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Luxemburger Wort: Jede Krise geht einmal zu Ende, dann sollte der Standort Luxemburg gut aufgestellt sein", sagte der Wirtschaftsminister vor etwas mehr als einem Jahr. Ist die Krise zu Ende?
Jeannot Krecké: Die akute Phase der Krise scheint vorüber, einzelne Sektoren haben jedoch noch reichlich Nachholbedarf. Die Entwicklung in der gesamten Eurozone birgt noch vereinzelte Gefahren. Das erneute Abtauchen in die Rezession ist noch immer möglich, allerdings weniger wahrscheinlich. Die Staatsverschuldung könnte zu wirtschaftlichen Rückschlägen führen. In diesem Umfeld bewegt sich auch Luxemburg. Wir müssen also wachsam bleiben.
Luxemburger Wort: Wie ist Luxemburg bisher durch die Krise gekommen?
Jeannot Krecké: Das ist von Sektor zu Sektor verschieden. In der Industrie insgesamt gibt es eine ganze Reihe Forschungsprojekte. Das stimmt mich zuversichtlich. Ob das Früchte trägt, stellt sich erst später heraus. Aber es sind Dinge auf den Weg gebracht worden. Nach wie vor schwierig ist der Zugang zu Krediten, insbesondere für kleine Betriebe. Wir hatten den Banken gesagt, sie sollen weniger Risiken eingehen. Jetzt sind sie vorsichtiger geworden und die Prüfungen dauern länger.
Luxemburger Wort: Kosten sind ein wichtiger Standortfaktor. Wie lässt sich für Luxemburg werben, wenn die Personalkosten ohne für Außenstehende erkennbare Gründe regelmäßig ansteigen?
Jeannot Krecké: Luxemburg ist im Ausland gut angesehen und es interessieren sich viele Menschen für den Standort. Grund dafür ist gezielte Promotion in Zielländern wie Russland, China, Indien, den Golfstaaten, Israel, Schweden und Norditalien. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut. Die Probleme in Luxemburg lassen sich nicht so schnell lösen wie in anderen Ländern, die viel aggressiver ihre Standortvorteile verbessern. Das hat nicht immer etwas mit Kosten zu tun, sondern auch mit den oft beschworenen kurzen Wegen, die nicht immer so gut funktionieren wie angepriesen. Immer mehr Leute merken das. Wir verlieren dadurch an. Glaubwürdigkeit. Dann bleibt von der Promotion nur Propaganda. Wir sehen zu viele Probleme, statt Lösungen zu suchen.
Luxemburger Wort: Wird der Index als Problem zu hoch gewichtet?
Jeannot Krecké: Viele ausländische Geschäftsleute wissen nichts über die Indexierung der Löhne und falls doch, ist es nicht so sehr von Belang. Für die heimische Wirtschaft sieht die Sache anders aus. Da gibt es eine Reihe von Kostenfaktoren. In einzelnen Bereichen wie der Industrie oder im Handwerk ist der Index allerdings ein Kostenfaktor. Vor allem im Exportgeschäft lassen sich die Kostensteigerungen kaum mit den Margen auffangen und die Preise lassen sich nicht weitergeben.
Luxemburger Wort: Lässt sich überhaupt neue Industrieproduktion ins Land holen?
Jeannot Krecké: Die heimische Industrie hat inzwischen erkannt, dass es auch Faktoren gibt, die sie woanders nicht erfahren wie z.B. eine individuelle Betreuung und ein großes Entgegenkommen. Neue industrielle Aktivitäten sind gekennzeichnet von einem hohen Grad an Automatisierung. Daher müssen wir umso mehr darauf achten, auch genügend Plätze für geringer qualifiziertes Personal anzubieten, wie z.B. im Frachtzentrum.
Luxemburger Wort: Luxemburg sollte innovativ sein und konsequent Nischen besetzen mit der Entwicklung spezieller Produkte, fordert der Wirtschaftsminister.
Jeannot Krecké: Wir haben Betriebe, die weltweit aktiv sind mit speziellen Produkten wie z.B. Rotarex, Ceratizit oder lEE. Auch die Luxemburger Stahlprodukte wie Spundwände genießen weltweit einen guten Ruf. Um gut zu bleiben, muss man innovativ sein. Es gibt einen kleinen Kreis von Betrieben, die regelmäßig Innovations- und Forschungsprojekte einreichen. Um das auszubauen, hat die Regierung gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen. Es gibt Hilfestellungen.
Luxemburger Wort: Um innovativ zu sein, muss man Risiken eingehen. Die mangelnde Risikobereitschaft ist ein oft geäußerter Kritikpunkt. Wie lässt sich das Unternehmertum besser fördern?
Jeannot Krecké: Innerhalb einer Dekade lässt sich der Unternehmergeist in Luxemburg nicht total verändern. Das ist ein langfristiges Unterfangen und die Resultate kommen später.
Luxemburger Wort: Ist der Leidensdruck in Luxemburg noch nicht hoch genug?
Jeannot Krecké: Das ist eines unserer Hauptprobleme. Wir haben in einem Sektor sehr viel Geld verdient, wodurch der Druck im Vergleich zu anderen Ländern nicht so stark war. Wir müssen auf allen Ebenen, angefangen in den Schulen, das Unternehmertum fördern. Außerdem darf man keine Angst haben. Da, wo Spezialisten gebraucht werden, müssen sie ins Land geholt werden. Dafür müssen Bedingungen geschaffen werden, damit sie auch hierherkommen.
Luxemburger Wort: Mit welchen Mitteln lassen sich Projekte nach Luxemburg ziehen?
