch, um die Faktoren zu definieren, die zu einem angenehmen Schulklima beitragen.
Tageblatt: Der kompetenzorientierte Unterricht wird noch nicht an allen Primärschulen eingeführt?
Mady Delvaux-Stehres: Nein, der kompetenzorientierte Unterricht wird ab diesem Schuljahr zuerst in fünf Schulen getestet und kontinuierlich evaluiert. Erste Schlussfolgerungen werden aber erst nach Ablauf eines ganzen Zyklus sprich nach zwei Jahren möglich sein. Die entsprechenden Anpassungen oder Abänderungen können erst dann erfolgen.
Tageblatt: Und im postprimären Unterricht?
Mady Delvaux-Stehres: Auf allen "7es" beginnen wir mit der Einführung des Kompetenz-Unterrichts. Hierzu gehört, dass wir auf diesen Klassen für die Fächer Deutsch, Französisch, Naturwissenschaften, Mathematik und Kunsterziehung einen sogenannten "complément-bulletin" einführen.
Das bedeutet, dass weiterhin Noten vergeben, aber komplementär hierzu die einzelnen Kompetenzen des Schülers bewertet werden. Mit dem Ziel, langsam aber sicher zu einer differenzierteren, nuancierteren Evaluierung zu gelangen. Diese ist wichtig für das Orientierungsprofil auf der "9e" sowie der "5e". Zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere treffen die Jugendlichen bekanntlich eine Entscheidung bezüglich ihres zukünftigen Studiengangs. Das neue System soll erlauben, die Schüler besser sprich entsprechend ihren Stärken zu orientieren.
Tageblatt: Sie sprechen die Orientierung an, eine entsprechende gesetzliche Neuregelung ist für diese Legislaturperiode nicht geplant?
Mady Delvaux-Stehres: Nein, denn ich bin der Meinung, dass man sich erst einmal die Instrumente geben muss, die man braucht, um eine sinnvolle Orientierung anbieten zu können.
Tageblatt: Aber erste Ansätze einer differenzierteren Evaluierung gibt es ja bereits - Stichwort "complément-bulletin" ...!?
Mady Delvaux-Stehres: Ja, aber wir wollen progressiv vorgehen. Wenn man ein bestehendes System ersetzen will, muss das neue System auch funktionieren, daher auch die Idee, die Neuerungen in einer ersten Phase zuerst in einzelnen, ausgewählten Schulen zu testen, um sicherzustellen und zu beweisen, dass sie auch funktionieren. Ich glaube, es ist nicht gut, mit zu radikalen Veränderungen die Kinder, die Eltern und letztendlich auch die Lehrer zu verunsichern. Ein System ganzheitlich zu erneuern, ohne dafür zu sorgen, dass die Neuerungen von der gesamten Lehrerschaft und der gesamten Schulgemeinschaft mitgetragen werden, halte ich für zu abenteuerlich.
Im Moment stellt sich die Situation so dar, dass ein allgemeiner Konsens besteht, dass wir unsere Schule ändern müssen. Ein Konsens, wie dies im Einzelnen, im Detail passieren soll, hingegen gibt es noch nicht. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir einen solchen Konsens erreichen können und werden.
Tageblatt: Ein weiterer, wichtiger Teilbereich der Schulreformen ist das Monitoring, also die systematische Erfassung, Beobachtung und Überwachung des Schulsystems ...
Mady Delvaux-Stehres: Das Monitoring des Luxemburger Schulsystems hat bereits unter meinem Vorvorgänger begonnen, indem wir erstmals bei PISA mitgemacht haben. Anschließend hat diese Regierung beschlossen, bei Pirls mitzuwirken. Wir verfügen also bereits über zwei internationale Studien, zwei Evaluierungen, die zeigen, dass wir nicht brillant, aber auch nicht so schlecht sind, wie wir uns immer selbst darstellen.
Was mir im Laufe der folgenden Gespräche mit den Experten denn auch klar wurde ist, dass und dies ist auch die Kritik, die immer wieder von Seiten der Lehrer an mich gerichtet wird immer nur das gemessen wird, was im Vorfeld definiert wurde. Wir messen bei PISA z.B. also lediglich die Kompetenzen, die von den Initiatoren definiert worden sind. Man kann nun natürlich behaupten, dass es sich hierbei nicht um Prioritäten der Luxemburger Schule handelt. Darüber kann man diskutieren, ich bin allerdings der Auffassung, dass wenn auf der ganzen Welt gewisse Kompetenzen gefördert werden, wir diese hier in Luxemburg auch fördern müssen. Wir können nicht so tun, als ob uns diese nichts angehen.
