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Oliver Rehling: Eine Laudatio das ist eine Lobrede. Wofür werden Sie Wolfgang Schäuble loben?
Jean-Claude Juncker: Ich werde den Teufel tun, jetzt schon im Detail auszuführen, was ich Morgen vortragen werde. Aber ich werde die europäische Rolle Wolfgang Schäubles würdigen, und das was er in Deutschland, und für Deutschland gemacht hat, hatte ja auch immer einen europäischen Anspruch, insofern verfügt er über eine komplette deutsch-europäische Biographie.
Oliver Rehling: Was bewundern Sie an ihm?
Jean-Claude Juncker: Ich mag Minister die Detailkenntnisse haben, die sich nicht zufrieden geben mit dem was man ihnen aufschreibt, sondern die handwerkliches Wissen anderer kombinieren mit eigener Vorstellungskraft.
Ich mag an Wolfgang Schäuble den festen Wertekanon, den er vertritt, und an den er sich hält. Ich mag an ihm, dass er ein Pfeiler europäischer Politik geworden ist, weil er, obwohl das auch Dissens im Einzelnen manchmal geben mag, an dieser alten und richtigen zukunftsweisenden Idee festhält, dass Europa Friedenspolitik mit anderen Mitteln ist.
Oliver Rehling: Der Philosoph Jürgen Habermas hat Wolfgang Schäuble einmal „den letzten profilierten Europäer“ genannt. Das klingt fast schon ein bisschen nach Endzeitstimmung. Werden die Anhänger der europäischen Idee rarer? Sind die großen Europäer eine aussterbende Spezies?
Jean-Claude Juncker: Das was Habermas gesagt hat, und was im Kern ja auch stimmt, nämlich, dass Wolfgang Schäuble einer der profiliertesten Europapolitiker in Deutschland ist, ist nicht als Nachruf zu werten, sondern als aktuelle Beschreibung. Schäuble macht immer wieder deutlich, dass, wenn es ums Ganze geht, man manchmal auch die europäische Streckenführung der nur nationalen Streckenführung vorziehen muss, weil im Endeffekt den europäischen Nationen am besten gedient ist, wenn Europa weiter kommt.
Oliver Rehling: Ein Land steht symptomatisch für die Krise die Europa derzeit durchlebt, und das ist Griechenland. Spätestens seit gestern bahnt sich dort eine Katastrophe an, alles ist da denkbar, auch ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, dann wären alle Rettungsbemühungen mehr oder weniger umsonst gewesen. Fürchten Sie um den Bestand der Europäischen Union?
Jean-Claude Juncker: Ich fürchte weder um den Bestand der Europäischen Union, noch um den Bestand der Eurozone. Zu meinen Arbeitshypothesen gehört das auch nicht, den Austritt Griechenlands aus der Eurozone ins Auge zu fassen.
Wir müssen jetzt zusammenstehen. Die Griechen müssen ihre Soliditätsleistung erbringen, das haben sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht gemacht. Und wir anderen Europäer müssen zur Solidarität bereit sein. Aber die Hauptaufgabe ist von den Griechen zu erledigen.
Und ich kann nur hoffen, dass sich nach der sich wieder ankündigenden Parlamentswahl in Griechenland parlamentarische Verhältnisse ergeben, die beides möglich machen, nämlich europäische Solidarität, und positive Begleitung des verabredeten Programmes. Das weiß Griechenland selbst.
Oliver Rehling: Herr Juncker, noch sind Sie Mister Euro, Chef der Eurogruppe der Europäischen Union. Aber Sie haben signalisiert, dass Sie Ihr Amt abgeben wollen. Wird Wolfgang Schäuble Ihr Nachfolger?
Jean-Claude Juncker: Ich habe wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass Wolfgang Schäuble die adäquate Besetzung für diesen Job wäre.
Oliver Rehling: Haben Sie ganz vielen Dank.
Jean-Claude Juncker war das, der luxemburgische Premierminister und Vorsitzender der Eurogruppe. Morgen wird er die Laudatio halten wenn Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister, in Aachen den Karlspreis zuerkannt bekommt.
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