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TELECRAN: Herr Minister, vor den Osterferien haben Sie gemeinsam mit der Familienministerin einen Jugendpakt vorgestellt. An erster Stelle wurden Maßnahmen genannt, um die Jugendlichen besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Was soll sich konkret ändern?
NICOLAS SCHMIT: 60 Prozent der jugendlichen Arbeitsiosen haben keinen richtigen Schulabschluss. Wie können wir diese Menschen vorwärts bringen? Diese Frage stellt sich europaweit. In der EU beträgt die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit 22 Prozent. Es gibt Länder, in denen jeder zweite Jugendliche keinen Job hat. Da tickt eine Zeitbombe. Ohne Gegenmaßnahmen steuern wir geradewegs in eine Katastrophe. Deshalb brauchen wir einen Aktionsplan. Er wird derzeit finalisiert und in Kürze den Sozialpartnern vorgestellt. Ich will eine "Garantie jeunes" einführen: Jeder arbeitslose Jugendliche muss spätestens innerhalb von vier Monaten ein Jobangebot von der Adern vorliegen haben.
TELECRAN: Vier Monate muten aber nicht sehr kurz an! Wie lange dauert es denn jetzt?
NICOLAS SCHMIT: Die Adem braucht eben Zeit, um das Profil des Jugendlichen, seine Berufswünsche und Möglichkeiten zu klären. Tatsache ist: Spätestens innerhalb von vier Monaten wird ein Angebot vorliegen müssen. Das kann ein Arbeitsplatz sein oder eine Ausbildung am INFPC, ein "Contrat d'appui-emploi" (CAE), ein "Contrat d'initiation a l'emploi (CIE) oder eine Lehrstelle in einem Betrieb. Aber und das ist ganz wichtig: Dem Jugendlichen muss klar gemacht werden, dass er selber gefordert ist und mitmachen muss.
TELECRAN: Und wenn er dies nicht tut?
NICOLAS SCHMIT: Dann wird er nicht mehr unterstützt. Die Adern wird künftig viel strenger vorgehen. Termine sind wahrzunehmen, Auflagen zu respektieren.
TELECRAN: Neben der Adem gibt es zahlreiche andere Stellen für Jugendliche auf Jobsuche. Wie sollen sie sich da zurechtfinden? Und wie wollen Sie verhindern, dass die Arbeitslosen von einer Dienststelle zur anderen laufen, ohne konkrete Resultate vorzulegen?
NICOLAS SCHMIT: Indem wir enger zusammenarbeiten. Im Juni wird die "Maison de l'orientation" offiziell eröffnet. Dort werden die verschiedenen Dienststellen unter einem Dach funktionieren, also die Action locale pour Jeunes" (ALJ), der "Service National de la Jeunesse (SNJ) und die Adem mit ihrem Berufsinformationszentrum (BIZ). Ziel ist es also, die Kräfte zu bündeln und effizienter zu arbeiten. Auch die Gemeinden will ich in den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit einbinden. Sie haben die Möglichkeit, Jugendliche aufzufangen, die sich weder bei der Adern noch sonst wo melden und andernfalls durchs Raster rutschen würden. Außerdem will ich die Arbeitskontrakte CAE und CIE reformieren, Sie müssen effizienter und mit Inhalten gefüllt werden. Im Herbst werde ich ein entsprechendes Gesetz einbringen. Es darf nicht mehr so sein, dass Jugendliche mit CAE-Kontrakt als billige Arbeitskräfte genützt werden, ohne irgendeine Ausbildung zu bekommen.
TELECRAN: Wie konnte es überhaupt zu einer derartigen Schieflage kommen?
NICOLAS SCHMIT: Wir kommen aus einer Zeit, in der Geld kein Problem war. Es stand zur Verfügung und konnte genutzt werden, ohne sich um Resultate zu sorgen. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt wird genau überprüft, was mit dem vielen Geld passiert und was es gebracht hat. Im Rahmen eines Seminars, das im Mai stattfindet, wird der ganze Sektor der arbeitspolitischen Maßnahmen unter die Lupe genommen. Daran sind unter anderem auch der Statec und die Forschungsstelle Ceps beteiligt. Sie sind Mitglied des "Observatoire de l'emploi" (Retel*), den ich im vergangenen Jahr ins Leben gerufen habe.
TELECRAN: Die Zahl der Jugendlichen, von denen es heißt, sie seien schwer vermittelbar, steigt. Wie wollen Sie denen helfen?