Tageblatt: Es gibt aber auch immer nationale Besonderheiten ...
Mady Delvaux-Stehres: In Luxemburg haben wir die Besonderheit der Vielsprachigkeit. Wir legen mehr Wert auf Sprachen, als das in anderen Ländern der Fall ist und dementsprechend investieren wir auch mehr Zeit in den Sprachenunterricht. Und da es sich hierbei um eine nationale Besonderheit handelt, müssen wir diese auch selbst messen, bewerten. Wir müssen selbst definieren, was wir in diesem Bereich von den Schülern erwarten und folglich auch selbst messen, ob die gesteckten Ziele erreicht wurden. Aus diesem Grund ist die Evaluierung des Schulsystems denn auch Gegenstand eines separaten Gesetzesentwurfs, der eigentlich Teil des Reformpakets der Primärschulen ist.
Tageblatt: Wie muss man sich diese Evaluierung vorstellen?
Mady Delvaux-Stehres: Die Evaluierung der Kinder soll in drei Etappen erfolgen. Die diesbezüglichen Prüfungen, die von der Uni Luxemburg im Auftrag des Bildungsministeriums durchgeführt werden, werden im ganzen Land stattfinden, alle Schulen werden daran teilnehmen.
Eine erste Prüfung findet im dritten Schuljahr statt. Dies ist der Moment, in dem wie wir glauben, dass jedes Kind lesen und schreiben können müsste. Wir prüfen, ob dieses Ziel, diese Kompetenzen dann auch erreicht wurden.
Eine zweite Prüfung findet am Ende des sechsten Schuljahres statt, weil zu diesem Zeitpunkt eine erste Orientierung ansteht, und schließlich eine dritte auf "9e" bzw. "5e", weil dies das letzte Jahr der Unterstufe ist. Also das letzte Jahr bevor eine weitere Orientierung ansteht. Die jeweiligen Prüfungen werden relativ früh im Schuljahr durchgeführt, damit dem Lehrer noch genügend Zeit verbleibt, um ggf. auf die jeweiligen Ergebnisse noch reagieren zu können. Diese Prüfungen beginnen mit dem diesjährigen Schuljahr, im Oktober.
Und im kommenden Jahr steht auch PISA wieder an. Außerdem beteiligen wir uns an einer internationalen Studie zum "Citizenship", also zum Bürgerrecht, zur Bürgerschaft. In der Schule wollen wir schließlich auch Bürger ausbilden, Menschen mit einem kritischen Geist, die gesellschaftlich und politisch mitsprechen und mitwirken. Diese Studie betrifft die gleiche Altersklasse wie bei der PISA-Studie.
Tageblatt: Wird die Diskussion bezüglich der Kompetenzen unabhängig von den Diskussionen über die Stundenpläne geführt?
Mady Delvaux-Stehres: Nein. Eine große Neuheit in diesem Jahr ist die Einführung eines neuen Fachs auf "7e": "sciences naturelles". Denn auch in den wissenschaftlichen Fächern geht es um mehr als nur um einfache Wissensvermittlung. Aus diesem Grund haben wir entschieden, den Wissenschaften mehr Zeit einzuräumen. Im Gegenzug gibt es etwas weniger Sprachenunterricht auf "7e" und "6e" . Die diesbezüglichen Diskussionen waren schwierig, aber werden zukünftig in ähnlicher Form öfter geführt werden müssen. Denn wenn wir für eine bestimmte Stufe, einen bestimmten Studiengang ein gewisses Leistungsniveau in einem bestimmten Fach anstreben, wird auf einige Schulstunden in anderen Fächern verzichtet werden müssen. Die Schulorganisation wird sich entsprechend etwas schwieriger gestalten. Was nicht bedeutet, dass die in Anführungszeichen weniger wichtigen Fächer vernachlässigt werden. Ein gewisses Level ist in jedem Fach Voraussetzung zum Erlangen eines Abschlusses.
Tageblatt: Das neu auf "7e" geschaffene Fach "sciences naturelles" ist ein disziplinenübergreifendes Fach und beinhaltet sowohl Elemente aus der Biologie, der Chemie als auch aus der Physik. Ist dies die Tendenz der Zukunft, dass die klaren Grenzen zwischen den einzelnen Fächern zusehends verschwinden, die Fächer immer mehr miteinander verschmelzen?
