Interview von Carole Dieschbourg in der Revue

"Into the future"

Interview – Publié le

Interview : Revue (Isabel Spigarelli)

Revue: Das Umweltministerium stellte im November einen neuen Abfallplan für die nächsten sechs Jahre vor. Warum ist dieser nötig, Frau Dieschbourg?

Carole Dieschbourg: Alle sechs Jahre werden die Regelungen der aktuellen Lage angepasst. Seit 2015 konzipieren Arbeitsgruppen einen Plan, der die Entstehung einer Zirkularwirtschaft fördert — ganz im Sinne von Jeremy Rifkins "Dritte industrielle Revolution", die eine nachhaltige Entwicklung beabsichtigt. Trennung, Wiederverwendung und —verwertung lauten die Kernziele für den nachhaltigen Umgang mit Abfällen. Kauf, Benutzung, Entsorgung und Wiederverwertung — ein Kreis, der sich schließen muss.

Revue: In der Praxis bedeutet das?

Carole Dieschbourg: Mit 95 Maßnahmen wollen wir 52 Ziele erreichen. Die vielen Maßnahmen spiegeln die Vielzahl an Abfallsorten wieder, die man differenzieren muss. Sie reichen unter anderem von organischen Abfällen, Verpackungen oder Elektroschrott über Bauschutt, Holzabfälle und Reifen bis hin zu verschiedenen Fetten, Problemstoffen und sonstigen gefährlichen Abfällen. Wir streben deutliche prozentuale Reduzierungen in allen Bereichen an, um dem Ideal "zero waste" näher zu kommen.

Revue: Welche Rolle spielen die Gemeinden im neuen Abfallplan?

Carole Dieschbourg: Sie sind für die Bewirtschaftung der Haushaltsabfälle zuständig. Wir als Ministerium geben die Ziele und gesetzlichen Verpflichtungen vor.

Revue: Die sehen für die nächsten Jahre wie aus?

Carole Dieschbourg: Generell soll das Prinzip des "pollueur-payeur" gelten, beispielsweise für Haushaltsabfälle: Du zahlst, was du verbrauchst. Anstatt einer Pauschale, zahlt ein Haushalt das, was er an Abfall produziert und abgewogen wird. Des Weiteren sollen Biotonnen in allen Gemeinden eingeführt werden. Vor allem im Norden und Osten des Landes gibt es diese noch nicht, obschon sich die Müllabfuhr von "Tür zu Tür" bewährt hat. Darüber hinaus darf Grünschnitt aus Gründen der Luftqualität nicht mehr einzeln verbrannt, sondern soll in Hackschnitzanlagen als Heizkraft genutzt werden.

Anlagen gibt es an der Grenze zu Belgien, aber auch die Ackerbauschule in Luxemburg zeigt sich an der Übernahme solcher Prozesse interessiert. Die Abfallverwertung wird auch für den Bürger praktischer: Angedacht ist eine landesweite App, die aktuell und wohnortgetreu über die Müllabfuhr-Termine und über naheliegende Recyclingstellen informiert.

Revue: Wie steht es um das von DP-Abgeordneten Lamberty und Hahn geforderte Verbot von Einweggeschirr, wie in Frankreich?

Carole Dieschbourg: Wir verfolgen mit der Einführung nachhaltiger Mehrweg-Behälter zur Mitnahme von Essensresten oder Gerichten, der "Eco Box", und ebensolchem Geschirr ein anderes Modell als Frankreich. Dort gibt es lediglich eine Reglung die besagt, dass bis 2025 60 Prozent des Einweggeschirrs aus abbaubaren Materialien bestehen muss. Wir wollen hingegen Mehrwegprodukte fördern, die komplett ökologisch und wiederverwertbar sind.Nur so erreichen wir eine echte Minderung des Abfalls sowie des Ressourceneinsatzes —anstatt nur Scheinlösungen zu unterstützen.

Revue: Für all dies braucht es mehr als nur einen Abfallplan. Auch die Mentalität der Menschen muss sich wandeln.

Carole Dieschbourg: Es muss ein Paradigmenwechsel geschehen. Wir leben in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die weiter sensibilisiert werden muss. Viele Bürger sind bereit dafür. Wir müssen weg von den überschüssigen Verpackungen und hin zu einem bewussteren Umgang mit Waren, wie Lebensmitteln.

Revue: Ist letzterer so bedenklich?

Carole Dieschbourg: Ja, ein Großteil der Lebensmittelabfälle entsteht in Privathaushalten. 49.260 Tonnen Lebensmittel werden jährlich entsorgt — das sind 90 kg pro Kopf. Damit stammen 72 Prozent der gesamten Lebensmittelabfälle aus Haushalten, wie wir 2014 in einer Studie dokumentierten. 42 Prozent davon sind vermeidbare Abfälle: abgepackte Lebensmittel, noch essbare Reste.

Revue: Das sind hohe Zahlen, wenn man bedenkt, dass Luxemburg zu dem Zeitpunkt nur 549.700 Einwohner zählte.

Carole Dieschbourg: Besonders bedenklich ist, dass zehn Prozent der Lebensmittelabfälle, die im Restmüll landeten, originalverpackt und noch essbar waren. Bei 35 Prozent der Abfälle war zwar das vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen, die Produkte waren aber noch genießbar. Auch diese wanderten ungeöffnet vom Einkaufswagen in die Tonne.

Revue: Wie verhält es sich mit der Gastronomie, dem Handel und den Großküchen?

Carole Dieschbourg: Ihre Lebensmittelabfälle machen jeweils 9, 7,3 und 11,2 Prozent aus. Großküchen sind aus Kostengründen auf Müllvermeidung getrimmt. Im luxemburgischen Einzelhandel gibt es viele Initiativen zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen: Durch die Preisreduzierung von Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft, die Spende von Produkten an karitative Einrichtungen oder die Verfütterung an Tiere.

Revue: Ist ein generelles Verpackungsverbot für Lebensmittelhändler angedacht?

Carole Dieschbourg: Es gibt Läden, wie "Ouni", die auf Verpackungen verzichten. Das ist vorbildlich, wir wollen ihre Erfahrung nutzen. Mit einem allgemeinen Verbot der leichten Plastiktüten für lose Ware riskieren wir aber, dass Händler auf in Plastik portionierte Mengen an Gemüse und Obst zurückgreifen, der Verpackungs müll weiter steigt und der Einzelverkauf aus logistischen Gründen eingestellt wird. Insgesamt könnte dies zu einem unnötigen Erwerb größerer Mengen führen und somit wiederrum Verschwendung bedeuten.

Revue: Verpackungsmüll soll doch aber reduziert werden.

Carole Dieschbourg: Wir wollen nachhaltige Alternativen vorantreiben. Dabei bemühen wir uns um eine soziale und faire Produktion. Auf Tüten auf Mais oder Soja-Basis sollte verzichtet werden, auch diese Stoffe schaden dem Wasserorganismus und stellen eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion dar. Ab dem 1. Januar 2019 gibt es in Luxemburg zudem keine Einkaufstüten aus Plastik mehr umsonst. Wer diese gratis anbietet, macht sich dann strafbar. Wir wollen den einmaligen Verbrauch verhindern, den wir nur durch das Angebot robuster und nachhaltiger Tragetaschen vermeiden können. Wir optieren für leicht wiederverwertbares Papier oder ökologisch hergestellte Stoffsäckchen.

Revue: Das klingt nach einer Rückbesinnung.

Carole Dieschbourg: Die Devise lautet "back to the roots", wobei ich dies immer um "and into the future" ergänze. Mit altbewährten Methoden gestalten wir eine abfallfreie Zukunft.