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Luxemburger Wort: Wie bewerten Sie das Schulsystem, wobei Luxemburg in den internationalen Studien zu den schwächeren Kandidaten zählt.
Mady Delvaux-Stehres: Eigentlich ist unser Schulsystem gut, und dennoch könnte es wesentlich besser sein. Wir greifen auf ein System zurück, das aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammt, und müssen zugleich gegenwärtige Herausforderungen meistern. Probleme von morgen lassen sich nicht mit Lösungen von gestern lösen. Das Schulsystem ist eher auf Schüler zugeschnitten, die zu Hause Luxemburgisch sprechen; dennoch haben immer mehr Kinder eine andere Erstsprache. Außerdem hat die Vielsprachigkeit unseres Schulsystems zur Folge, dass unsere Schüler in internationalen Stfdien bei wissenschaftlichen Fragen weniger gut abschneiden, weil das Lehrprogramm zumal die Sprachkenntnisse fördert.
Und anschließend gilt es, dem steigenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften Rechnung zu tragen, damit die jungen Leute sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten können. Unsere Zielsetzung ist es denn auch, die Kompetenzen jedes Kindes zu fördern und ihm eine gute Grundausbildung zuzusichern.
Luxemburger Wort: Viele Reformen wurden bereits initiiert oder in die Wege geleitet. Welche Neuausrichtungen prägen dieses Schuljahr?
Mady Delvaux-Stehres: Die Marschroute liegt bereits vor. Dieses Jahr ist das der Kontinuität und Stabilität. Nach der Reform der Grundschule gilt es, die neuen Arbeitsmethoden in den Klassensälen zu festigen. Der kompetenzorientierte Unterricht sowie das differenzierte Vorgehen werden konsolidiert. In der Berufsausbildung breitet sich die Neugestaltung in Modulen auf weitere Lehrgänge aus. Nach den ersten Abänderungen an 19 Lehrgängen letztes Jahr wurden nun 91 weitere Ausbildungswege überarbeitet. Die letzten Abänderungen, z.B an der Ausbildung zum "technicien administratif", folgen im Schuljahr 2012-2013. Fertiggestellt wird ferner die angekündigte Reform im Sekundarunterricht. Hier zielen wir auf einen fließenden Übergang ab, damit die Reformpläne greifen, wenn die Grundschüler der neuen Lernzylden der " école fondamentale" auf 7e kommen. So wird nun ein entsprechender Gesetzentwurf ausgearbeitet, in Anlehnung auf die bereits vorgestellten Orientierungsdokumente.
Luxemburger Wort: Sind die Unstimmigkeiten mit den Grundschullehrern drei Jahre nach der Einführung der Reform nun ausgeräumt?
Mady Delvaux-Stehres: Wir fühlen jeden Puls bei der Lehrerschaft, bei den Eltern, und diese Studien zeigen positive Ergebnisse. Der Austausch zwischen dem Lehrpersonal und den Eltern kommt ganz gut an. Was nun die Bewertungshefte der Schüler anbelangt, wurden die Kriterien neu formuliert und deren Anzahl herabgesetzt, um den Kritikpunkten zu begegnen. Dennoch bleibe ich vorsichtig, wie die konkrete Umsetzung der Reform vonstatten geht. Die Grundschule umfasst 5 000 Personen, die lernen müssen, enger zusammenzuarbeiten und sich mit den neuen Kompetenzheften auseinanderzusetzen. Dieser Prozess erfolgt nicht von heute auf morgen. Noch läuft nicht alles so, wie ich es mir vorstelle. Dennoch zeigen uns die Erfahrungen aus dem Ausland, dass ein solcher Übergang Zeit braucht. So wollen wir den Schulen, neben dem bestehenden Weiterbildungsangebot, eine gezielte Begleitung ihrer Schulprojekte anbieten.
Luxemburger Wort: Mit dieser Rentrée verschwindet das 60-Punkte-System im Zyklus 4.1, und ab der Rentrée 2012-2013 ist die alte Benotungsmethode endgültig in allen Zyklen "passé". Für viele Eltern und Großeltern die das herkömmliche System durchliefen, macht sich der Wandel eindeutig daran fest.
Mady Delvaux-Stehres: Ja, für viele bleibt das ein sensibles Thema. Ich will aber darauf hinweisen, dass ich nicht für eine völlige Abschaffung des Punktesystems in der gesamten Schullaufbahn bin. Unser Ziel ist es vorerst, jedem Kleinen die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln, ohne einem ständigen Vergleich und Einreihen in ein Benotungssystem ausgesetzt zu sein. Das Punktesystem wird erst später in der Laufbahn eingesetzt.
Luxemburger Wort: Die Reform der Sekundarschulen läutet also nicht das Ende des herkömmlichen Punktesystems ein?
Mady Delvaux-Stehres: Die Punkte bleiben erhalten. Eine Priorität macht sich dementsprechend am guten Übergang von der Grundschule zur Sekundarschule fest.
Luxemburger Wort: Sind Sie insgesamt auf schwierige Diskussionen mit den Lehrern der Sekundarschule gefasst? Die Grundschulreform hatte ja für viel Aufregung gesorgt.
