|
Tageblatt: Vor fast genau einem Jahr haben Sie an dieser Stelle gesagt, Sie wären ggf. bereit, die Herausforderung als Bildungsministerin ein zweites Mal anzunehmen. Inwieweit sind Sie zufrieden, dass Sie die persönlich begonnene Reform auch weiterführen dürfen? Oder anders gefragt: Wie wichtig ist die personelle Kontinuität bei der praktischen Umsetzung?
Mady Delvaux-Stehres: "Die Wichtigkeit einer Person ist immer relativ. Fakt ist, dass die vergangene Regierung ein Gesetz verabschiedet hat, das es nun umzusetzen gilt. Unabhängig von einer bestimmten Person. Allerdings bin ich der Auffassung, dass es in der Praxis mit ein und demselben Minister für die beteiligten Personen im Ministerium aber auch in den Schulen einfacher wird. Denn die praktische Umsetzung der Grundschulreform wird in den ersten beiden Jahren sicherlich nicht problemlos verlaufen. Für mich persönlich ist es aber auch eine Genugtuung, zumindest hoffe ich, dass es eine wird, nach der Theorie nun auch die Umsetzung in der Praxis begleiten zu können."
Tageblatt : Stichwort Reform. Wo stehen Sie mit der praktischen Umsetzung der Grundschulreform? Ist alles bereit für die Rentree?
Mady Delvaux-Stehres: "Das neue Schulgesetz tritt am 15. September in Kraft. Die praktische Umsetzung macht sich allerdings in mehreren Etappen. So funktionierte die Schulorganisation noch dieses Jahr nach dem alten Schema, sie wurde also weiterhin auf Gemeindeebene geregelt.
Die Zuordnung der Lehrkräfte hingegen ist neu. Sie wird ab dieser Rentree vom Ministerium übernommen. Erst ab kommendem Jahr wird dann das sogenannte Lehrkontingent eingeführt. Im direkten Verhältnis zur Schülerzahl wird jeder Schule dann eine gewisse Anzahl an Lehrstunden sprich an Lehrkräften zuerkannt. Diese kann im Fall eines etwas schwierigeren sozialen Umfelds oder bei außergewöhnlichen Projekten aufgebessert werden. Mit dieser Neuerung soll die Verteilung der Lehrkräfte über das gesamte Land gerechter werden. Aus pädagogischer Sicht ist alles bereit: Die "équipes pédagogiques" sind benannt, jede Schule hat einen Präsidenten und die Schulkomitees sind gewählt. Was bleibt, ist die Wahl der Elternvertreter (es ist übrigens das erste Mal, dass es solche an Luxemburgs Grundschulen geben wird), und es werden noch neue Schulkommissionen eingesetzt werden.
Fertig sind auch für die Zyklen 1 und 2 die Zwischenberichte, die fortan die Zeugnisse ersetzen sollen. Diese können demnach mit Beginn des Schuljahres eingeführt werden. Im kommenden Jahr wird diese Neuerung dann auf Zyklus 3 und danach auf Zyklus 4 ausgeweitet werden.
Tageblatt : Nach der Grundschule wollen Sie die Reform der Sekundärschule in Angriff nehmen. Welche Neuerungen sind geplant? In welchem Zeitrahmen?
Mady Delvaux-Stehres: "Wie im Regierungsprogramm festgehalten, soll die in der Grundschule begonnene Reform auf den Sekundarunterricht ausgeweitet werden. Erste Schritte in diese Richtung wurden bereits unternommen: Auf der Unterstufe des Sekundarunterrichts wurden der kompetenzorientierte Unterricht eingeführt und die entsprechenden Sockel definiert.
Außerdem haben wir für den Sprachenunterricht, die Mathematik, die Naturwissenschaften, den Kunstunterricht und ab diesem Jahr für den Sportunterricht den 'complement bulletin eingeführt. In zwei Jahren werden wir diese Maßnahme dann evaluieren und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen.