Jeannot Krecké: Das Wirtschaftsministerium versucht im Bereich der Gesundheitstechnologien, einen Risikokapitalfonds aufzubauen, um Projekte zu initiieren. Für die Glaubwürdigkeit im Ausland ist es notwendig, Projekte auch mit Geld zu unterstützen. 30 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Das ist viel Geld in diesen schwierigen Zeiten. Aber nur so können wir Interessenten anziehen und eine Initialzündung geben. In Israel z.B. werden zuvor ausgewählte Projekte über zwei Jahre voll finanziell unterstützt. Nach zwei Jahren wird versucht, das Investment über den privaten Markt zurückzubekommen. Ein großes Risiko. Um glaubwürdig zu sein, muss man den ersten Schritt machen können.
Luxemburger Wort: Diversifizierung lautet das ehrgeizige Ziel des Wirtschaftsministers, seit seinem Amtsantritt im Jahr 2004. Wie sieht die Bilanz aus?
Jeannot Krecké: Das BIP in Relation mit dem Finanzsektor ist viel schneller gewachsen als mit der Industrie. Dadurch wurde die Abhängigkeit nicht zuletzt auch bei den Steuereinnahmen immer größer. Ich gehe davon aus, dass der Finanzplatz zwar weiterhin erfolgreich sein wird, aber in Zukunft weniger Arbeitsplätze schaffen und weniger Steuern zahlen wird. Darauf müssen wir uns mit der Entwicklung neuer Aktivitäten vorbereiten. Dann bekommt das Wort Diversifizierung auch endlich einen Sinn.
Luxemburger Wort: Durch die Entwicklung von Nischen sollen neue Aktivitäten nach Luxemburg geholt werden. Wie sehen die Pläne aus?
Jeannot Krecké: Zunächst einmal will ich festhalten, dass es nicht mehr ausreicht, potenziellen Investoren einfach nur Gelände zur Verfügung zu stellen. Neben guten Infrastrukturen sei es im Energiebereich oder bei der Telekommunikation benötigen kleine Betriebe heute mehr. Wir probieren z.8., zusammen mit privaten Investoren, Risikokapital und den Ideengebern einen Rahmen zu schaffen, um den Start zu erleichtern. Das kann in Form eines Labor-Komplexes geschehen, in dem Akteure einzelne Labore mieten. Das geht alles nur zusammen mit Privatinvestoren. Ähnliches ist geplant im Bereich Umwelttechnologie auf dem Gelände der Pulverfabrik auf Kockelscheuer. In der Logistik geschieht das auf dem WSA-Gelände, wo der Staat einen Teil selber entwickelt. Wir versuchen, auf vielen Fronten neue Wege zu gehen. Ich bin mir bewusst, dass es im Handwerk Probleme gibt, Gewerbegebiet zu finden. Auch diesbezüglich ergreifen wir die Initiative.
Luxemburger Wort: Lassen Sie uns konkret über verschiedene Cluster mit Wachstumspotenzial sprechen. Stichwort Ökotechnologie.
Jeannot Krecké: Es gibt rund 150 Betriebe, die in dem Bereich tätig sind. Das reicht von der Wasseraufbereitung, also Umwelttechnologie bis in den Energiebereich mit alternativer Stromerzeugung der sogenannten "Clean Energy". Was wir brauchen sind glaubwürdige Projekte. Epuramat und seine Wiederaufbereitungsanlagen könnten so ein Projekt sein. Wenn das Projekt technologisch und produktionstechnisch ausgereift ist, könnte man das im Ausland gut verkaufen. Von solchen Projekten brauchen wir mehr, damit lassen sich dann auch andere anziehen.
Luxemburger Wort: Wie ist die Situation im Bereich Gesundheitstechnologie und Biotech?
Jeannot Krecké: Im Moment konzentrieren sich die Aktivitäten vor allem auf Forschungsprojekte, mit deren Verlauf ich zufrieden bin. Da entstehen Sachen wie die Biobank, es gibt viele Gespräche und wir gewinnen im Ausland an Glaubwürdigkeit. Mit der Auflage eines Forschungsfonds dürfte die Dynamik in dem Bereich zunehmen.
Luxemburger Wort: Ein Bereich, von dem schon lange die Rede ist, betrifft die Logistik. Da gab es zuletzt Rückschläge.
Jeannot Krecké: Die Logistik ist ein Sektor, der unter den Folgen der Krise gelitten hat. Ein paar Projekte mussten deshalb zurückgestellt werden. Es gibt aber zusehends eine Erholung. Logistik wird gebraucht, auch wenn wir in Luxemburg nicht die Waren produzieren. Wir wollen das Konzept mit den Seehäfen weiterverfolgen und auch über CFL Cargo den Schienengüterverkehr weiter ausbauen.
Luxemburger Wort: Was ist denn das größte Hindernis bei der Umsetzung von guten Ideen?
Jeannot Krecké: Unsere Prozeduren dauern oftmals zu lange. Bis zu 15 mal kann gegen Genehmigungen Einspruch eingelegt werden, wie am Beispiel Ban de Gasperich deutlich wird. Das ist zwar auch im Ausland so, aber Luxemburg könnte sich meines Erachtens von anderen Ländern differenzieren. Wir könnten den Unterschied zu anderen Ländern ausmachen, weil wir klein sind.
Luxemburger Wort: Welches Potenzial bergen die Bereiche Energie sowie Medien?
Jeannot Krecké: Im Energiebereich kämpfen wir derzeit an drei Fronten. In Deutschland führen wir Gespräche über eine engere Zusammenarbeit. In Luxemburg steht die Integration von LEO an. Und Enovos schließlich engagiert sich verstärkt in alternativen Energieträgern. Bei den Medien sind RTL Group und SES die Zugpferde und wichtig für das Bild im Ausland. Richtig viel geschieht auf dem Gebiet der Daten-Center.
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