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Joëlle Merges: Herr Staatsminister, Helmut Kohl gilt als Ihr Ziehvater in Europafragen. Wie würden Sie sein Wirken einordnen?
Jean-Claude Juncker: Zu Beginn seiner Kanzlerschaft wurde Helmut Kohl weder in Deutschland noch in Europa in die Kategorie der großen Staatsmänner eingereiht. Im Gegensatz zu vielen anderen ist Helmut Kohl für mich trotz seiner Verdienste um die deutsche Einheit weniger eine deutsch-deutsche Figur als eine europäische Figur, was ja kein Widerspruch an sich ist, weil die deutsche Wiedervereinigung ja ein überaus europäisches Ereignis war.
Joëlle Merges: Ihr Spitzname in der deutschen Presse war lange Zeit "Kohls Junior". Ein Ehrentitel?
Jean-Claude Juncker: Ich habe viel mit Helmut Kohl erlebt, ich verdanke ihm meinen Einfluss in Europa, weil er mir geholfen hat, mich unter den Staats- und Regierungschefs bekannt zu machen. Er war ein außerordentlicher Freund Luxemburgs, ich kann mich zum Beispiel an ein europäisches Gipfeltreffen erinnern, bei dem Luxemburg wegen der Steuerbegünstigung heftig attackiert wurde, worauf Helmut Kohl den Amtskollegen mit aller Deutlichkeit sagte: "Der deutsche Kanzler stimmt nicht gegen Luxemburg." Die Deutschen wissen gar nicht, was sie Helmut Kohl alles verdanken - die Luxemburger übrigens auch nicht. Und es stimmt auch nicht, dass Kohl mein Vorbild ist. Ich möchte ihm unbedingt nacheifern.
Joëlle Merges: Helmut Kohl gehört wie Sie zu den Vätern der Gemeinschaftswährung. Sein Euro-Erbe steht derzeit in Deutschland stark unter Beschuss. Wieso?
Jean-Claude Juncker: Es trifft zu, dass es ohne Helmut Kohl keinen Euro geben würde. Er hat den Deutschen die Gemeinschaftswährung mit Brachialgewalt auferlegt, weil er sich bewusst war, dass überall sonst in Europa noch immer ein großes Misstrauen gegenüber dem Demokratieverständnis der Deutschen vorherrschte. Dass diese nun gegen den Euro aufbegehren, hat auch damit zu tun, dass sie noch nie ganz glücklich waren, wenn ihnen etwas von außen aufgezwungen wird.
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