Parallel hierzu wurde von der neuen Regierung angekündigt, eine Reform der Oberstufe im Sekundarunterricht beziehungsweise des 'l re '- und '13 e '-Examens durchführen zu wollen. Hierbei handelt es sich um ein sehr umfangreiches Vorhaben, für das wir an erster Stelle unsere eigentlichen Ziele sprich die für eine Hochschulreife benötigten Kompetenzen definieren müssen. Hier ist eine breit gefächerte Diskussion mit allen betroffenen Parteien unabdingbar.
Selbstverständlich schauen wir auch auf das, was sich in unseren Nachbar- und anderen EU-Ländern tut. Schließlich müssen wir die Luxemburger Abiturienten sowohl auf den deutsch- als auch den französisch- und englischsprachigen Hochschulraum vorbereiten. Diese Ausgangsposition vereinfacht das Reformvorhaben nicht unbedingt. Obwohl die erforderlichen Basiskompetenzen in allen Ländern nahezu die gleichen sind."
Tageblatt :Die Schule soll also zu großen Teilen neu orientiert werden. Viele Schüler und vor allem viele Eltern befürchten in diesem Zusammenhang aber ein Abfallen des Bildungsniveaus, insbesondere im Sprachenunterricht. Wie sagen Sie dazu?
Mady Delvaux-Stehres: "Was den Sprachenunterricht anbelangt, so gehen wir als Bildungsverantwortliche davon aus, dass jemand, der in Luxemburg lebt Luxemburgisch, Deutsch und Französisch können muss. Können heißt, dass man sich in diesen Sprachen mündlich ausdrücken und diese auch lesen können muss. Komplizierte Vorträge in diesen Sprache abhalten, muss man nicht unbedingt.
Wenn man allerdings eine Hochschulreife beziehungsweise ein Studium anstrebt, muss man in mindestens einer Sprache gezieltere und spezifischere Kenntnisse vorweisen können. Kurzum: Was wir erreichen wollen, ist, dass jeder Schüler diese drei Sprachen bis zu einem gewissen Punkt beherrscht und in mindestens einer Sprache exzellent ist, um komplexe Zusammenhänge erklären und verstehen zu können. Die von uns festgelegten Kompetenzsockel tragen dieser Zielsetzung Rechnung. Sie definieren die von allen zu erreichenden Minima. Nach oben sind die Kompetenzen selbstverständlich offen. Nichts verhindert, dass jemand zwei oder drei Sprachen hervorragend beherrscht."
Tageblatt : Prinzipiell eine Anpassung nach oben nicht nach unten?
Mady Delvaux-Stehres: "Ja genau, denn bisher machen wir nichts anderes, als dass wir den Schülern bescheinigen, dass sie soundso viele Jahre in einer bestimmten Sprache unterrichtet wurden. Ob und wie sie diese schließlich beherrschen, darüber sagt die Note nichts aus. Das wollen wir ändern. Wir wollen die Diplome derart umstellen, dass wir jedem Schüler bescheinigen, inwiefern er eine Sprache oder jede andere Materie beherrscht, unabhängig davon, wie viele Jahre er dafür gebraucht hat. Auf diese Weise wollen wir die Schüler zu mehr Leistung anspornen. Wir wollen einfach aus guten Schülern hervorragende Schüler und aus schlechten Schülern bessere Schüler machen. Ein Absenken des Bildungsniveaus kann ich demnach nicht erkennen."
Tageblatt: Also gleichzeitig Massenbildung und Elitenförderung? Geht das überhaupt?
Mady Delvaux-Stehres: "Viele Lehrer zweifeln daran und ich muss gestehen, ich habe selbst auch lange Zeit daran gezweifelt. Allerdings belegen alle internationalen Studien, dass wenn man das Bildungsniveau der breiten Masse anhebt, es gleichzeitig einfacher wird, Eliten zu fördern und zahlenmäßig auszubauen."
Tageblatt: Und das nicht unumstrittene "Kompensieren" entfällt zukünftig?
