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Inter-Actions: Frau Ministerin, schon früh haben Sie sich gesellschaftspolitisch engagiert, sei es in der CSV oder im LCGB. Sie waren Abgeordnete, Mitglied des hauptstädtischen Gemeinderats und stellvertretende Präsidentin der LCGB. Nun hat Ihr viertes Mandat als Ministerin angefangen. Was hat für Sie den Ausschlag für Ihr politisches Engagement gegeben?
Jacobs: Zuhause wurde schon immer viel über Politik diskutiert. Mein Vater war in der CSV u.a. als Delegierter. Mit 1 7 habe ich zum ersten Mal an einem CSV-Kongress teilgenommen. Mich haben soziale Fragen immer interessiert. Auch meine langjährige Klinikerfahrung als infirmiere-anesthesiste in der Sacre Coeur, die Begegnung mit kranken Menschen, mit deren Familie, die Schicksalsschläge der Betroffenen und die damit verbundenen sozialen Konsequenzen, haben sicher zu meinem Engagement beigetragen. Hinzu kommt meine Tätigkeit in der Gewerkschaft. Das hat mir wieder geholfen einen Einblick in die Betriebe zu bekommen. Also, ich denke, dass ich schon durch eine gute Schule gegangen bin. Ich habe sozusagen von der Pike auf gelernt, was so alles in der Gesellschaft spielt.
Als ich dann in der Regierung war, konnte ich manches realisieren. Da war auch noch eine Zeit, wo die finanziellen Mittel vorhanden waren, um vieles zu bewirken. Wir haben uns dafür entschieden nicht wenig in den sozialen Bereich zu investieren. Das hat zwar eine gewisse Hartnäckigkeit erfordert, man muss die Regierungskollegen überzeugen, aber wenn man davon überzeugt ist, dass das Geld richtig angelegt ist, lohnt es sich, sich für seine Ideen einzusetzen. In den nächsten Jahren wird es allerdings nicht einfacher.
Wenn sich die Voraussagen für die Zukunft bestätigen, und es gibt kaum einen Zweifel daran, auch wenn man natürlich immer hofft, dass es besser kommt, dann ist es aber wichtig zu trennen zwischen dem, was wir behalten müssen, zwischen dem was Sinn macht und dem was wir gerne hätten. Der soziale Bereich ist seit Jahrzehnten immer gewachsen, wobei nicht immer hinter fragt wurde, ob all das was finanziert wurde, wirklich notwendig war. Das wird Thema der Diskussionen in den nächsten Monaten und Jahren sein. Dabei darf man nicht vergessen, dass immer wieder neue Bedarfsfälle entstehen. Das sieht man z.B. im Bereich der Überschuldung. Personen aus sozialen Schichten, die bislang kaum den Weg in die Beratungsstellen gefunden haben, treten im Zuge der Krise, u.a. durch Verlust des Arbeitsplatzes, vermehrt in Erscheinung. Nicht selten sind es Wohnungsbesitzer mit einer Wohnungshypothek, die Gefahr laufen, ihre Unterkunft zu verlieren. In vielen Fällen resultiert daraus ein Dominoeffekt.
Inter Actions: Sie haben viele Felder politischer Themen bearbeitet. Sie waren u.a. Agrarministerin und delegierte Ministerin für Kultur in der turbulenten Vorbereitungszeit des europäischen Kulturjahres 1 995. Sie waren zuständig für die "Promotionfeminine", anschließend für das Ressort " Chancengleichheit" und seit 1 999 für " Familie, Solidarität und Jugend". Nun haben Sie auch das Ministeriumfür "Coopération et Action humanitaire" übernommen. Haben Sie Bereiche kennengelernt für den Ihr Herz besonders schlägt?
