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MAZ: Herr Juncker, Sie sind beliebt bei den Deutschen. Unter den ausländischen Regierungschefs der Eurozone genießen Sie nach einer Forsa-Umfrage mit 76 Prozent die größte Sympathie ...
Jean-Claude Juncker: Ich möchte nicht beliebt sein, sondern respektiert werden.
MAZ: Respektiert sind Sie vor allem als Euro-Retter. Griechenland bleibt vorerst dank des zweiten Rettungspaketes zahlungsfähig. Schließen Sie aus, dass es ein weiteres Rettungspaket geben wird?
Jean-Claude Juncker: Dass weitere Anstrengungen von unserer Seite notwendig sind, kann ich angesichts der unsicheren internationalen Lage nicht ausschließen. Ohnehin gehe ich nicht davon aus, dass man Griechenland innerhalb von zehn Jahren - um es salopp zu formulieren - in Ordnung bringen kann. In Griechenland geht es uns nicht nur um Einsparungen, sondern auch um Strukturreformen, die Athen Wachstumsperspektiven öffnen.
MAZ: Das Rettungsprogramm ist das eine. Das andere die Lage in Griechenland selbst. Was ist, wenn nach der Wahl im April Parteien an die Macht gelangen, die den bisherigen Reformversprechen nicht mehr nachkommen sollten?
Jean-Claude Juncker: Die Führer der beiden großen Parteien in Griechenland - der sozialistischen Pasok und der konservativen Nea Dimokratia - haben sich schriftlich verpflichtet, dass das, was jetzt Programm ist, auch nach der Parlamentswahl Programm bleibt. Sollten allerdings extreme Parteien derart gestärkt werden, dass Pasok oder Nea Dimokratia nicht fähig wären, eine mehrheitsfähige Koalition zu bilden, und dann Politiker regieren würden, die sich von dem Rettungsprogramm verabschieden, dann würden wir uns auch verabschieden.
MAZ: Das heißt, Sie können eine Insolvenz Athens in den nächsten Monaten nicht völlig ausschließen?
Jean-Claude Juncker: Das ist nicht meine Arbeitshypothese, weil ich davon ausgehe, dass Griechenland sich an die Auflagen halten wird und eine der großen Parteien eine stabile Regierung wird bilden können. Daher glaube ich nicht, dass wir auf eine ungeordnete Insolvenz Griechenlands zusteuern werden.
MAZ: Sie betonen ungeordnete Insolvenz. Wäre die Eurozone denn auf eine geordnete Insolvenz Griechenlands vorbereitet?
Jean-Claude Juncker: Wenn die Gespräche über die Beteiligung privater Gläubiger die erwarteten Ergebnisse bringen und die nötigen Struktur- und Haushaltsmaßnahmen noch in diesem Monat in Athen verabschiedet werden, wird es keine Insolvenz geben - welche auch immer.
MAZ: Vielen armen Griechen wird ein harter Sparkurs zugemutet. Warum hat Europa so wenig getan, um die Kapitalflucht zu behindern?
Jean-Claude Juncker: Letzte Woche wurden in der Schweiz erstmals Auslandskonten eines griechischen Millionärs gesperrt. Das ist viel zu spät passiert. Es geht nicht an, dass wir als Eurozone der Kapitalflucht wie von einer Zuschauertribüne aus zusehen. Reiche Griechen, die sich der Steuer entziehen und damit gegen die Interessen des eigenen Volkes handeln, müssen belangt werden. Zwar ist es wegen des freien Kapitalmarktes in Europa nicht einfach, das Problem des Fluchtgeldes zu lösen, aber wir müssen es anpacken.
MAZ: Helmut Schmidt sagte einmal, wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Haben Sie Euro-Visionen?
Jean-Claude Juncker: Ich habe Ambitionen. Europa macht mich nicht krank. Ich muss also nicht zum Arzt. Wir müssen wieder lernen, stolz auf das zu sein, was wir erreicht haben. Uns allen geht es besser, als es uns ginge, wenn wir den Euro nicht hätten. Wir brauchen ihn, denn sonst würden wir in ein währungspolitisches Chaos versinken.
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