Mady Delvaux-Stehres: Ja, aber man muss eben die festgelegten Kompetenzsockel erreichen. Bis es so weit ist, müssen wir allerdings noch mit dem Kompensationssystem auskommen. Dieses wurde in der Vergangenheit mehrmals abgeändert. Ich persönlich werde nicht dergleichen mehr tun. Umso wichtiger ist es, dass wir zügig mit der Ausarbeitung der Rahmenbedingungen für die Reform vorankommen. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich mich keinen Illusionen hingebe, was das neue Bewertungssystem anbelangt. Wir sind nun mal an ein Notensystem, das auf 60 Punkten basiert, gewöhnt. Die Umstellung wird sicherlich nicht ganz einfach werden. Weder für die Lehrer noch für die Eltern oder die Schüler. Umso wichtiger ist es, dass wir, wie wir es jetzt tun, bei den Kleinsten mit der Reform beginnen. Auf diese Weise werden sie progressiv an das neue System herangeführt und außerdem werden schwächere Schüler nicht von Anfang an durch das Punktesystem entmutigt."
Tageblatt: Gibt es Überlegungen im Sekundarunterricht, ähnlich wie in der Grundschule, das Zeugnis nach Noten ganz abzuschaffen?
Mady Delvaux-Stehres: "Ich will mir in dieser Hinsicht Zeit lassen. Momentan haben wir die klassischen Noten und seit einem Jahr auf allen 7 es ' und ab diesem Jahr auf allen '6 es ' parallel hierzu den 'complément bulletin, der die Fortschritte und Leistungen des Schülers beschreibt. Die Noten will ich im Sekundarunterricht nicht ganz abschaffen. Bis zum Ende dieses Schuljahres werde ich mich allerdings mit den betroffenen Lehrern über die positiven und negativen Seiten dieser parallelen Bewertung austauschen und dann gegebenenfalls über Änderungen entscheiden. Ziel soll es sein, ein System einzuführen, das die jeweiligen Kompetenzen der Schüler präzise beschreibt."
Tageblatt: Muss man nicht - um der Mehrsprachigkeit in Luxemburg, aber auch der steigenden Wichtigkeit der Naturwissenschaften Rechnung zu tragen - über kurz oder lang über eine Verlängerung der wöchentlichen Unterrichtsdauer nachdenken?
Mady Delvaux-Stehres: "In Anbetracht des derzeitigen Arbeitspensums der Lehrkräfte und der momentanen Schülerzahlen muss ich sagen, weiß ich nicht, wie wir das umsetzen würden. Luxemburg ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen die Schülerzahl noch immer von Jahr zu Jahr ansteigt. Und einen Überschuss an Lehrern haben wir nicht. Ganz im Gegenteil. In manchen Fächern herrscht akuter Lehrermangel. Wir brauchen zum Beispiel dringend neue Mathematiklehrer."
Tageblatt : Die Klassen sollen "weniger spezialisiert" werden. Wie muss man sich das vorstellen? Ist dies international betrachtet eine allgemeine Tendenz, weg von der Spezialisation, hin zu einer größeren "culture generale"?
Mady Delvaux-Stehres: "Die allgemeinere Gestaltung des Unterrichts ist Teil der Reform der Oberstufe. Sowohl im klassischen als auch im technischen Sekundarunterricht. Derzeit haben wir insgesamt sieben verschiedene Sektionen und es kommen immer wieder Anfragen zur Schaffung neuer spezialisierter Fachrichtungen. Nun ist es aber so, dass unsere Nachbarländer, wenn sie die so genannte Studierfähigkeit definieren, zusehends an ihren Universitäten auf eine gute Allgemeinbildung und solide transversale, also fächerübergreifende Kompetenzen wie persönliche Fähigkeiten, Werte, Ethik setzen. Diesem allgemeinen Trend müssen wir uns anschließen. Vor allem, weil uns Fälle gemeldet wurden, wo Abiturienten aus Luxemburg an Schweizer Universitäten abgelehnt wurden, mit dem Argument - in diesen Fällen waren Schüler von der A- und G-Sektion betroffen -, die Allgemeinbildung sei nur unzureichend. Dementsprechend müssen wir reagieren."
Tageblatt:Welche Rolle wird zukünftig der luxemburgischen Sprache zukommen?
