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Revue: Frau Ministerin, die Primärschulreform tritt nach einem mühevollen Weg durch die legislativen Institutionen und der Verabschiedung im Parlament zur Rentrée in Kraft. Geht es jetzt nicht etwas zu schnell?
Mady Delvaux-Stehres: Einmal mussten wir anfangen. Es wird jedenfalls nicht alles gleich auf einmal umgesetzt. Wichtig ist vor allem, dass die neue "Tâche" der Lehrer feststeht und dass sich an den Schulen die jeweiligen Teams konstituieren. Im Laufe des Schuljahres bilden sich dann die Elternvertretungen. Das alles geschieht etappenweise. Außerdem sind nicht alle Schulen gleich schnell. Jetzt befinden wir uns jedenfalls im Jahr eins der Reform.
Revue: Wurden unter dem Druck der Wahlen schnell Nägel mit Köpfen gemacht?
Mady Delvaux-Stehres: Das hat sicher auch eine Rolle gespielt. Außerdem war ich etwas verdrossen, dass es so lange gedauert hat, bis die Reform stand. Nun bin ich froh, die Umsetzung begleiten zu können. An den Schulen herrschte ein allgemeiner Konsens darüber, dass eine Reform längst überfällig ist. Die Gesellschaft hat sich schließlich verändert, und so auch die Anforderungen. Nur über die Umsetzung der Reform war man sich nicht einig.
Revue: Hätte man nicht zuerst die Schulstruktur und dann den Inhalt der Schule reformieren sollen?
Mady Delvaux-Stehres: Es geht ja nicht darum, nur die Strukturen zu ändern, sondern darum, die Qualität der Schule zu verbessern. Nicht dass unsere Schule schlecht ist, aber wir haben eine schwierige Zusammensetzung der Schulpopulation und einen hohen Prozentsatz des schulischen Scheiterns und des Klassenwiederholens. Die Schüler könnten mehr leisten. Dafür brauchen wir einen kompetenzorientierten und differenzierten Unterricht. Das heißt, wir müssen besser auf die Schüler eingehen. Um das zu erreichen, müssen sowohl die Inhalte als auch die Strukturen geändert werden.
Revue: Es gab anfangs Unklarheiten bei der Zuteilung der Lehrer. Konnten die Schwierigkeiten mittlerweile behoben werden?
Mady Delvaux-Stehres: Wir haben hier geteilte Kompetenzen: Die Gemeinden sagen uns, wie viel Lehrpersonal sie brauchen. Die Zuteilung erfolgte dieses Jahr zum ersten Mal über das Ministerium. Vielleicht waren wir etwas zu optimistisch, als wir dachten, die Zuteilung schon am 15. Juli abschließen zu können. Sie wurde Anfang August abgeschlossen. Im Vergleich zu früher gibt es eine deutliche Verbesserung.
Revue: Ist überhaupt genug Lehrpersonal für die neue Grundschule vorhanden?
Mady Delvaux-Stehres: Dafür brauchen wir den Personalschlüssel - und den bekommen wir erst nächstes Jahr. Wir wollen auch eine gerechtere Verteilung der Schüler. Denn zum einen haben wir ganz kleine Klassen mit neun, zehn Kindern, aber auch große mit mehr als 20. Wir hätten dieses Jahr 285 Lehrer einstellen können, aber nur 182 bestanden die Aufnahmeprüfung. Was wir aber noch mehr bräuchten, sind Spezialisten für die multiprofessionellen Teams, etwa Orthophonisten, Logopäden und Psychomotoriker.
Revue: Wie und von wem wird das Personal für die neuen Anforderungen ausgebildet?
Mady Delvaux-Stehres: Wir haben ein riesiges Angebot an Weiterbildungen zu Themen wie differenziertem, kompetenzorientiertem Unterricht, "gestion de classe" oder Gruppenarbeit. Seit ich 2004 antrat, hat sich das Budget für die "formation continue" verdreifacht. Frustrierend ist allerdings, dass die Weiterbildungsangebote zu wenig in Anspruch genommen wurden.
Revue: Wer soll die Zyklen koordinieren, wenn die Koordinatoren erst ausgebildet werden?
Mady Delvaux-Stehres: Diese bekommen die notwendigen Informationen mit auf den Weg. Die Schulen werden die Zusammenarbeit in den Zyklen nicht im selben Rhythmus umsetzen. Wir müssen nicht nur die Kinder da abholen, wo sie sind, sondern auch die Lehrer.
Revue: Und was geschieht mit den Lehrern alter Schule, die reformmüde sind und nicht kooperieren wollen?
Mady Delvaux-Stehres: Die Inspektoren sollen dafür sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden. Die Supervision ist der springende Punkt. Ich schreibe niemandem seine individuelle Arbeitsmethode vor, aber wir hätten gerne, dass die Aktivitäten, die den Kindern angeboten werden, im ganzen Land dieselben sind. Jedes Kind sollte zur freien Arbeit fähig sein. Es sollte Texte schreiben können, Lückentexte reichen nicht aus. Ich war schockiert, als ich auf Elternversammlungen erfuhr, dass manche Kinder auf die 7e kamen und noch nie einen Text geschrieben hatten. Dafür muss ein Inspektor sorgen.
Revue: Wer unterstützt die Schule beim Erstellen der Pläne?
