|
Luxemburger Wort: Die Solidarwirtschaft ist im Wirtschaftsministerium angesiedelt. Für viele ist es allerdings noch kein Begriff. Was ist Ihre Definition?
Romain Schneider: Die Solidarwirtschaft bietet Dienstleistungen für die Gesellschaft. Dahinter stecken gemeinnützige Vereinigungen (asbl), Genossenschaften, Stiftungen, Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit ... Was sie gemeinsam haben, ist eine "Nonprofit"-Ausrichtung. Im Vordergrund steht das Allgemeinwohl, und nicht das private Interesse. Die Einrichtungen verfolgen soziale Ziele, sie beschäftigen oft Personen, die eine besondere Betreuung benötigen.
Luxemburger Wort: Auf einer Kartografie des Sektors, die online abrufbar ist, sind auffällig viele Beschäftigungsinitiativen aufgeführt.
Romain Schneider: Die Solidarwirtschaft beschränkt sich nicht auf die Beschäftigungsinitiativen. Sie sind ein Teil davon, aber der Aktionsbereich ist viel umfassender. Die Kartographie wurde vor einiger Zeit mit Partnern von diesen Initiativen erstellt. Um das Bild zu vervollständigen, haben wir dann einen partizipativen Prozess eingeleitet. Anhand von Konferenzen und Arbeitsgruppen wollten wir den Rahmen abstecken und uns einen Gesamtüberblick verschaffen. Hervorgegangen ist eine Plattform, die nun in Kürze autonom funktioniert und als Ansprechpartner allen Akteuren zur Verfügung steht.
Luxemburger Wort: Welche wirtschaftliche Rolle spielt der Sektor?
Romain Schneider: Hier kann sich neben der herkömmlichen Privatwirtschaft ein anderes, ergänzendes Modell entwickeln. In der EU beschäftigt der Sektor elf Millionen Personen und trägt zu zehn Prozent des BIP bei. In Luxemburg stellt es sechs Prozent der Arbeitsplätze dar, und vier Prozent der Unternehmen sind damit verbunden. Zusammen mit dem Statec wollen wir diese Analyse noch vertiefen.
Luxemburger Wort: Wie ist es mit den finanziellen und rechtlichen Aspekten?
Romain Schneider: In den letzten Monaten haben wir eine neue Rechtsgrundlage, den "statut juridique pour société d'intrérêt général", ausgearbeitet, um die Solidarwirtschaft auszubauen. Die Gesetzesvorlage möchte ich noch vor Jahresende im Parlament einbringen. Wir tragen somit dem kommerziellen Aspekt Rechnung, damit die Akteure auch Erträge erwirtschaften können. Unverändert bleibt zwar, dass die Gewinnerzielung nicht das primäre Ziel ist. Den Strukturen ermöglichen wir aber einen Mix bei der Finanzierung ihrer Aktivitäten. Denn wenn wir das Modell nachhaltig ansiedeln wollen, ist mehr finanzielle Autonomie nötig. Eine Unterstützung des Staates bleibt indes erhalten, weil die Dienstleistungen der Allgemeinheit zugute kommen und ein Feld abdecken, das weder die Privatwirtschaft noch die öffentliche Hand als solches anbieten.
Luxemburger Wort: Droht kein unlauterer Wettbewerb zu den herkömmlichen Akteuren?
Romain Schneider: Wir haben uns in den Arbeitsgruppen damit beschäftigt. Auch der Unternehmerverband hat Überlegungen eingebracht. So haben wir zusammen mit der UEL eine Mediationsstelle gegründet. Verdachtsmomente auf unlautere Konkurrenz können hier gemeldet werden, bislang gab es aber kaum Beanstandungen. Meiner Ansicht nach reiht sich die Solidarwirtschaft sehr wohl in ein generelles wirtschaftliches Umfeld ein. Bereits jetzt gibt es im Bereich des Gartenbau- und Landschaftsbaus Beispiele von guter Zusammenarbeit, wo Beschäftigte der Sozialwirtschaft neben den klassischen Unternehmen Aufgaben ausführen können.
Luxemburger Wort: Und in Sachen Motivation: Wie werden neue Akteure aufgefordert, sich in der Solidarwirtschaft einzusetzen?
Romain Schneider: Das erfolgt über die Initiative "1,2,3 Go Social", die Firmengründer begleitet, sie gezielt in ihren Projekten unterstützt und anschließend die besten von ihnen kürt. Dieses Jahr wurden 31 Projekte unterbreitet, 24 wurden angenommen und am 8. November findet die Preisüberreichung statt. Wir wollen zeigen, dass die Solidarwirtschaft eine wichtige Rolle einnimmt. Sie bietet Arbeitsplätze, insbesondere für weniger qualifizierte Personen.
|