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Luxemburger Wort: Wäre Luxemburg von einer lnsolvenz Griechenlands betroffen?
Jean-Claude Juncker: Luxemburg hat minimale Verbindlichkeiten griechischer Natur.
Luxemburger Wort: Eine Insolvenz Griechenlands wäre trotzdem gefährlich?
Jean-Claude Juncker: In einer falschen Behandlung des griechischen Schuldenproblems lauert Ansteckungspotenzial, auf das andere Staaten mit variierenden Infizierungsgraden reagieren könnten. Hiervon wären auch europäische Finanzzentren betroffen.
Luxemburger Wort: Sind BGL-Konten nach dem BNP-Paribas-Downgrading sicher?
Jean-Claude Juncker: Diese Fragestellung partizipiert an der Infizierungslust, die große Teile der veröffentlichten Meinung ergriffen hat. Ich halte die Warnungen der Ratingagenturen bezüglich der großen französischen Banken und BNP Paribas im Besonderen für maßlos überdimensioniert.
Luxemburger Wort: Was schließen Sie aus dieser Infizierungslust?
Jean-Claude Juncker: Auch wenn ich diese Warnungen nicht teile, zeigen diese, dass Ratingagenturen und andere Marktteilnehmer potenziellen Verlängerungseffekten einer falschen Behandlung der griechischen Schuldenkrise eine enorme Aufmerksamkeit widmen.
Luxemburger Wort: Wie bewerten Sie die Verständigung zwischen Berlin und Paris?
Jean-Claude Juncker: Der Euroraum besteht nicht nur aus Deutschland und Frankreich, sondern aus 17 Mitgliedern, deren Vorstellungen über das weitere Vorgehen in der Schuldenkrise Griechenlands teils gleichen und teils differieren.
Luxemburger Wort: Wie ist die Position des Präsidenten der Eurogruppe?
Jean-Claude Juncker: Jede Lösung, die Privatgläubiger einbezieht, muss freiwilliger Natur sein. Ansätze, die sich unterhalb des Risikoniveaus einer Kreditausfallsbewertung durch Ratingagenturen bewegen, werden vorgezogen. Das sehen auch Berlin und Paris so.
Luxemburger Wort: Das bedeutet?
Jean-Claude Juncker: Eine große Umschuldungslösung entfällt. Es kommt zu einem sanften Reprofiling, so wie vom Vorsitz der Eurogruppe gefordert.
Luxemburger Wort: Wie soll die freiwillige Beteiligung aussehen?
Jean-Claude Juncker: Dieser Sachverhalt muss in den folgenden Wochen geklärt werden. Die einzelnen Regierungen müssen sich mit ihren Banken, Versicherungen und Investitionsfonds, die sich in Griechenland engagiert haben, darüber unterhalten. Freiwillig ist das Gegenteil von gezwungen.
Luxemburger Wort: Warum ist das wichtig?
Jean-Claude Juncker: Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Regierungen massiv Druck auf die Griechenland-Investoren machen und nur nach außen hin den Anschein wahren würden, es handele sich um eine freiwillige Aktion.
Luxemburger Wort: Führen Sie bereits entsprechende Sondierungsgespräche?
Jean-Claude Juncker: Ich hatte bereits Gespräche mit einigen ausländischen Banken. Unter anderem waren am Donnerstag einige Chefs deutscher Banken bei mir, so auch Commerzbank-Chef Martin Blessing.
Luxemburger Wort: Belasten Sie die Kritiken an Ihrem Krisenmanagement?
Jean-Claude Juncker: Mich belastet die Art, wie luxemburgische Medien über dissonante Stimmen im deutschen Blätterwald berichten, nicht.
Luxemburger Wort: Beunruhigt Sie die Re-Nationalisierung in der Europapolitik?
Jean-Claude Juncker: Wir sind in der Europäischen Union in einer Situation angekommen, in der die Sorge um das europäische Gemeinwohl abnimmt. Ich reihe mich sehr deutlich in die Reihen derer ein, die das gesamteuropäische Interesse in den Mittelpunkt ihres Handels stellen.
Luxemburger Wort: Verlieren kleinere EU-Staaten an Einfluss?
Jean-Claude Juncker: Das europäische Gemeinwohl muss auch deshalb in den Vordergrund gestellt werden, damit die Interessen kleinerer Länder maximal gewahrt werden können.
Luxemburger Wort: Müsste sich die EU nicht schneller auf eine Lösung einigen?
Jean-Claude Juncker: Wir leben in Europa in Demokratien. Das ist unterm Strich ein großer Vorteil. Wenn parlamentarische Demokratien und Mediendemokratien mit großen Herausforderungen konfrontiert sind, darf man sich nicht wundern, wenn Vorschläge und Kontroversen öffentlich ausgetragen werden. Auch wenn das Griechenland und der Gesamtlösung nicht immer hilfreich ist.
Luxemburger Wort: Wie geht es weiter?
Jean-Claude Juncker: Ich gehe davon aus, dass die Antwort auf das aktuelle Griechenland-Problem im Sommer formuliert sein wird.
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