Jacobs: Als Minister Steichen nach Brüssel ging, und ich ziemlich unerwartet seine Nachfolge antrat, habe ich seine Ressorts übernommen. Ich wollte nicht, dass gesagt wird, jetzt kommt eine Frau und weil es eine Frau ist, kann die nur Soziales machen oder vielleicht Kultur oder Erziehung. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass als ich ein oder zwei Tage im Amt war, schon eine Demonstration der Bauern vor meinem Ministerium stattfand. Ich wurde also direkt gut eingeführt. Da kam 1995, das Europäische Kulturjahr, zu einem Zeitpunkt als wir in
Luxemburg nicht allzu viel zu bieten hatten. Wir hatten das Museum am Fischmarkt, das klein war. Wir verfügten weder über die Philharmonie noch über das "Pei-Museum" oder die Rockhalle. Wenn man heute die Vielfalt unseres kulturellen Angebotes betrachtet, kann man sich das kaum noch vorstellen. Damals hatten wir relativ wenig Budget, aber wir haben es fertig gebracht, trotz mancher Rückschläge, ein attraktives Kulturjahr zu veranstalten. Natürlich redet man gerne über Erfolge. Die Dinge, die nicht so gut gehen, vergisst man lieber.
Ich kann sagen, dass sämtliche Bereiche in denen ich tätig war, für mich interessant waren. Ich habe immer enorm viel hinzugelernt. Man muss sich mit seinen Aufgaben identifizieren. Dann macht der Job auch Spaß. Halbherzig und mit halbem Verstand erreicht man nichts. In allen Bereichen, ob Landwirtschaft, Kultur oder in der Familien- und Sozialpolitik, hat man mit Menschen zu tun. Wichtig ist für mich, dass man Menschen hilft in ihrem Leben, in ihrer Arbeit, weiter zu kommen.
Ein wichtiger Bereich ist natürlich mein neues Ressort, die Kooperation. Das ist ein weites Feld, das mir einen ganz anderen Blick auf die Außenpolitik verschafft. Nicht nur die Entwicklungspolitik, aber die damit verbundene Vernetzung setzt voraus, dass man sich gründlich einliest. Sie fordert einen intensiven Austausch mit den Partnerstaaten. Die Erfahrungen, die Kenntnisse und die Kultur der Entwicklungsstaaten müssen in den gemeinsam zu treffenden Entscheidungen mit einfließen. Es ist ein Lernprozess auf beiden Seiten. Wenn man das nicht erkennt, führt Entwicklungshilfe nicht zum Ziel. Es geht um konkrete Hilfe, auch um einen Transfer von know how, um den Aufbau von einer medizinischen Basisversorgung, um den Aufbau von Schulen usw. Ich bin eigentlich dankbar und froh, dass viele Sachen, die ich bis jetzt in meinem Leben machen konnte, und ich habe immer versucht die Dinge so gut wie möglich zu machen, zu einem Erfolg geführt haben. Manchmal gab es natürlich auch Rückschläge. Ich meine aber, dass wir in den letzten Jahren enorm viel umsetzen konnten.
Zum Beispiel im Bereich des "Handicap". Da ist es uns gelungen vielen Betroffenen mehr Autonomie zu verschaffen. Das war vorher, wie dies früher in der Entwicklungshilfe der Fall war: eine Almosenpolitik. Oder alles, was wir im Bereich des dritten Alters erreicht haben. Wenn ich dies so betrachte, dann denke ich, so schlecht war das alles nicht.
Eine Sache, die mir auch wichtig ist, ist der Kinderund Jugendbereich. Wir konnten, das Gesetz über die "Aide à l'enfance et à la famille" mit der Einrichtung eines "Office Nationale de l'Enfance (ONE)" verabschieden. Und ich freue mich in diesem Zusammenhang über die enge Zusammenarbeit zwischen den Beamten des Ministeriums und unseren verschiedenen Partnern. Ich denke, dass wir, über das ONE im Interesse der Kinder und deren Familien, nun wesentlich effizienter arbeiten und situationsgerechtere Lösungen finden können.
Inter-Actions: Die relativ kurzfristige Einführung der "cheques Service" war, besonders was die organisatorische Umstellung betraf, nicht unumstritten. Hätte man sich da nicht etwas mehr Zeit lassen können?
