|
Luxemburger Wort: Gleich vorweg: Was ändert sich zur Rentrée 2012-2013?
Mady Delvaux-Stehres: Nun, mit der Rentrée ist die Reform im gesamten Land endgültig in Kraft getreten. Mit dem Zyklus 4.2. werden nun auch die letzten Schüler nach dem neuen System unterrichtet und bewertet. Für die anderen Schüler ändert sich nichts: Programme und Bilanzen bleiben die gleichen. Auch in den Sekundarschulen bleibt es beim Status quo. Im Herbst werden nun die Gespräche zur Reform wieder aufgenommen mit der neu formierten Lehrerdelegation, aber auch mit den Schülern und Eltern sowie den politischen Partnern, um bis April zu einer Lösung zu gelangen. Die einzige Änderung betrifft eben die Schüler des Zyklus 4.2., die erstmals nach dem neuen System in den Sekundarunterricht orientiert werden. Erstmals wird diese Orientierung u. a. aufgrund der "bilans" vorgenommen. Größtenteils ändert sich an der Prozedur nur wenig: Sie bleibt die gleiche, nur die Instrumente wurden ausgewechselt. Neben den Arbeiten, die bestehen bleiben, fließen eben jetzt auch die Bilanzen mit ein, in denen vermerkt wird, ob der Schüler die nötigen "socles" erreicht haben. Ein Gremium - bestehend aus dem Inspektor, Grundschullehrern, einem Psychologen und zwei Sekundarschullehrern - entscheidet auf Basis dieser "Instrumente", ob das Kind auf ES, EST oder Modulaire orientiert wird. Wenn die Eltern nicht damit einverstanden sind, besteht die Möglichkeit auf ein "Examen de recours". Mit den Bilanzen erhoffe ich mir eine bessere Einbindung der Eltern, die ja während des Schuljahres via Gespräche dazubezogen werden. 98 Prozent der Eltern bestehen ja auch auf einem Spos-Test, welcher in die Entscheidung des Gremiums mit einfließt. Die Prozedur ist, wie gesagt, praktisch die gleiche geblieben. Nur die Instrumente haben geändert.
Luxemburger Wort: Die Elternvereinigung Fapel hat ja beispielsweise ein eigenes Orientierungskonzept vorgeschlagen, da sich viele Eltern nicht einbezogen fühlen...
Mady Delvaux-Stehres: Die Fapel hat tatsächlich ein fundiertes und gründliches Konzept vorgelegt mit einer Vision, die. mir gut gefällt. Allerdings können wir die nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen. Das Projekt zeigt aber einen interessanten Pfad auf. Grundsätzlich besteht das Konzept darin, dass ein professionelles Gremium eingesetzt wird, das sich ausschließlich der Orientierung widmet und das von den Eltern um Rat gebeten werden kann. Eine gute Idee, die progressiv aufgebaut werden muss. In knapp zwei Wochen wird zum Beispiel aber schon die Maison de l'orientation in Betrieb genommen, an die sich die Eltern wenden können.
Luxemburger Wort: Sie sind also offen für eine stärkere Einbindung der Eltern?
Mady Delvaux-Stehres: Auf jeden Fall! Schließlich liegt die Verantwortung für die Kinder letztlich immer noch bei den Eltern. Deshalb bleibt es wichtig, den Dialog mit den Eltern aufrecht zu halten. In skandinavischen Ländern ist der Dialog mit den Eltern, die regelmäßig in der Schule mit eingebunden werden, bereits Tradition. Diesen Weg wollen wir einschlagen. Das bedeutet aber auch, dass die Eltern sich die Zeit nehmen müssen, um sich mit den Bilanzen auseinanderzusetzen. Studien zeigen aber ganz klar, dass der schulische Erfolg der Kinder oft aus dem Zusammenspiel von Schule und Eltern resultiert.
Luxemburger Wort: In diesem Zusammenhang wurde vor kurzem eine erste "Bilanz zu den Bilanzen" veröffentlicht. Während die Eltern das neue System überwiegend gut fanden, bleiben die Lehrer skeptisch. Wie erklären Sie sich diese Dissonanz?
Mady Delvaux-Stehres: Das Resultat haben wir mit größtem Interesse zur Kenntnis genommen, vor allem da wir uns eine repräsentative Beteiligung der Eltern erhofft haben. Ich sage nicht, dass das, was die Lehrer sagen, falsch sein soll - nämlich dass ihrer Meinung nach die Eltern Schwierigkeiten hätten, die Bilanzen zu verstehen. Ein Großteil der Eltern, die an der Umfrage teilgenommen haben, finden die Bilanzen aber interessant und kommen gut damit klar. Natürlich kann man noch über die genaue Form diskutieren, das Prinzip aber, das ein klares Bild zu den Kompetenzen des Kindes liefert, scheint die Eltern aber anzusprechen. Und das ist ermutigend. Denn die Bilanzen sind eine große Umstellung. Für die Lehrer, die überdenken müssen, wie sie das Kind bewerten und beobachten. Aber auch für die Eltern, die mit Punkten und Zensuren groß geworden sind. Wir haben schließlich mit einer Tradition gebrochen! Das Resultat der Umfrage stimmt aber optimistisch.
