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Marc Schlammes: Frau Jacobs, was ist Sinn und Zweck der Dienstleistungsgutscheine?
Marie-Josée Jacobs: Die Idee an sich ist nicht neu. Sie ist in den vergangenen zehn Jahren regelmässig diskutiert worden, wobei ihre Machbarkeit letztlich immer an der Definition des Anwendungsgebietes gescheitert ist. Dass die Idee nun endlich umgesetzt wird, hat damit zu tun, dass wir uns erst einmal auf den Punkt der Kinderbetreuung in den Maison relais und Tagesstätten beschränken und dabei als Ministerium mit unseren gewohnten Partnern zusammenarbeiten. Ab dem 1. März wird mit den Chèques-services das erste Teil des Puzzle der kostenlosen Betreuung gelegt.
Marc Schlammes: Eine Originialiät besteht darin, dass die Chèques-services eine familienpolitische Sachleistung darstellen - im Gegensatz zu den bishlang üblichen Geldleistungen.
Marie-Josée Jacobs: Es ist nun mal so, dass man sich bei geldleistungen zwansgläufig die Frage stellt, ob das Geld auch für den Zweck gebraucht wird, für den es überwiesen wird. In dem Sinn denke ich, dass die Chèques-services als Sachleistungen der richtige Weg sind, weil sie im Endeffekt den Kindern zugute kommen.
Marc Schlammes: Die Demokratische Partei indes bezeichnet die Dienstleistungsschecks als "ungedeckten Scheck"...
Marie-Josée Jacobs: ... was sie nun wirklich nicht sind. Sie entsprechen im Gegenteil sogar den Forderungen der Liberalen nach Sachleistungen bei der Kinderbetreuung. Die Haltung der DP ist für mich unverständlich.
Marc Schlammes: Mittelfristiges Ziel bleibt die kostenlose Kinderbetreuung?
Marie-Josée Jacobs: Wenn wir den nun eingeschlagenen Weg konsequent fortbeschreiten, d.h., wenn Staat und Gemeinden ihre Anstrengungen und Investitionen fortführen, werden wir in den kommenden Jahren landesweit die kostenslose Ganztagsbetreuung anbieten können.
Marc Schlammes: Die Tatsache, dass das Angebot an Betreuungsplätzen nicht der Nachfrage standhält, könnte sich als das grosse praktische Problem erweissen - Für Gemeinden wie für Eltern. Wie sehen Sie diese mögliche Schieflage?
Marie-Josée Jacobs: Kurzfristig sehe ich diese Schieflage nicht. Die Eltern werden ja ab dem 1. März nicht von einem Tag zum anderen ihren Lebensstil ändern und ihre bewährten Betreuungsformen aufgeben. Wir sollten uns jedoch ab der Rentrée im September 2009 auf eine grössere Nachfrage einstellen. Umso mehr, als ab Herbst auch das Anwendungsfeld der Dienstleistungsschecks ausgeweitet werden kann. Ich denke da an Musikschulen oder an Sportvereine die einbezogen werden können.
Marc Schlammes: Der inhaltlich-organisatorischen Fantasie sind künftig keine Grenzen gesetzt?
Marie-Josée Jacobs: Nein. Wobei die Chèques-services in einer ersten Etappe für die Betreuung in den Maison relais und in den Kindertagesstätten gelten. Ich bin jedenfalls dafür, dass man alle Möglichkeiten, wo die Dienstleistungsschecks angewendet werden können, zumindest durchdiskutiert. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen, d.h. in einem Sportverein muss dann schon ein ausgebildeter Trainer auf dem Platz stehen. In jedem Fall sollte allen Überlegungen eine Tatsache zugrunde liegen: Dass vieles, was gestern umsonst war, heute aufgrund veränderter sozialer Begebenheiten etwas kostet.
Marc Schlammes: Welchen positiven Niederschlag erwarten Sie sich aus der Einführung der Diesntleistungsgutscheine?
Marie-Josée Jacobs: Drei Punkte sind mir wichtig: die Betreuung der Kinder, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Förderung der Kinder. Sie sollen ihre Fähigkeiten spielend und informell entwickeln können. Wobei die Chèques-services allen Eltern, unabhängig ihrer sozialen Herkunft oder ihrer Nationalität, die Türen öffnen, dieses Angebot für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen.
Marc Schlammes: Mit den Chèques-services wird demnach indirekt auch die Integration gefördert?
Marie-Josée Jacobs: Absolut. Es handelt sich um ein Stück sozialer Kohäsion. Denken Sie nur an die Chancen bei der sprachlichen Entwicklung der Kinder.
Marc Schlammes: Werden die Dienste der Tageseltern, die Kinder zu Hause betreun, beim "Chèques-services" berücksichtigt?
Marie-Josée Jacobs: Wir haben vor, die Dienste, die von den Tageseltern angeboten werden zu berücksichtigen. Man muss nämlich wissen, dass die Tageseltern jenen Vätern und Müttern, die unregelmässig arbeiten, eine wertvolle Hilfe bei der Organisation der Kinderbetreuung sein können. Die praktischen Details müssen mit den Tageseltern selbst oder der dafür zuständigen Agentur geklärt werden.
Marc Schlammes: Hier wurde mit der Gesetzgebung über die Tageseltern 2007 schon wichtige Vorarbeit geleistet?
Marie-Josée Jacobs: Richtig. Die Gesetzgebung aus 2007 sieht für Tageseltern Mindeststandards in puncto Ausbildung und Betreuung vor.
Marc Schlammes: Mit den Dienstleistungsgutscheinen wird Neuland betreten. Wie sieht es mit der Begleitung und der Bewertung aus?
Marie-Josée Jacobs: Die Anwendung der Chèques-services muss natürlich begleitet und begutachtet werden. Ich glaube fest an die Idee. Ich glaube aber auch das wir aufgrund der praktischen Erfahrungen Anpassungen vornehmen werden. Das erscheint mir normal. Wichtig ist jetzt erst einmal, dass wir die Sache lancieren.
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