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Revue: Kam die Krise im September 2008 für Sie überraschend?
Jeannot Krecké: Mich hat nicht die Krise überrascht, aber deren Ausmaß war unerwartet. Es konnte auch keiner wissen, dass die Amerikaner den gravierenden Fehler machen würden, Lehman Brothers fallen zu lassen.
Revue: Und in Luxemburg?
Jeannot Krecké: Keiner erwartete, dass stabile Finanzinstitute wie Fortis/BGL und Dexia-BIL so schnell an den Rand des Konkurses rutschen würden. In mehreren Nachtsitzungen mussten Jean-Claude Juncker, Luc Frieden und ich in Brüssel reagieren. Wir mussten sehr schnell einige Entscheidungen treffen, aber es war der einzig mögliche Weg. Beim Börsenstart am nächsten Morgen musste das Rettungspaket stehen.
Revue: Erwarteten Sie denn den Impakt auf die Realwirtschaft?
Jeannot Krecké: Wir waren darauf gefasst, aber nicht mit dieser Heftigkeit. Eine solche Vollbremsung hatten wir noch nie erlebt.
Revue: Sie warben vor der Krise viel um neue Unternehmen. Waren die Mühen nun umsonst?
Jeannot Krecké: Viele Investitionen wurden gestoppt. Ein großer Betrieb, der schon ein Grundstück in Luxemburg reserviert hatte, setzte seine Entscheidung aus. Auch die Luxemburger Wirtschaft war wie gelähmt: Im November reiste ich nach Thailand und Indonesien, und nur wenige Unternehmer haben an der Wirtschaftsmission teilgenommen. Hier im Land gab es zum Glück noch Aufträge von Betrieben und Privatleuten für die Baubranche. Danach löste das staatliche Konjunkturprogramm die Nachfrage ab.
Revue: Hat das Konjunkturprogramm gegriffen?
Jeannot Krecké: Ich würde sagen, ja. Die Maßnahmen zur Erhöhung der Kaufkraft, die wir zum Jahresanfang ergriffen haben, zeigen Wirkung. Aber wer seine Arbeit verliert oder kurzarbeiten muss, verzeichnet notgedrungen Einkommenseinbußen. Zudem hat die Verunsicherung manches zunichte gemacht.
Revue: An welche Bedingungen knüpfen Sie Hilfen für die Unternehmen?
Jeannot Krecké: Wir bieten Beihilfen bis zu einer Höhe von 500.000 Euro an. Die maximale Garantie des Staates darf die Lohnmasse eines Jahres nicht überschreiten. Es kommen nur Betriebe in Frage, deren Schwierigkeiten eindeutig auf die Krise zurückzuführen sind. Eine Arbeitsgruppe prüft den Businessplan und macht Besserungsvorschläge. Öffentliche Gelder werden nicht verschenkt.
Revue: Wird manchmal auch der Abbau von Arbeitsplätzen vom Staat unterstützt?
Jeannot Krecké: Der Businessplan muss aufgehen. Wir geben keine Hilfe, wenn wir für den Betrieb keine Zukunft sehen.
Revue: Welche Betriebsschließungen sind eindeutig durch die Krise bedingt?
Jeannot Krecké: Villeroy & Boch und die Druckerei Bück nicht! Der Porzellanhersteller hatte ohnehin beschlossen, den Standort Luxemburg aufzugeben. Bei Bück hatten wir heftige Diskussionen, weil ein Teil der Produktion ausgelagert wurde. Aber es gab mehrere Konkurse im Bauwesen. Wegen der Überkapazitäten ist in diesem Sektor mit weiteren Schwierigkeiten zu rechnen.
Revue: ArcelorMittal hat weltweit dramatische Produktionseinbußen erlitten. Auf was muss sich Luxemburg bei seinem größten Arbeitgeber gefasst machen?
Jeannot Krecké: Die Stahlbranche leidet sehr. ArcelorMittal nutzt die "cellules de reclassement" als Kriseninstrument, eine Art Kurzarbeit. Ich glaube nicht, dass die drei Standorte in Luxemburg etwas zu befürchten haben.
Revue: Und die Kurzarbeit in den anderen Wirtschaftsbereichen?
Jeannot Krecké: Die Zahl der Betriebe, die auf Kurzarbeit zurückgreifen, ist in einem Jahr von drei auf über 130 gestiegen. Ich werde im November in den USA mit einigen wichtigen Entscheidungsträgern, z. B. bei Goodyear über die Zukunft ihrer Niederlassungen in unserem Land sprechen.
Revue: Ist Luxemburg im Vergleich zu anderen mit einem blauen Auge davongekommen?
Jeannot Krecké: Wir haben gelitten. Alle Maßnahmen, die wir ergriffen haben, kosten eine Menge Geld. Wir werden nicht nur ein blaues Auge, sondern eine ordentliche Delle davontragen. Sie ist höchstens weniger tief als bei anderen.
