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TELECRAN: Steigende Arbeitslosigkeit, Rückgang des Wirtschaftswachstums - befinden wir uns in einem günstigen Umfeld für die Solidarwirtschaft?
ROMAIN SCHNEIDER: Gerade in dieser schwierigen Zeit bietet sich die Gelegenheit, verschiedene Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sich auf den eigentlichen Mehrwert der Solidarwirtschaft zu besinnen: Menschen einen Job zu geben und neue Arbeitsplätze zu schaffen, etwa im Bereich von sozial innovativen Dienstleistungen, die von der Gesellschaft gebraucht, aber von kommerziellen Unternehmen nicht angeboten werden.
TELECRAN: Das tun doch bereits die Beschäftigungsinitiatiyen. Was ist denn anderes bei der Solidarwirtschaft?
ROMAIN SCHNEIDER: Die Beschäftigungsinitiativen sind ein Teilbereich der Solidarwirtschaft, der spezifisch auf die Beschäftigung von Arbeitslosen ausgerichtet ist. Sie unterstehen deshalb dem Arbeitsministerium, derweil die Solidarwirtschaft ein weitaus breiteres wirtschaftliches Tätigkeitsfeld abdeckt und global im Wirtschaftsministerium angesiedelt ist. Es gibt auch andere Strukturen, wie Genossenschaften oder mutuelles, die sich ebenfalls an den Regeln der Solidarwirtschaft orientieren: Demokratie, Nachhaltigkeit und soziale Ausrichtung des Profits. Der Gewinn wird nicht an Aktionäre verteilt, sondern bleibt im Betrieb.
TELECRAN: Außer einer jährlichen Konferenz hört man kaum etwas von der Solidarwirtschaft. Welche konkreten Fortschritte gibt es, seitdem Sie der erste delegierte Minister für Solidarwirtschaft hierzulande sind?
ROMAIN SCHNEIDER: Wir sind bewusst nicht an die Presse herangetreten, sondern wollten das Thema erst mit Inhalten füllen. In Luxemburg bin ich der erste Minister für Solidarwirtschaft und auch europaweit wohl der Einzige, obwohl es Länder gibt, in denen die Solidarwirtschaft bereits ein Thema ist. Dieses Ressort musste also erst einmal aufgebaut werden. Seit achtzehn Monaten sind wir voll operationsfähig, da wir in der Aufbauphase kompetente Mitarbeiter und geeignete Räumlichkeiten finden mussten. Im vergangenen Jahr wurden etwa 50 bilaterale Gespräche mit allen Vertretern der Wirtschaft geführt. Als Bestandteil der Wirtschaft soll die Solidarwirtschaft auch ein Trumpf für die Wirtschaft werden. Während unserer jüngsten Konferenz, an der rund 250 Personen aus den verschiedensten Sparten teilnahmen, haben wir unseren ersten konkreten Aktionsplan 2012 vorgestellt: die wirtschaftliche Bedeutung der Solidarwirtschaft bekannt machen, eine sektorielle Plattform aufbauen, eine Schlichtungsstelle einführen und konkrete solidarwirtschaftliche Projekte fördern.
TELECRAN: "Proactif" geriet in die Schlagzeilen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Welche Lehren ziehen Sie aus dieser Entwicklung für den Aufbau der Solidarwirtschaft
ROMAIN SCHNEIDER: Die Frage der Transparenz stellt sich bei allen Strukturen, die eine Konvention mit dem Staat haben. Die Regierung pocht auf Transparenz. Deshalb wurden die Beschäftigungsinitiativen auch Audits unterzogen. Das asbl-Gesetz wird vom Justizministerium überarbeitet, damit wir ein besseres einheitliches Regelwerk bekommen, das für jeden gilt.
TELECRAN: Die Beschäftigungsinitiativen werden zu 75 Prozent vom Staat bezahlt. Und die Solidarwirtschaft?
ROMAIN SCHNEIDER: Es wird bei einer gemischten Finanzierung bleiben: Es wird Strukturen geben, die sich selber tragen, andere die vom Staat bezuschusst werden. Dabei können auch EU-Hilfestellungen berücksichtigt werden, die sich mit den sozialen Aspekten der Betriebswirtschaft befassen. ml
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