Mady Delvaux-Stehres: Alles, was neu ist, sorgt für Aufregung. Eine Reform bringt Umstellungen für die Eltern und die Lehrerschaft mit sich. Vorrangig konzentrieren wir uns aber auf die Zielsetzung, die Schüler besser zu betreuen, wenn sie zur Sekundarschule wechseln. Ein Tutorensystem und eine gute Vorbereitung auf die Orientierung nach den 5e und 9e sind einige beabsichtigte Ansätze. Weiter wurden Kompetenzsockel für die Unterstufe definiert, die die nötigen Kenntnisse und Kompetenzen zur guten schulischen Entwicklung festgelegen. Bei der Bewertungsmethode liegt das Akzent auf der Gewichtung zwischen der Schreibkompentenz, den Grammatikkenntnissen sowie dem Hör- und Leseverständnis.
Luxemburger Wort: Ferner wurde angeregt, dass die Klassen der 7e und 6e zu einem Zyklus verschmelzen sollen. In diesem Kontext soll das Kompensieren abgeschafft werden.
Mady Delvaux-Stehres: Ja, da laufen bereits Gespräche mit den Schulen. Wir haben ihnen Dokumente überbreitet und warten nun im Herbst auf ihre Antwort. Das Kompensieren wird vielerseits kritisiert, und ich bin bereit, das Thema anzugehen und das System abzuschaffen, dennoch brauchen wir eine alternative Lösung. Meiner Ansicht nach muss ein Schüler sein Abschlussdiplom bekommen können, auch wenn er in einem Fach weniger gut abschneidet. Die Gewichtung der Kenntnisse wird jedenfalls über eine großherzogliche Verordnung geklärt. Der Gesetzentwurf steckt den gesamten Rahmen ab, während solche Detailfragen noch zur Diskussion stehen. Hier stehen noch intensive Gespräche bevor, weil es auch innerhalb der Lehrerschaft verschiedene Ansichten gibt. Mir liegt jedoch am Herzen, dass wir die eine Lösung ausarbeiten, damit die Schüler besser lernen können. Wenn das Kompensieren dazu führt, dass die Schüler keine gute Leistungen mehr erbringen, müssen wir das Modell abändern.
Luxemburger Wort: Wie kann das Schulsystem den leistungsschwachen Schülern besser begegnen? An der Vielsprachigkeit möchten Sie festhalten.
Mady Delvaux-Stehres: Die Vielsprachigkeit in unseren Schulen ist nicht nur eine Tradition, sondern auch ein Mehrwert. Möglichst viele Schüler sollten sich in diesem mehrsprachigen System entwickeln. Jenen, die sich damit sehr schwer tun, kann man individuell Rechnung tragen, und dafür sorgen, dass sie wenigstens eine Sprache gut beherrschen. Die Vielsprachigkeit aber von vorne herein aufzugeben, ist für mich die falsche Antwort.
Luxemburger Wort: Wie wollen Sie die gesteckten Ziele noch vor dem Ende der Legislaturperiode erreichen?
Mady Delvaux-Stehres: Die Reform der Unter- und Oberstufe fließt in einen Gesetzentwurf ein. Wir wollen vor den Allerheiligenferien einen Vorentwurf zur Beratung vorlegen, im Frühjahr könnte der Gesetzentwurf im Parlament eingereicht werden. Es ist an der Zeit, die Reform abzuschließen, die Arbeiten laufen ja bereits seit zwei Jahren an.
Luxemburger Wort: In der Berufsausbildung wurden die Programme neu definiert. Kann man allen anstehenden 7e-Schülern eines technischen Lyzeums versichern, dass sie in einigen Jahren einen Ausbildungsplatz finden?
Mady Delvaux-Stehres: Die Frage muss man nuancierter angehen. Eine 7e EST führt nicht zwingend zur Berufsausbildung. Die technische Sekundarschule ermöglicht eine allgemeine Hochschulreife, ein Abschluss, der dem Premiere-Diplom entspricht und die Türen zu einem Hochschulstudium öffnet. So wollen wir die EST-Klassen umbenennen, um dies zu verdeutlichen. Was nun den diesjährigen Bedarf an Lehrstellen angeht, bekamen wir viele Ausbildungsplätze für die DAP-Lehrlinge, für die CCP-Auszubildenden verzeichnen wir aber noch ein leichtes Defizit.
Luxemburger Wort: Die Einführung einer Gesamtschule wurde aber bislang nicht zurückbehalten.
Mady Delvaux-Stehres: Das Konzept wird seit Jahren immer wieder aufgegriffen. In den 70er-Jahren wurde es abgestimmt, scheiterte dennoch in der Umsetzung, weil es für viel Unmut sorgte. Einen "tronc commun" einzuführen, ohne inhaltliche Änderungen in den Schulen, ohne die Lehrmethoden zu überarbeiten, ergibt, wie es das deutsche Beispiel zeigt, keine zufriedenstellenden Resultate. Statt mich auf einen ideologischen Kleinkrieg einzulassen, konzentrieren wir uns darauf, jedem Schüler die bestmögliche Qualifikation zu gewährleisten.
Luxemburger Wort: Welchen Rat möchten Sie anschließend den Lehrern zum Schulbeginn erteilen?
Mady Delvaux-Stehres: Ich weiß, dass die Herausforderungen groß sind, und die Erwartungen an die Schule hoch angesetzt sind. Die Lehrer befassen sich nicht mehr lediglich mit der Wissensvermittlung, sondern müssen auch erzieherische und psychologische Aufgaben meistern. So möchte ich den Lehrern sagen, dass sie stolz auf ihren Beruf sein können.
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