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Luxemburger Wort: Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit zurzeit?
Nicolas Schmit: Von Februar bis März ist die Arbeitslosigkeit um 3,7 Prozent oder 569 Personen gefallen und liegt jetzt bei 6,2 Prozent. Diese Zahl ist teilweise auf die Frühjahrsbelebung zurückzuführen. Gleichzeitig ist das Stellenangebot drastisch um 17,2 Prozent gestiegen. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Aufschwung in den kommenden Monaten bestätigen kann. Er könnte durch die Griechenlandkrise und den instabilen Eurokurs geschwächt werden. Es besteht also eine positive Entwicklung mit vielen Fragezeichen.
Luxemburger Wort: Beschäftigung war eines der Hauptthemen in der Tripartite. Welche Maßnahmen wurden beschlossen?
Nicolas Schmit: In der Tripartite habe ich zwölf Orientierungen für die künftige Beschäftigungspolitik vorgestellt. Wir haben vorgeschlagen, in Krisenzeiten phasenweise einen höheren Maximalbetrag der Arbeitslosenentschädigung beizubehalten sowie die Dauer der Entschädigung in bestimmten Fällen zu verlängern. Für ältere Arbeitslose wird die "Mise au travail" in eine "Occupation temporaire indemnisée" mit einem etwas höheren Gehalt umgewandelt. Besonders die Langzeitarbeitslosen und die Personen, die kein Arbeitslosengeld mehr erhalten, liegen uns am Herzen. Wir möchten die Unternehmen ermutigen, solchen Personen einen unbefristeten Arbeitsvertrag anzubieten; dabei wird der Staat 80 Prozent des Gehalts in den ersten drei Monate übernehmen. Ich möchte Arbeitslose, die ein eigenes Unternehmen auf die Beine stellen möchten, eine bessere Unterstützung garantieren. Außerdem wird das Arbeitsamt reformiert, ein Programm für die über 45-Jährigen wird lanciert, die Kurzarbeit wird verlängert und angepasst, wenn Betriebe aus krisengeschüttelten Sektoren gewisse Kriterien erfüllen. Etwas besorgt sind wir über die Explosion bei der Zeitarbeit. Laut den Interimsfirmen finden 40 Prozent der Zeitarbeiter eine feste Stelle. Allerdings wird die Zeitarbeit zu 85 Prozent von Grenzgängern genutzt. Die Adern soll aus diesem Grund künftig mehr mit Interimsfirmen zusammenarbeiten. Ich frage mich, ob wir nicht über ein System nachdenken könnten, das die Möglichkeit befristeter Arbeitsverträge vereinfacht, die natürlich in unbefristete übergehen sollen - dies ist allerdings ein heikles Thema, dem die Gewerkschaften verständlicherweise kritisch gegenüber stehen. Künftig soll die kontinuierliche Weiterbildung während der gesamten beruflichen Laufbahn eine wichtige Rolle spielen. Anfang Juni werden wir mit den Sozialpartnern über neue Wege in der Fortbildung diskutieren.
Luxemburger Wort: Ist Kurzarbeit noch ein Thema?
Nicolas Schmit: Die Kurzarbeit geht zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir auf dieses Instrument verzichten können. Vor dem Sommer werden wir noch ein Gesetzprojekt einreichen, das die Verlängerung der Kurzarbeit ermöglichen soll. Die Kurzarbeit hat vielen Unternehmen über die Runden geholfen. Wir müssen dieses Instrument beibehalten und es punktuell den Betrieben zur Verfügung stellen.
Luxemburger Wort: Wie steht es um den Beschäftigungsfonds?
Nicolas Schmit: Dank der großzügigen Transfers und des Budgetüberschusses ist die Finanzierung des Fonds zurzeit gesichert. Aber sogar unter optimistischen Hypothesen wird es künftig Probleme mit der Finanzierung geben. Durch die Solidaritätssteuer und die sozialen Zuschüsse werden die finanziellen Ausgaben nicht einmal zur Hälfte gedeckt. Sogar wenn die Arbeitslosigkeit beständig ist oder sinkt, wird Geld für eine aktive Beschäftigungspolitik benötigt. Eine Erhöhung der Solidaritätssteuer ist jetzt beschlossen worden. So wie in der Tripartitc abgemacht, müssen die verschiedenen Arbeitsmarktmaßnahmen einer Evaluierung unterzogen werden. Wir dürfen nicht auch hier blindlinks Geld ausgeben.