NICOLAS SCHMIT: Diese Jugendlichen sind unser größtes Problem. Ihnen muss schnell und effizient geholfen werden. Die Spaltung der Gesellschaft, die bereits begonnen hat, muss gestoppt werden. Für diese Jugendlichen brauchen wir Strukturen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Es geht um die Vermittlung von sozialen Grundkenntnissen über korrektes Benehmen, Disziplin usw. Entsprechende Kurse werden in einer ersten Phase von den Ausbildungszentren der Beschäftigungsinitiativen "Proactif' und "Forum pour l'Emploi" angeboten, mit denen das Ministerium eine Konvention abgeschlossen hat. Anschließend werden Berufsmöglichkeiten überprüft und Praktika in den Betrieben angeboten. Jeder Jugendliche wird von einem Erzieher begleitet. Vorgesehen ist auch eine Art Taschengeld, das etwas niedriger ist als das Lehrlingsgehalt.
TELECRAN: Was ist der Reiz für die Betriebe, solche Jugendlichen einzustellen?
NICOLAS SCHMIT: Ich glaube, es gibt viele Betriebe, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind und die bereit wären, anzupacken. Solche Unternehmen könnten mit einem Label ausgezeichnet werden, wie etwa "coup de pouce pour jeunes". Das ist eine neue Idee, ich arbeite gerade daran. Außerdem denke ich über neue Arbeitsfelder nach. Mit Nachhaltigkeitsminister Marco Schank habe ich bereits sondiert, wie man mehr "grüne Arbeitsplätze schaffen und die dafür notwendigen Ausbildungen mit dem Handwerk in die Wege leiten könnte. Auch im Bereich der Pflege- und der Altersheime sowie in der Kinderbetreuung bieten sich Möglichkeiten an.
TELECRAN: Wie steht es um die gängigen Lehrberufe?
NICOLAS SCHMIT: Die Länder, die die besten Resultate im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit aufzeigen, sind jene, die das duale Ausbildungssystem in der Schule und im Betrieb gefördert haben. Deshalb will ich die Lehrberufe aufwerten mit einer großen Initiative unter dem Motto "Fit for Handwerk'.
TELECRAN: Sie haben sich viel vorgenommen...
NICOLAS SCHMIT: Ich bin überzeugt, dass wir die Probleme nicht mit bürokratischen Mitteln oder mit Geld allein lösen können. Wir brauchen eine neue Dynamik in der Gesellschaft. Auch Jugendliche, die schwach sind, haben irgendwo Stärken, und die gilt es auszuloten und zu fördern. Andererseits sage ich ganz klar, dass die Jugendlichen sich selbst am Riemen reißen müssen. Sie haben nicht nur das Recht auf Dienstleistungen, sondern müssen sich auch aktiv beteiligen. All das klappt natürlich nur, wenn wir eine effiziente Adern haben. Und daran arbeiten wir.
TELECRAN: Wer ist denn der Ansprechpartner für den arbeitsiosen Jugendlichen? Wird es wie im Gesundheitsbereich eine Art "Referenzarzt" geben, der seinen Werdegang begleitet und ihn an die richtigen Stellen lotst?
NICOLAS SCHMIT: Diese Rolle erfüllt der "conseiller professionnel", also der frühere "placeur" bei der Adern. Er wird der "Referenzarzt" des Jugendlichen. Die Jugendabteilung der Adern muss unbedingt ausgebaut werden. Sie ist derzeit nur mit fünf Mitarbeitern besetzt. Das ist lächerlich. Außerdem soll jedes lokale Arbeitsamt künftig mindestens einen Mitarbeiter haben, der sich spezifisch um die Belange der Jugendlichen kümmert. In diesem Land stecken wir Milliarden von euro in Gebäude und Straßen, aber wir investieren nicht genug in "Software", also in Menschen. Bei der Adern arbeiten viele engagierte Mitarbeiter. Aber es wurde versäumt, in Weiterbildung zu investieren. Prinzipiell ist esja so: In Luxemburg gibt es Arbeit. Innerhalb eines Jahres wurden 10 000 Jobs geschaffen. Die Jugendlichen müssen also so aufgestellt werden, dass sie für die Jobs, die geschaffen wurden, auch qualifiziert sind.
TELECRAN: Welche Rolle spielen die Beschäftigungsmaßnahmen im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit?
NICOLAS SCHMIT: Da gibt es zwei Aspekte: Die Solidarwirtschaft muss gefördert werden, denn auch sie bietet Jugendlichen eine Arbeitsperspektive. Die eigentlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollen hingegen nur in allerletzter Instanz für Jugendliche, die im Berufsleben starten, in Frage kommen.
TELECRAN: Welchen Zeitrahmen haben Sie sich gesetzt, um diese Pläne zu verwirklichen?
NICOLAS SCHMIT: Die "garantie jeunes" soll spätestens Ende dieses Jahres stehen, die Ausbildungsmaßnahmen noch vor den Sommerferien.
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