Jacobs: Wir sind in einer total verrückte Welt. Immer wurde darüber lamentiert, dass wir nicht genügend "Crèches" haben, dass wir keine "structures d'accueil" für Kinder haben. Jetzt sind wir dabei, dies zu ändern und dann kommt wieder die Frage ob es das Richtige sei. Vielleicht wissen wir in 20 Jahren, ob es richtig oder falsch war. Persönlich bin ich von der Richtigkeit überzeugt, sonst hätte ich es nicht gemacht. Für die Mehrheit der Kinder ist es m.E. richtig. Ich war immer gegen die Ganztagsschule, denn in eine Ganztagsschule muss man gehen. Eine Ganztagsbetreuung ist dagegen ein Angebot. Mit dem aktuellen System werden die Eltern stimuliert ihre Kinder zu dem Zeitpunkt abzuholen, an dem sie sie selbst versorgen können.
Inter-Actions: Sehen nicht das Risiko, dass es zu einer Art "Outsourcing" der Erziehung kommen könnte und somit zu einer "Deresponsabilisierung" der Eltern?
Jacobs: Die Politik hat nicht die Aufgabe Menschen vorzuschreiben, ob sie arbeiten oder zuhause bleiben sollen. Sie will und darf nicht dem Bürger seine Verantwortung abnehmen, aber sie muss der gesellschaftlichen Entwicklung und den daraus resultierenden Bedürfnissen Rechnung tragen. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Kinderbetreuung steht für mich außer Zweifel, dass wenn wir uns nicht um dieses Thema gekümmert hätten, die Kinder dennoch irgendwie und irgendwo untergebracht würden. Da bin ich der Meinung, dass der Staat bzw. die Gemeinden ein qualifizierteres Angebot machen können. Mit der Ausdehnung der Chèquesservice auf den kulturellen Bereich und auf den Sport wird der soziale Kontakt im Kindes- und Jugendalter weiter gefördert. Es ist nach meiner Auffassung eine Form der Armutsbekämpfung, auch wenn die Ausgaben in diesem Bereich nicht als solche anerkannt werden. Wichtig ist für mich auch die Entwicklung im Bereich der Jugendhäuser. Dafür haben wir, vor allem bei den Gemeinden, viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Heute ist man allgemein froh darüber, dass es sie gibt.
Inter Actions: Sie haben mit der "Coopération et Action humanitaire" ein wichtiges Ressort übernommen, das Sie womöglich sehr beanspruchen wird. Werden Sie noch genug Zeit für Ihr "altes Kerngeschäft", die Familien- und Sozialpolitik haben?
Jacobs: Die Arbeitstage werden sicherlich nicht kürzer. Im Urlaub habe ich viel gelesen, denn man muss ja Vieles lernen und abends ist es oft zehn oder elf Uhr bis der Arbeitstag zu Ende geht. Ich bin mir bewusst, dass die Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf uns in Luxemburg zukommen, nicht kleiner werden. Wenn wir aber auch in der Dritten Welt nichts ändern, wir leben ja alle auf einem Planeten, dann werden wir noch mit viel größeren Problemen konfrontiert werden. Es ist also auch in unserem eigenen sozusagen egoistischen Interesse, dass wir dort helfen.
Inter-Actions: Frau Ministerin, neben all den Verpflichtungen, die Ihre Arbeit für Sie mit sich bringt, haben Sie da noch Augenblicke in denen Sie sich erholen können oder sind Sie eine regelrechte Workaholic?
Jacobs: Ich denke letzteres trifft, jedenfalls zum Teil zu, sonst könnte ich das was ich tue nicht machen. Gottseidank habe ich eine ganz gute Gesundheit. Wenn ich am Wochenende zuhause bin, versuche ich viel mit meiner Familie und mit meinen Freunden zusammen zu sein. Natürlich ist es wichtig, ab und zu in Urlaub zu fahren, um mal heraus zu kommen. Ich reise gerne. Wenn ich in Luxemburg bin, bringe ich es nicht fertig nicht ins Büro zu gehen.
lnter-Actions: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?
Jacobs: Ich wünsche mir, dass ich solange ich meine Tätigkeit ausübe, dies mit Energie und Überzeugung machen kann und natürlich meine Gesundheit behalte, um dies zu tun. Ich mache es gerne.
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