Luxemburger Wort: Wie sieht die Reform der Adern aus?
Nicolas Schmit: Erstens erhält das Arbeitsamt mehr Mittel, sprich 40 neue Mitarbeiter, drei neue Büros sowie bessere Arbeitsbedingungen. Zweitens werden die Methoden neu organisiert. Zurzeit wird sich bei der Adern zu sehr der Verwaltung der Arbeitslosigkeit gewidmet, es bestehen nicht genügend Kontakte zu den Unternehmen. Die "Placeurs" müssen zu beruflichen Beratern werden, die Arbeitslose in einer globalen Vorgehensweise gezielt in ein Arbeitsverhältnis bringen. Von Seiten des Arbeitsamts besteht die Bereitschaft, an diesem Prozess zu kollaborieren. In einem guten Jahr werden wir voraussichtlich erste konkrete Resultate sehen. Ich möchte auch im Herbst ein Gesetzprojekt über die Methoden und Organisation der Adern auf den Weg bringen.
Luxemburger Wort: Ist die Plattform "An elo" bisher erfolgreich gewesen?
Nicolas Schmit: Am 28. April waren 391 Jobsuchende sowie 159 Unternehmen eingeschrieben. Seit Anfang des Jahres haben 105 junge Leute einen CIE-EP unterzeichnet. Seit November 2009 wurden 23.000 Besucher auf der Internetseite gezählt. Die Homepage wird Ende Mai erneuert und mittels der Kandidatenprofile effizienter gestaltet. Bei der Plattform handelt es sich um eine innovative, unbürokratische Art und Weise der Arbeitsvermittlung. Unsere Befürchtung, dass junge Diplomierte massiv auf den Arbeitsmarkt drängen würden, ist nicht eingetreten. Es besteht noch immer ein Mangel an hoch qualifizierten Arbeitnehmern. Speziell für Beschäftigte aus dem Finanz- und Bankensektor, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, haben wir die Plattform Fit4Job ins Leben gerufen. Bei diesem Pilotprojekt wurden von 111 Kandidaten 97 ausgewählt. 79 von ihnen nehmen am Prozess teil und sechs haben bereits eine neue Stelle gefunden. Für über 45-Jährige läuft ein ähnliches Programm mit dem Arbeitsamt. Am 19. Mai organisieren wir im Zentrum, Norden und Süden des Landes zusammen mit Sozialpartnern und Betrieben drei Jobforen speziell für Personen über 50, die kein Arbeitslosengeld mehr erhalten. H Weichen Ratschlag geben Sie jungen Leuten mit auf den Weg? Junge Menschen sollten eine bestmögliche Qualifizierung anstreben, in welchem Lehrgang oder Studium auch immer. Die Wirtschaft befindet sich in einem Umbruch und muss in Richtung hochqualifizierte Arbeitsplätze umgebaut werden, auch wenn es immer Arbeitsplätze für weniger qualifiziertes Personal geben wird. Eine gute Ausbildung optimiert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Luxemburger Wort: Wie hoch ist der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in Luxemburg? Was wird dagegen unternommen?
Nicolas Schmit: 1974 wurde erstmals eine Reglementierung über die Lohngleichheit von Frauen und Männern beschlossen, und es ist deprimierend zu sehen, dass mehr als 30 Jahre später noch immer ein Unterschied besteht. Im Durchschnitt liegt der Lohnunterschied hierzulande bei 15 Prozent. Dies ist im EU- Vergleich nicht das schlechteste Resultat, aber es müsste bei null Prozent liegen. Im neuen Gesetz über die Personalvertretungen werden die Gleichstellungsvertreter künftig mehr Mittel erhalten, um ihre Ziele durchzusetzen. Auch die Gewerbeinspektion soll das Problem der Lohnungleichheit in Zukunft aktiver angehen und Maßnahmen gegen Diskriminierung nehmen. Schließlich muss das Umfeld Familie und Arbeit überdacht werden. Ich bin dagegen, den Elternurlaub zu reduzieren. Wir verfügen über zwei Reservoirs am Arbeitsmarkt: es handelt sich dabei um die Älteren und die Frauen. Besonders Frauen sind oft hochqualifiziert. Wir müssen dafür sorgen, dass Frauen in den Unternehmen in puncto Karriere nicht benachteiligt werden. Hier muss ein Mentalitätswechsel stattfinden.
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