Mady Delvaux-Stehres: Die "Agence pour le developpement de la qualité" im Script. Der wurde neu organisiert und hat drei Abteilungen: Innovation, Formation continue und eben jene Agence. Die Evaluation geschieht jedoch nicht intern, sondern an der Uni Luxemburg in Zusammenarbeit mit dem Script.
Revue: Mehrfach wurde der ungenügende Informationsfluss bezüglich der Reform beklagt. War das Ministerium schlecht vorbereitet?
Mady Delvaux-Stehres: Wir haben eine Broschüre für Eltern herausgegeben. Ich hatte 17 Versammlungen im ganzen Land, wo die Eltern eingeladen waren. Im Herbst kommt zudem ein Faltblatt für alle Eltern heraus, deren Kinder jetzt eingeschult werden. Es gibt darüber hinaus genügend Informationen auf der Website des Ministeriums. Ein wichtiger Multiplikator sind schließlich die Lehrer als Hauptansprechpartner der Eltern. Wir haben wirklich viel getan. Aber vielleicht können sich viele noch nicht die neue Form der Benotung vorstellen. Was aber normal ist.
Revue: Vor allem in diesem Punkt herrschte große Verunsicherung. Manche befürchten, dass jetzt Prüfungen wegfallen und auf das Leistungsprinzip verzichtet wird?
Mady Delvaux-Stehres: Wir haben uns dafür entschieden, bei den Kleinen zu beginnen. Die Kinder, die jetzt mit der Grundschule anfangen, werden gleich von Beginn an mit den "Bilans" aufwachsen. Im vierten Jahr werden wir sie dann alle so weit haben. Parallel gibt es seit zwei Jahren im postprimären Unterricht in den Sprachen, Mathé und Naturwissenschaften den so genannten Complément bulletin. Bei der klassischen Benotung wird man dagegen früh in ein Schema gepresst. Über die Fortschritte, die ein einzelner Schüler macht, sagt sie wenig aus. In dem 60-Punkte-System geht es vor allem um den Vergleich mit anderen Schülern.
Revue: Hat das 60-Punkte-System ausgedient?
Mady Delvaux-Stehres: Ganz weglassen sollten wir es nicht. Länder wie Finnland jedenfalls haben in den ersten sechs Jahren überhaupt keine Noten.
Revue: Das luxemburgische Schulsystem gilt als äußerst selektiv.
Mady Delvaux-Stehres: Was aber nichts mit der Benotung zu tun hat. Wir müssen vielmehr an den Kriterien arbeiten, wann ich welche Punkte vergebe und was ich genau bewerte. Dieses Jahr habe ich relativ viele Reklamationen bekommen, was die Orientierung der Kinder vom sechsten Schuljahr in die Lyzeen angeht. Ich kann die Eltern verstehen, die sich wundern, wenn ihre Kinder nur Noten über 40 Punkte bekommen und nicht ins Lyzeum orientiert werden.
Revue: Welchen Schülern soll die Reform besonders helfen?
Mady Delvaux-Stehres: Unser Ziel ist ein Oualitätssprung für alle. Wir müssen das allgemeine Niveau erhöhen. Wir müssen also nicht nur die schwachen Schüler, sondern auch die guten fördern. Wir haben auch zu wenig ganz gute der ersten Kategorie.
Revue: Nichtluxemburgische Kinder scheitern überdurchschnittlich häufig in der Schule. Was wird dagegen getan?
Mady Delvaux-Stehres: Die Resultate werden auch von den sozialen Milieus beeinflusst, aus denen die Kinder kommen. Das haben Studien wie PISA und PIRLS bewiesen. Die ausländischen Kinder aus sozial höheren Schichten gehen an die Europaschule, die International School oder das Lycée Vauban. Das reicht aber als Erklärung nicht aus. Der Weg, mehr Kindern aus ausländischen Familien oder sozial benachteiligten Milieus einen guten Schulabschluss zu verschaffen, verläuft über den Sprachenunterricht.
Revue: Und wie wird dieser im kommenden Schuljahr in der Grundschule aussehen?
Mady Delvaux-Stehres: Die Alphabetisierung geschieht nach wie vor auf Deutsch. Was sich ändert, ist die Gewichtung. Die vier Kompetenzen "Lesen, Hörschule, Schreiben und Sprechen" werden einzeln aufgeführt und bewertet. Im Moment liegt das Hauptgewicht auf der Rechtschreibung. Viele romanischsprachige Kinder zum Beispiel sind mündlich gut, was aber bisher zu wenig berücksichtigt wurde.
Revue: Das Schulsystem hat die sozialen Unterschiede eher verstärkt.
Mady Delvaux-Stehres: Ich würde eher sagen, dass es nicht gelang, die Unterschiede signifikant zu reduzieren. In keinem Land werden die Unterschiede ganz kompensiert. Den einen gelingt es besser, den anderen weniger gut. Wir gehören zur zweiten Gruppe. Das hat mit der Tradition zu tun, vieles von der Schule aufs Elternhaus zu verlagern. Dessen Gewicht wird dadurch erhöht, was zu mehr Ungleichheit führt. Mein Anliegen ist es, dass sich die Lehrer in der Schule auch um die Kinder kümmern, wenn zum Beispiel ein Schüler nie seine Aufgaben macht oder seine Schultasche nicht in Ordnung ist. Den Kindern, gleich aus welchem Niveau, muss eine Chance gegeben werden. Dabei ist es einfacher, am Anfang zu intervenieren und nicht erst, wenn es schon zu spät ist.
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