Revue: Sind wir noch im Tal der Tränen oder schon auf dem Weg nach oben?
Jeannot Krecké: Ich glaube, dass wir die Talsohle erreicht haben und es langsam aufwärts geht. Aber nach der Krise werden wir nicht wieder auf dem Niveau stehen wie davor. Ich fürchte aber nicht, dass uns erneut ein Abschwung bevorsteht, wie einige voraussagen.
Revue: Wenn man die Gesundung am Börsenindex misst, sind wir auf dem guten Weg...
Jeannot Krecké: Steigende Börsenkurse sind ein Zeichen von Optimismus am Markt, aber kein Beweis von Gesundung. Die Börse basiert auf Annahmen und beinhaltet Spekulationen. Das Bruttosozialprodukt ist das bessere Messgerät. Für unsere exportorientierte Wirtschaft ist aber am wichtigsten, was in unseren drei Nachbarländern passiert.
Revue: Die Arbeitslosenzahlen steigen weiter!
Jeannot Krecké: Die Arbeitslosenzahl reagiert in der Regel mit Verspätung, aber bei Ausbruch dieser Krise kam die Reaktion am Arbeitsmarkt sofort. Der Aufschwung wird sich nicht gleich in den Beschäftigungszahlen niederschlagen. Ich rechne erst in einem bis anderthalb Jahren mit einer Verbesserung. Die Unternehmen warten ab, ehe sie wieder Personal einstellen.
Revue: Mehr Ausgaben und weniger Einnahmen: Geht das ohne soziale Einschnitte?
Jeannot Krecké: Wir müssen einsparen, ohne abzuwürgen. Ein Rückgang des Konsums würde auch den kleinsten Aufschwung zunichte machen. Da die Betriebssteuern zum Teil erst nach mehreren Jahren abgerechnet werden, können die Auswirkungen der Krise auf die Staatseinnahmen erst ab dem Haushaltsjahr 2011 richtig eingeschätzt werden. Zwei Drittel der Betriebssteuern stammen vom Finanzplatz, der besonders unter der Krise gelitten hat. Bis 2013 rechne ich daher mit sehr schwierigen Jahren.
Revue: Ist die Indextranehe 2010 garantiert?
Jeannot Krecké: Keine Indextranehe ist garantiert, sie ist an die Entwicklung der Inflation gebunden. Je nachdem, wie sich die Energiepreise über die nächsten Monate entwickeln, wird sie nicht im Juni, sondern erst Ende 2010 fällig.
Revue: Ist die Krise nicht auch eine Chance für nachhaltiges Wirtschaften in der Zukunft?
Jeannot Krecké: Die Wirtschaft muss die Krise nutzen, um sich anders aufzustellen. Wir haben ein Gesetz verabschiedet, das Forschung und Innovation finanziell unterstützt, Fördermaßnahmen für Betriebe, die sich für Energiesparen und Umweltschutz einsetzen werden folgen. Aber auch nachhaltiges Wirtschaften muss Gewinn abwerfen. Die Hersteller von Solarzellen leiden derzeit in Deutschland sehr unter der chinesischen Konkurrenz. In Dänemark entlässt der größte Hersteller von Windmühlen 1.500 Mitarbeiter. Zukunftsträchtige Betriebe, auf die auch wir bauen wollen, sind wirtschaftlich genauso anfällig wie andere.
Revue: In der Skala der Wettbewerbsfähigkeit des World Economic Forum (WEF) rückt Luxemburg vom 25. auf den 21. Platz vor. Freut Sie das?
Jeannot Krecké: Ich halte nichts von solchen Hitparaden und ihren Indikatoren. Wenn Luxemburg weiter nach vorne rücken möchte, müssten wir, dem WEF nach, Index und Mindestlohn abschaffen und das Arbeitsrecht durchlöchern. Um den spezifischen luxemburgischen Gegebenheiten verstärkt Rechnung zu tragen, werden wir Ende September unsere eigene Skala für Wettbewerbsfähigkeit vorstellen.
Revue: Sind Sie denn mit dem Rückgang der Inflation zufrieden?
Jeannot Krecké: Eine Regel müssen wir uns immer vor Augen halten: Hohes Wachstum bringt Inflation. In Krisenzeiten steigen die Preise langsamer. Die derzeit niedrige Teuerungsrate freut mich, aber sie ist kein gutes Zeichen. Wenn das Wachstum wieder anzieht, werden auch die Preise wieder steigen.
Revue: Sind Sie denn nie zufrieden?
Jeannot Krecké: Doch, ich glaube, dass wir nach der Krise besser dastehen werden als vorher. Zumindest in einzelnen Sektoren. Aber um Genaueres zu wissen, müssen wir 2010 abwarten.
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