Luxemburger Wort: Sorgen bereitet Ihnen aber die große Zahlen Schülern, die letztes Jahr in den Modulaire orientiert wurden?
Mady Delvaux-Stehres: Ja! Wir sind dabei, diese Begebenheit näher zu untersuchen und die Resultate zu interpretieren. Ich kann Ihnen derzeit noch nichts dazu sagen. Doch es bereitet uns große Sorgen!
Luxemburger Wort: Können Sie uns im Gegenzug aber etwas über die erste große Bilanz zur Grundschulreform verraten, die Sie Ende des Jahres vorstellen wollen?
Mady Delvaux-Stehres: Nein, kann ich leider noch nicht. Die Bilanz beträgt zwei Teile. Ein erster Teil wird derzeit noch von der Uni Luxemburg erhoben. Ein zweiter Teil wird von Sigi König zusammengestellt, der lange Zeit im Unterrichtsministerium tätig war. Er hat das Material gesammelt, u. a. sämtliche Berichte von Inspektoren und Gremien sowie unzählige Gespräche mit Lehrern, Schulpräsidenten, Eltern, Gewerkschaften und Gemeindeverantwortlichen geführt. Wir wollen schließlich objektiv bleiben. Deshalb wird das Unterrichtsministerium bei der Erhebung nicht eingebunden. Im Dezember wird die Bilanz aber vorliegen. Und anschließend wird sie wohl von den verschiedenen Partnern entsprechend kommentiert werden.
Luxemburger Wort: Bislang haben Sie in dieser Hinsicht aber ein offenes Ohr gezeigt und verschiedene Kritiken bereits bei Änderungen an der Grundschulreform mit einfließen lassen. Sind noch weitere Anpassungen geplant?
Mady Delvaux-Stehres: Das offene Ohr werde ich auch weiterhin haben! Aber ändern wird sich zunächst nichts. Wir können nicht jedes Jahr die Bilanzen anpassen! Schließlich brauchen die Akteure eine gewisse Routine, um mit den neuen Instrumenten umzugehen. Allerdings befasst sich gerade eine Arbeitsgruppe mit den Inhalten der Bilanzen, zum Beispiel was die Stufen oder Beschreibung verschiedener Kompetenzen angeht. Eigentlich keine fundamentalen Dinge. Außerdem versuchen wir weiter, den administrativen Aufwand für Lehrer zu vereinfachen. Zum Beispiel funktionieren jetzt auch die informatischen Tools besser. Und dann möchte ich nochmals betonen, dass bei den Berichten oder Dossiers keine Bücher geschrieben werden müssen. Im Gegenteil: Lehrer sollen präzise nur das festhalten, was besprochen wurde und welche Schlussfolgerungen gezogen wurden. Das ist auch wichtig für das pädagogische Miteinander im Team. Damit andere Lehrer nachvollziehen können, was bei dem jeweiligen Kind festgehalten wurde. Wenn wir wollen, dass eine Schule im Team funktioniert, dann müssen Entscheidungen auch im Team genommen werden. Was aber sicher auch geprüft wird, ist der Arbeitsaufwand für die jeweiligen Schulpräsidenten. Besonders in kleineren Gemeinden sind die Präsidenten auf sich gestellt bei der Schulorganisation und Aufteilung der Klassen. Manche Gemeinden geben nämlich ihre Aufgaben an die Präsidenten weiter. Und die "décharges" für Letztere reicht nicht aus, um ihre Arbeit erledigen zu können. In diesem Punkt wollen wir eine Standardisierung für alle Schulen im Land herbeiführen. Interessant war es für uns, diese Verbindung zwischen Gemeinde und Schule zu beobachten. Bis dato hatten wir nur wenig Einblick in diese Arbeit. Durch die neuen Kompetenzen des Unterrichtsministeriums sehen wir aber, wieviele Ressourcen manche Gemeinden für die Schule freigeben.
Luxemburger Wort: Wäre in dieser Hinsicht denn nicht ein Schuldirektor von Vorteil?
Mady Delvaux-Stehres: Eigentlich nicht: Zum Beispiel ist die Überprüfung der "obligation scolaire" immer noch Aufgabe der Gemeinde. Doch wird diese oft an die Schulpräsidenten weitergereicht. Die administrativen Fragen werden durch die Einsetzung eines Schuldirektors nicht gelöst. Ohne Sekretariat wären sie in der gleichen Situation wie die Präsidenten. Dennoch ist die Einführung eines Direktors etwas, über das gesprochen werden muss: Denn wir bekommen die beiden Seiten zu Ohren: Manche sagen, dass es gut ohne klappt, andere fordern eine Schulspitze in Form eines Direktors. Doch was macht eine gute Schule aus? Ganz einfach: die Lehrer! Hinter einer guten Schule stecken immer gute Lehrer, die im Team arbeiten und sich verstehen.
