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Tageblatt: Frau Delvaux, gleich vier Gesetze zur Reform des Luxemburger Bildungssystems werden in dieser Woche aller Voraussicht nach vom Parlament verabschiedet. Heißt das für Sie als zuständige Ministerin "Mission accomplie"? Oder anders gefragt: Wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach fast fünf Jahren aus?
Mady Delvaux-Stehres: Eins meiner Ziele war, diese Reformen zur Abstimmung zu bringen. Dies bedeutet aber nicht, dass damit die Mission erfüllt wäre. Es bleibt die Umsetzung in der Praxis. Und das bedeutet noch sehr viel Arbeit.
Was nun die allgemeine Bilanz betrifft, so bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Legislativ haben wir viel erreicht. Ich denke da an die bereits verabschiedete Reform der beruflichen Aus- und Weiterbildung, jetzt die Reform des Schulgesetzes von 1912: Das sind schon große Brocken, wenn ich mich so ausdrücken darf. Hinzu kommen die alternativen Schulen - 'Neie Lycée' und 'Eis Schoul' und 'Schengen-Lycée'.
Schule reformieren heißt aber nicht nur gesetzliche Strukturen schaffen, Schule reformieren heißt auch diese Strukturen mit Inhalten füllen.
Und auch in diesem Bereich haben wir mit der Definition der Kompetenzen und der Einführung der diesbezüglichen Sockel sehr viel gearbeitet. Ich glaube, dass wir alles in allem einen großen Schritt nach vorne gemacht haben.
Tageblatt: Welches waren, wenn Sie auf die vergangenen Monate und Jahre zurückschauen, die größten Herausforderungen im Zusammenhang mit diesen Reformen? Bei welchen Punkten stellten sich die größten Probleme?
Mady Delvaux-Stehres: So differenziert lässt sich das nicht sagen. Denn die einzelnen Reformen stellen ein Ganzes dar. Ein Ganzes, das sich sowohl aus den pädagogischen als auch aus den administrativen Aspekten zusammensetzt. Letztere sollte man nicht vergessen. Denn der alleinige Punkt der staatlichen Nominierung der Lehrkräfte stellt an sich schon eine riesige, mit einem großen organisatorischen Aufwand verbundene administrative Reform dar.
Tageblatt: Wann werden die Reformen in Kraft treten? Zum Teil hat die inhaltliche Umsetzung ja bereits begonnen ...
Mady Delvaux-Stehres: Die Gesetze sollen zur nächsten "Rentrée" in Kraft treten. Vereinzelte Neuregelungen, wie z.B. jene zur Nominierung der Lehrkräfte, werden aus organisatorischen Gründen allerdings sofort gelten. Aus staatlicher Sicht sollen die praktischen Rahmenbedingungen bis zum Sommer stehen. Ein entsprechender Zeitplan wurde bereits ausgearbeitet. Dann müssen die Reformen intern in den einzelnen Schulen umgesetzt werden. Gleichzeitig gehen natürlich auch die bereits begonnenen inhaltlichen Reformen weiter. Schließlich müssen noch rund 5.000 Lehrkräfte weitergebildet werden.
Tageblatt: Wenn Sie kurz auf die folgenden Stichworte reagieren könnten. Kompetenzorientierter Unterricht ...?
Mady Delvaux-Stehres: Daran führt kein Weg vorbei. Wobei ich unterstreichen muss, dass wir hiermit die Welt nicht neu erfinden. Wir führen nur das ein, was es in verschiedenen anderen Ländern schon längst gibt. Dies ist also in keinster Weise revolutionär.
Tageblatt: Werteunterricht ...?
Mady Delvaux-Stehres: Persönlich finde ich einen neutralen Werteunterricht gut und interessant, wichtig für die Kinder. Wobei ich gleichzeitig aber betonen muss, dass die nötigen transversalen Kompetenzen nicht in nur einer Schulstunde vermittelt werden können. Und was die verschiedenen bildungspolitischen Herausforderungen anbelangt, so liegen für mich die Schwerpunkte nicht auf dem Werteunterricht.
Tageblatt: Sie haben sie bereits angesprochen: die Ernennung des Lehrpersonals durch den Staat ...?
Mady Delvaux-Stehres: Eine große, arbeitsintensive Umstellung, für die ich persönlich nicht 'demandeur' war.
Tageblatt: Schuldirektor bzw. Schulautonomie ...?
Mady Delvaux-Stehres: Ich bin radikal für die Schulautonomie, radikal für verantwortliche Mannschaften. Diese müssen sich aber erst finden und organisieren. Persönlich glaube ich nicht, dass es reicht, einen Direktor zu ernennen und alles läuft. So einfach funktioniert Schule nicht.
Tageblatt: Aufwertung der Lehrerlaufbahn ...?
Mady Delvaux-Stehres: Finde ich richtig.
Tageblatt: Eine erfolgreiche Bildungspolitik zeichnet sich durch Kontinuität aus. In Luxemburg fehlt diese bislang. Wie optimistisch sind Sie, dass Ihre Reformen, ggf. auch ohne Regierungsbeteiligung der LSAP, umgesetzt bzw. weitergeführt werden?
Mady Delvaux-Stehres: Ich bin diesbezüglich sehr zuversichtlich. Denn wie ich bereits sagte: Was die Inhalte und Methoden betrifft, machen wir nichts Revolutionäres. Und nichts, was ideologisch geprägt wäre. Dies ist einfach der aktuelle Stand der Wissenschaft. Ich glaube, was den kompetenzorientierten Unterricht betrifft, besteht ein allgemeiner, über die Parteien hinaus geltender Konsens.
Tageblatt: Zum Schluss noch eine etwas persönlichere Frage. Würden Sie das Amt der Bildungsministerin erneut übernehmen?
Mady Delvaux-Stehres: Ja, denn ich mache diesen Job sehr gerne. Und wenn ich mir eines sicher bin, dann dass es wert ist, sich für die bestmögliche Bildung unserer Kinder einzusetzen. Egal was noch auf uns zukommt, egal was die Zukunft noch bringen wird, dieses Engagement ist mit Sicherheit immer richtig. Und diese Erkenntnis ist enorm motivierend für mich.
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