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Luxemburger Wort: Das Jugendministerium hat zusammen mit der Uni Luxemburg gerade den ersten nationalen Jugendbericht vorgestellt. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Studie in Auftrag zu geben?
Marie-Josée Jacobs: Ein solcher Bericht ist wichtig für die Jugendpolitik der Regierung. Wir wollen ja eine Jugendpolitik betreiben, die auf einer tatsächlichen Analyse der Situation der Jugendlichen fußt. Es ist das erste Mal, dass wir uns einen ganzen Überblick darüber verschaffen konnten, was es heißt, in Luxemburg aufzuwachsen. Das ist auch der Grund, weshalb dieser Bericht bereits im Jugendgesetz vom 4. Juli 2008 festgehalten wurde. Als das Gesetz angenommen wurde, haben wir diesen Auftrag an das "Centre d'etudes sur la Situation des jeunes" der Uni Luxemburg weitergereicht. Somit wurde eine erste Etappe der Jugendpolitik absolviert, wie sie das Gesetz vorsieht. Als nächstes werden wir einen Pakt für die Jugend vorschlagen, in dem die Regierung ihre Maßnahmen zugunsten der Jugendlichen bündeln wird.
Luxemburger Wort: Im Vorwort zum Bericht wird erwähnt, dass es der Politik oft schwer fällt, sich in die Köpfe der jungen Menschen hineinzuversetzen. Wie bleiben Sie am Ball? Wie nahe fühlen Sie sich den Jugendlichen?
Marie-Josée Jacobs: Es ist quasi schon banal zu sagen, dass wir in einer Zeit leben, die sich ständig verändert. Aber die jungen Menschen halten leichter Schritt mit diesen Veränderungen als wir - u. a. weil sie die neuen Technologien intensiver nutzen als die Erwachsenen. Wir müssen den Jugendlichen zuhören, um sie zu verstehen. Das Jugendministerium unterstützt sowohl Jugendorganisationen als auch Jugendhäuser. In diesem Zusammenhang erhalte ich oft die Gelegenheit, mich mit Jugendlichen auszutauschen. Wenn man sich diese Zeit nimmt und auch zuhört, bekommt man schon so manches mit. Darüber hinaus haben wir das Jugendparlament ins Leben gerufen. Es lohnt sich, deren Entschlüsse näher unter die Lupe zu nehmen. Über diesen Weg erfährt man nicht nur, was die Jugendlichen von der Politik erwarten, sondern auch wie sie die Welt sehen. Mit dem Infobus haben wir uns außerdem ein Instrument gegeben, das es uns erlaubt, zu den jungen Menschen zu fahren. Ich bin keine Jugendliche mehr, aber das hält mich nicht davon ab, ihnen zuzuhören, um zu verstehen, was es bedeutet, jung zu sein. Wir wollen eine Jugendpolitik betreiben, die der Jugend einen Platz in der Gesellschaft einräumt.
Luxemburger Wort: Sie sagen selbst, dass der Bericht keinen reinen statistischen Nutzen haben soll. Welche großen "Baustellen" wollen Sie aufgrund der Resultate in den kommenden Monaten und Jahren in Angriff nehmen?
Marie-Josée Jacobs: Eine ganz wichtige Rolle nehmen der Schulabschluss und die Ausbildung sowie der Eintritt auf den Arbeitsmarkt ein. Es gibt Jugendliche, die sich in dieser Hinsicht schwer tun. Viele junge Menschen schließen ihre Schulzeit nicht mit dem Diplom ab, das es ihnen erlaubt, sofort eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Zu viele Jugendliche brechen ihre Ausbildung ab. Es bestehen bereits Initiativen, doch gibt es noch viel zu tun. Wichtig ist uns, dass die Ministerien und Verwaltungen künftig enger zusammenrücken und sich absprechen in ihren Bemühungen. Wichtig ist auch, den Jugendlichen mit den größten Schwierigkeiten noch stärker unter die Arme zu greifen. Der "Service national de la jeunesse" bietet z.B. den "Service volontaire d'orientation" an - eine Initiative, bei der Jugendliche ohne Abschluss einen Freiwilligendienst von maximal einem Jahr verrichten können. Sie erhalten die Möglichkeit, zusammen mit einem Tutor ihrer Zukunft ins Auge zu fassen. Die Erfahrung zeigt, dass viele Jugendliche anschließend versuchen, ihren Abschluss nachzuholen. Diese Initiative zeigt vielversprechende Resultate auf.
Luxemburger Wort: Ausbildung ist aber sicher nicht die einzige Baustelle?
Marie-Josée Jacobs: Nein, es gibt viele wichtige "Baustellen", auf denen wir noch stärker aktiv werden müssen. So z. B. im Bereich der Gesundheit. Mir fallen dazu die Stichworte Bewegung und Ernährung ein. Moderne Gesellschaften schaffen leider nicht selbstverständlich ein Umfeld für Kinder und Jugendliche, in dem die Gesundheit gefördert wird. Sexuelle Gesundheit ist ein weiteres Feld, das sich auftut. Kinder und Jugendliche müssen früher über den respektvollen Umgang miteinander und die Risiken aufgeklärt werden. Hier sind in erster Linie natürlich auch die Eltern gefragt. Doch muss auch die Regierung in dieser Hinsicht aktiv werden. Am Herzen liegt uns auch das Bestreben, der Jugend einen Platz in der Gesellschaft einzuräumen. Die Beteiligung der Jugend muss groß geschrieben werden, auch abseits des Jugendparlaments. Sie muss zum Alltag werden. Und sie muss bereits im Kindesalter beginnen. "Ask the boy", sagte der Gründer des Pfadfindertums. Heutzutage fragen wir aber auch die Mädchen. Ich könnte an dieser Stelle noch unzählige Themen aufzählen. Intergenerationelle Solidarität zum Beispiel. Wir wollen ja keine Politik nur für verschiedene Altersgruppen betreiben, sondern für eine gesamte Gesellschaft, in der wir alle zusammenleben. Die Frage der Integration und des interkulturellen Zusammenlebens ist in einem Luxemburg quasi zur Überlebensfrage für die Gesellschaft geworden.