Mady Delvaux-Stehres: Diese Entwicklung wäre wünschenswert. Besonders im Bereich der Sprachen wäre eine transversalere Zusammenarbeit wünschenswert. Die im Sprachenunterricht erworbenen Kompetenzen dürfen z.B. in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht einfach beiseite gelegt werden. Derzeit werden die einzelnen Fächer noch zu strikt getrennt.
Tageblatt: Dieses Prinzip des transversalen Unterrichts wird in den Pilotschulen "Neie Lycée" und "Eis Schoul" noch weiter getrieben ...
Mady Delvaux-Stehres: Genau, in diesen beiden Fällen wird das Prinzip noch weiter entwickelt. Was aber auch spezifische Sprachenfächer nicht überflüssig macht, diese werden nach wie vor gebraucht. Auch in der Primärschule - das ist selbstverständlich - müssen Kinder weiterhin Lesen und Schreiben lernen. Aber wie gesagt, Sprachen lernt man auch in den Naturwissenschaften. Sowohl im Primär- als auch im Sekundarunterricht muss diese Botschaft noch stärker vermittelt werden. In anderen Worten: Jede Situation der Kommunikation ist auch eine Lernsituation. Die Schüler sollen lernen, zu verstehen und gleichzeitig sich richtig und klar auszudrücken.
Tageblatt: Noch mal zu "Eis Schoul". Hierbei handelt es sich um ein zukunftsorientiertes Pilotprojekt, das in vielen Bereichen, u.a. mit dem Konzept einer offenen, multikulturellen Schule, neue Maßstäbe setzen will, setzen soll. Ist es da nicht ein bisschen bedauernswert, dass in "Eis Schoul" anstatt eines neutralen Werteunterrichts die klassischen Religionsund Moralunterrichte abgehalten werden?
Mady Delvaux-Stehres: Im Regierungsprogramm ist festgehalten, dass im Rahmen eines Pilotprojektes ein neutraler Werteunterricht eingeführt werden soll. Dies ist im "Neie Lycée" der Fall. Ich habe mich strikt an diese Vorgaben gehalten. Die kommende Regierung wird im Rahmen der Evaluierung des "Neie Lycée" diesbezüglich Bilanz ziehen und dann werden wir weitersehen. Der Werteunterricht ist ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Teil des Unterrichts, nur liegt für mich der Schwerpunkt derzeit auf den 28 übrigen Schulstunden.
Tageblatt: Stichwort Aufwertung der Lehrerlaufbahn. Die diesbezüglichen Diskussionen gestalten sich nicht ganz einfach ...
Mady Delvaux-Stehres: In diesem Zusammenhang will ich sagen, dass ich mich sehr darüber freue, dass die beiden Lehrergewerkschaften, SNE und SEW erklärt haben, dass sie die Schulreform begrüßen und unterstützen wollen. Dies ist ein enorm positiver Punkt, auch wenn wir in verschiedenen anderen Punkten nicht einer Meinung sind. Dieser Umstand stimmt mich zuversichtlich, dass die Reform funktionieren kann. Denn eine Schulreform ist ohne das Wohlwollen der Lehrer nur sehr schwer umzusetzen.
Auch will ich unterstreichen, dass die jetzige Regierung den Lehrern entgegengekommen ist. Dies, indem die Regierung sich bereit erklärt hat, die langjährige Forderung der Lehrer nach einer Einstufung in die obere Laufbahn - eine Forderung, die meiner Meinung nach absolut gerechtfertigt ist - zu erfüllen. Das sollte man nicht vergessen. Und ich wäre froh, wenn es nicht zu einem Streik kommen würde, denn ich bin der Auffassung, dass dies nicht gut wäre für die Kinder, für die Schule, aber vor allem, dass ein Streik sich negativ auf das Bild der Lehrer auswirken könnte. Ich habe viel Verständnis für die Sorgen der Lehrer. Ich glaube, dass Lehrer ein sehr anstrengender Beruf ist, sowohl im primären als auch im post-primären Unterricht. Auch bin ich davon überzeugt, dass die Arbeit und die Leistung der Lehrer oft von der Öffentlichkeit unterschätzt wird. Außenstehende haben oft ein falsches, negatives Bild von diesem wie gesagt sehr anstrengenden Beruf. Ein Streik würde dieses Bild nur bestätigen.
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