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Lëtzebuerger Journal: Deutschlands Verteidigungsminister Thomas de Maizière ruft die Verbündeten betreffs Afghanistan zu "strategischer Geduld" auf. Gilt das auch außerhalb verteidigungspolitischer Kreise? Oder läuft sich die Diplomatie schon warm für die Zeit nach dem Truppenrückzug?
Jean Asselborn: Strategische Geduld ist notwendig, denn es handelt sich in Afghanistan um die Bekämpfung einer strategischen Bedrohung, nämlich des internationalen Terrors. Dies ist keine Aussage, um die schon erzielten Fortschritte zu leugnen. Seit Jahren setzt die Internationale Gemeinschaft auf das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Bereichen: militärische Sicherheit, aber vor allem wirtschaftliche Entwicklung und politische Einigung der verfeindeten Seiten müssen Hand in Hand gehen.
Lëtzebuerger Journal: Ist am Hindukusch nicht schon aktuell mehr diplomatischer als militärischer Einsatz vonnöten -jetzt, wo das Kriegsgebiet sich zunehmend nach Osten, Richtung Pakistan, verlagert?
"Ohne Sicherheit keine Entwicklung und umgekehrt"
Jean Asselborn: Der frühere UN-Generalsekretär hat das, was in Afghanistan vonnöten ist, sehr gut resümiert: dass ohne Sicherheit keine Entwicklung und ohne Entwicklung keine Sicherheit zu erreichen sei. Das gilt nicht nur für Afghanistan, sondern für die gesamte Region.
Deshalb wird man sich auch in Zukunft vermehrt der Situation in Pakistan zuwenden müssen, so wie auch der Sicherheit in der gesamten Region. Man darf dabei nicht vergessen, dass diese Sicherheit auf regionaler Ebene von mehr als nur zwei Ländern abhängig ist. Auch Indien spielt mit und kann eine konstruktive Rolle spielen, um die ganze Region zu befrieden.
Lëtzebuerger Journal: Kann die internationale Gemeinschaft verhindern, dass Afghanistan ein gescheiterter Staat wird?
Jean Asselborn: Die Internationale Gemeinschaft ist gegenwärtig dabei, die Grundlagen für einen voll funktionierenden Staat zu legen, zusammen natürlich mit der afghanischen Regierung. Um dies zu erreichen, unternehmen die UNO und die EU gewaltige Bemühungen im Bereich der Justiz, des Unterrichtswesens, der Gleichstellung von Mann und Frau, der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung sowie des politischen Dialogs zwischen den verfeindeten Parteien. Leider werden diese Bemühungen ungenügend in der internationalen Presse hervorgestrichen. Die rezenten Attentate von Seiten der Aufständischen sind wohl spektakulär, haben aber kaum Einfluss auf die reale Sicherheit. Sie zeigen allerdings auch, dass die afghanische Bevölkerung in erster Linie Opfer dieses blinden Terrorismus ist.
Lëtzebuerger Journal: War die Zielsetzungdes Militäreinsatzes falsch oder die Erwartungen an sich quasi automatisch anschließende zivile Fortschritte zu hoch?
Gesundheit, Bildung und die Emanzipation der Frau
Jean Asselborn: Es wird keine langfristigen zivilen Fortschritte geben, falls die Sicherheitslage nicht im Griff ist. Hierzu war und ist der militärische Einsatz der ISAF-Truppen notwendig. Zurzeit machen wir gute Fortschritte bei der Übergabe der Sicherheitsverantwortung in den Provinzen Afghanistans an die Afghanischen Sicherheitstruppen. Hiermit bereiten wir den Weg für ein progressives Abziehen der internationalen Truppen. Gleichzeitig führen wir unsere Entwicklungsarbeit fort und fahren weitere Projekte im Rahmen der fortdauernden Partnerschaft mit Afghanistan hoch.
Luxemburg hat die Notwendigkeit einer "comprehensive approach" früh erkannt. Wir sind seit Jahren militärisch präsent, um zu helfen, den wichtigen Flughafen Kabul abzusichern. Und wir haben über viele Jahre Entwicklungshilfe geleistet im Bereich der Gesundheit, des Schulwesens und der Emanzipation der Frau. Die Resultate sind klar erkennbar, sehr viele junge Mädchen besuchen heute afghanische Schulen. Nur dieses Zusammenspiel von militärisch garantierter Sicherheit und Entwicklungshilfe kann zu dauerhaften Resultaten führen. Wir sollten stolz darauf sein, dass auch hier Luxemburg einen Beitrag leistet.
Lëtzebuerger Journal: Welches ist die zivile Perspektive für das Land und die Region?
Jean Asselborn: Die Zielsetzung ist ganz klar: aus Afghanistan einen normal funktionierenden Staat zu machen. Die eigene Zukunft sollen das afghanische Volk und die demokratisch gewählte Regierung bestimmen. Auf diesem Weg können sie langfristig auf die zivile Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft zählen. Die Afghanistan-Konferenz, die die Afghanen mit den Deutschen Anfang Dezember in Bonn organisieren, wird die Weichen stellen für dieses Engagement der Internationalen Gemeinschaft in den nächsten Jahren.
Lëtzebuerger Journal: Herr Außenminister, wir danken für das Gespräch.
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