Luxemburger Wort: Themawechsel: In puncto Änderungen gibt es noch die neuen Subsidien?
Mady Delvaux-Stehres: Genau, die beziehen sich auf die Sekundarschüler. Grundschulkinder können ihr Schulmaterial auch weiterhin kostenlos beziehen und Kinder bis zwölf Jahre profitieren darüber hinaus von den "Chèques services". Zu den Subsidien: Das "Centre de psychologie et d‘orientation scolaire" erhielt bis dato jedes Jahr rund 4.000 Anfragen von Sekundarschülern für finanzielle Unterstützung. Deshalb hat sich die Regierung dazu entschlossen, die Zuschüsse von knapp 200 Euro auf minimum 500 Euro zu erhöhen. Dazu soll noch ein Gutschein für Schulmaterial kommen, doch haben wir diesen nicht rechtzeitig mit den Buchhandlungen und Lieferanten umsetzen können. Aus diesem Grund erhalten die Betroffenen zusätzlich einen einmaligen Zuschuss über 300 Euro. Die meisten Anfragen - außer die der neuen Schüler natürlich - wurden bereits im Sommer bearbeitet und größtenteils ausgezahlt. Schließlich brauchen sie das Geld jetzt und nicht erst im Dezember.
Luxemburger Wort: Vielleicht noch ein paar Worte zur Sekundarschulreform: Zuletzt wurden Schüler von spezifischen Sektionen wie zum Beispiel A und E an manchen Universitäten, u. a. in der Schweiz, nicht mehr anerkannt. Wie gedenken Sie zu reagieren? Haben Sie in dieser Hinsicht bereits etwas unternommen?
Mady Delvaux-Stehres: Nun, auf die Entscheidung der angesprochenen Universitäten hat das Unterrichtsministerium kaum Einfluss. Allein aus Gründen der Zuständigkeit liegt es eher am Hochschulministerium und Minister Franois Biltgen, den Dialog mit den Kollegen im Ausland zu suchen - was auch bereits geschehen ist. Allerdings werden die Universitäten immer autonomer und können frei entscheiden, welche Kriterien sie zur Studentenauswall einsetzen. Doch können wir die Schüler beruhigen: Wenn sie an der einen Universität nicht angenommen werden, finden sich noch immer zahlreiche Alternativen. Wir dürfen das Ganze nicht hochspielen. Allerdings werden wir weiterhin die Qualität unserer Allgemeinbildung so gewährleisten, dass die Schüler aus Luxemburg den altbewährten Trumpf behalten, überall in Europa studieren zu können.
Luxemburger Wort: Nun betrifft die Bildung nicht nur die Kinder, sondern immer mehr Erwachsene widmen sich Studien, bzw. der Weiterbildung...
Mady Delvaux-Stehres: Das Institut de langue erstickt zum Beispiel an den zahlreichen Anfragen. Außerdem stellen wir fest, dass immer mehr Betriebe auf den Weg der Weiterbildung gehen. Die Krise hatte auf jeden Fall keine Auswirkungen auf die Bereitschaft, die Mitarbeiter aus- und weiterzubilden. Wir wollen deshalb auch versuchen, das Dokument zum Lifelong Learning bis Oktober fertigzustellen, um einen Rahmen für sämtliche Angebote in der Erwachsenen-, Berufs- und Weiterbildung zu setzen und zusammen mit den betroffenen Partnern eine Strategie auszuarbeiten. Nicht vergessen dürfen wir die "validation des acquis", die seit anderthalb Jahren ganz gut funktioniert. Bei der Einführung waren ja Stimmen laut geworden, die einen Überfluss an Diplomen befürchtet haben. Das Gegenteil ist der Fall: Ganz viele Anträge werden abgelehnt. Nicht dass das positiv wäre, sondern es zeigt, dass die Anfragen aber gewissenhaft überprüft werden. Auf jeden Fall aber bieten wir so Menschen eine Möglichkeit, die jahrelang in einem Sektor gearbeitet haben, ihre Erfahrung anerkennen zu lassen. Schließlich hört man niemals auf, dazuzulernen.
Luxemburger Wort: A propos "dazulernen": Die Schüler haben im anstehenden Schuljahr einige Kompetenzen vor Augen, die sie erlernen müssen. Welche Kompetenzen wollen Sie sich erarbeiten? Oder besser gesagt: Welche Ziele haben Sie sich für das Schuljahr 2012-2013 gesetzt?
Mady Delvaux-Stehres: Ich versuche stets, meine Kompetenzen zu verbessern (lacht). Aber mein Ziel ist es, dass unsere Schulen gut funktionieren, mit motivierten Schülern und engagiertem Lehrpersonal. Bei Reisen ins Ausland merke ich immer wieder, welche guten Voraussetzungen in Luxemburg herrschen. Deshalb gilt es, diese Chancen zu nutzen. Denn schließlich geht es um die Zukunft des Landes: Wenn wir es nicht fertigbringen, die Jugend auszubilden, fällt das auf uns alle zurück. Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, den Partnern zuhören und Lösungen anbieten, die wir gemeinsam umsetzen können.
|