Luxemburger Wort: Sie haben nun schon eine Reihe von Initiativen aufgezählt, mit denen man den dringenden Fragen und Problemen begegnen kann. Ist der Jugendbericht Anlass genug, weitere Initiativen auf den Weg zu schicken?
Marie-Josée Jacobs: Wir haben in der Jugendpolitik etliche Instrumente und Konzepte, mit denen wir den angesprochenen Problemen entgegentreten können. Deshalb sieht das Jugendgesetz auch den Pakt für die Jugend vor. Der Jugendbericht hat uns aber auch gezeigt, dass es nicht unbedingt darum geht, neue Konzepte zu entwickeln. Wir müssen vielmehr die bestehenden Initiativen besser miteinander verknüpfen. Ein gutes Beispiel dafür sind die "Bock Drop"-Sessions, die der SNJ zusammen mit den Jugendhäusern und anderen Partnern organisiert. Vertreter der "Action locale pour jeunes" und der "Administration de l'emploi" besuchen z. B. Jugendhäuser, in denen sie gezielte Informationsversammlungen für junge Menschen anbieten. Dabei wird quasi das "beste aus zwei Welten" kombiniert: Einerseits wären da die Jugendhäuser, die bei den Jugendlichen großen Anklang finden, andererseits bringen wir die Erfahrung von Spezialisten dorthin, wo die Jugendlichen sich in ihrer Freizeit aufhalten.
Luxemburger Wort: Ich persönlich war überrascht über die hohe Zahl an Schulabbrechern in Luxemburg. Andere Resultate waren hingegen absehbar ...
Marie-Josée Jacobs: Mir erging es ähnlich. Verschiedene Daten waren mir bekannt, andere nicht. Neu ist aber der Gesamüberblick, den uns dieser Bericht verschafft. Dadurch, dass die Studie sämtliche Bereiche, die für Jugendliche von Wichtigkeit sind, nebeneinanderstellt werden auch die Schieflagen sichtbar. Oft sind es die gleichen jungen Menschen und ihre Familien, die in mehreren Lebensbereichen Schwierigkeiten haben. Das ist natürlich alarmierend: Die Schieflagen verstärken sich und führen zur sozialen Ausgrenzung. Das neue Sozialhilfegesetz oder die "Cheque-service accueil" sind wichtige Maßnahmen. Dennoch werden sie noch nicht konsequent genug als Instrument im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung eingesetzt. Im nächsten Jugendbericht werden wir noch stärker auf den Teil der Jugend eingehen, der die größten Schwierigkeiten hat, mitzuhalten. Wir benötigen ein besseres Verständnis dieser Jugendlichen und deren Familien.
Luxemburger Wort: Ein Vorurteil gegenüber der Jugend besteht darin, dass sie sich nicht genug miteinbinden und sich kaum für die Politik interessieren. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Hinsicht gemacht?
Marie-Josée Jacobs: Das Potenzial ist vorhanden. Das sehen wir ja immer wieder bei den großen Vereinigungen wie die Pfadfinder. Jugendliche interessieren sich für wichtige soziale und politische Fragen. Nur die Art und Weise, mit der sich die Jugend engagiert, hat sich verändert. Sie wollen kein Engagement fürs Leben, sondern ihre Mühen müssen sich auszahlen. "D'Jugend huet kee Bock" ist mir eine pauschale Aussage. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, weshalb sich die Jugendlichen und die ganze Gesellschaft verändern und die Angebote entsprechend anpassen.
Luxemburger Wort: Sehen Sie auch eine Möglichkeit, wie man den Jugendlichen die Politik näher bringen könnte?
Marie-Josée Jacobs: Um Politik verstehen zu können, um sich politisch engagieren zu können, ist ein gewisses Demokratieverständnis unabdingbar. Doch wie vermitteln wir dieses Wissen? Wir haben im vergangenen Jahr ein tolles Projekt der Luxemburger Jugendkonferenz und dem "Centre information jeunes" unterstützt, die Rallye Citoyen - eine klassische Rallye durch die Hauptstadt, bei der sich alles um die Demokratie drehte. 200 junge Teilnehmer und ihre Lehrer waren begeistert.
Luxemburger Wort: Im kommenden Jahren stehen wieder Gemeindewahlen an und damit sicherlich auch wieder die eine oder andere Diskussion zum Absenken des Wahlalters auf 16 Jahre?
Marie-Josée Jacobs: Bis jetzt wurde das Wahlrecht in einem Atemzug mit der zivilen Volljährigkeit genannt. Das Wahlrecht nun davon abzukoppeln, wäre eine weitreichende Entscheidung, die nicht nur den Jugendminister betrifft. Andererseits sind die jungen Menschen von den politischen Entscheidungen betroffen. Deshalb sollen sie auch mitwirken können. Darin besteht ja auch ein Kernbestreben unserer Jugendpolitik: Die jungen Menschen sollen die Politik mitbestimmen können und die Erwachsenen dürfen keine Angst davor haben. Das Jugendparlament hat in einem seiner Entschlüsse das Wahlrecht ab 16 Jahren gefordert. Und diese Debatte soll man durchaus führen.
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