Mady Delvaux-Stehres: "Große Anstrengungen will die Regierung bei den Kindern unternehmen, die neu nach Luxemburg kommen. Zu diesem Zweck soll auch neues
Unterrichtsmaterial ausgearbeitet werden. Auch wurden in dem neuen Lehrplan, der ab dieser Rentree in Kraft ist, Kompetenzsockel für das Luxemburgische definiert. Für Luxemburger mag dies zwar komisch klingen, wir wollten aber in Bezug auf die ausländischen Schüler den Lehrern eine Art Orientierungshilfe anbieten. In den Sekundärschulen wollen wir optional auch verstärkt Kurse zur Luxemburger Kultur und Zivilisation anbieten. Damit wollen wir versuchen, entsprechende Wissenslücken auch bei luxemburgischen Schülern - zu schließen. Bislang wurde dieser Aspekt vielleicht etwas zu sehr vernachlässigt. Anders ist nicht zu erklären, dass wir in verschiedenen Domänen mehr über unsere Nachbarländer als über Luxemburg wissen."
Tageblatt : Auch die Orientierung wird ein Thema sein. Sowohl die Orientierung von der Grundschule in den Sekundär als auch innerhalb des Sekundars?
Mady Delvaux-Stehres: "In diesem Jahr werden wir die Überlegungen zur Reform des Übergangs vom Zyklus 4 in den Sekundarunterricht beginnen. Spätestens wenn die ersten Schüler in vier Jahren die neue Grundschule verlassen, müssen die diesbezüglichen Neuerungen stehen. Zuvor müssen wir natürlich den kompetenzorientierten Unterricht in der Praxis analysieren. Auch müssen wir abwägen, ob wir beim Lehrplan, dem 'plan d'etude', zu ambitiös oder nicht ambitiös genug waren. All diese Punkte müssen in Betracht gezogen werden.
Ein großes Dossier wird auch die Reform der Orientierung im Sekundär werden. Aber das braucht seine Zeit. Man kann nicht alles gleichzeitig reformieren, das habe ich mittlerweile gelernt. Außerdem will ich zu bedenken geben, dass eine Reform der Orientierung in der Schule nicht alle Probleme löst. Man muss bedenken, dass Schüler sich durch viele Faktoren in ihrer Studien- oder Berufswahl (Eltern, Freunde, Medien) beeinflussen lassen.
Was nun die Reform anbelangt, so planen wir die Schaffung einer einzigen, zentralen Anlaufstelle mit landesweiten Zweigstellen, die sowohl die existierenden Beratungsstellen als auch das Arbeitsamt vereint. Hierzu müssen wir zuerst die Vorarbeit leisten. Erste Pilotprojekte in einzelnen Schulen waren aber bereits sehr vielversprechend."
Tageblatt : Zum Abschluss noch ein Wort zu den Erziehern und Sozialpädagogen. Diese werfen Ihnen vor, dass in der Grundschule ihre "täche" nicht genau definiert wurde, dass sie, anstatt, wie im Gesetz vorgesehen, ein präziser und wichtiger Teil des ganzen Systems werden, nun als "Mädchen für alles" herhalten müssten ...
Mady-Delavux Stehres: "Wenn ich mir die Arbeitsbedingungen von Erziehern und Sozialpädagogen ansehe, glaube ich nicht, dass unser Reglement, das die Aufgabenbereiche der beiden Berufsgruppen definiert, so schlecht sein soll. Ich bin nicht ganz mit der einseitigen Darstellungsweise der Berufsverbände einverstanden. Allerdings will ich auch hinzufügen, dass wir als Ministerium nur wenig Erfahrung mit Erziehern und Sozialpädagogen haben und die Entwicklung in diesem Bereich im Auge behalten und genau auf Stärken und Schwächen analysieren müssen. Vielleicht ist uns die Definition der Aufgaben auch nicht 100-prozentig gelungen. Das mag sein. Ich bin zugegebenermaßen auch nicht total zufrieden. Dementsprechend bin ich gerne bereit, im Dialog nachzubessern. Ich will nicht, dass bei Erziehern bzw. Sozialpädagogen der Eindruck entsteht, dass sie nur die Arbeiten übernehmen sollen, die die Lehrer nicht machen wollen. Sie sind vollwertige Mitglieder der Schulmannschaften."
Tageblatt : Außerdem verlangen die "educateurs" eine (finanzielle) Aufwertung ihrer jeweiligen Karrieren ...
Mady-Delavux Stehres: "Ich habe Verständnis für dieses Anliegen ..."
|